Aus: Ausgabe vom 21.08.2018, Seite 8 / Ansichten

Düstere Prophezeiung

Athen aus »Hilfsprogrammen« entlassen

Von Heiner Flassbeck
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Brutaler Polizeieinsatz bei einer Demo gegen die Kürzungen der Regierung (Athen, 29.6.2011)

Im Sommer 2008 lag die Industrieproduktion in Griechenland bei einem Wert von 130, gemessen mit einem Index auf der Basis 2015 von 100. Im Sommer 2018, zum Abschluss der Programme, die Griechenland helfen sollten, hatte die Industrieproduktion den Wert 107 erreicht, nachdem sie zwischenzeitlich auf etwas unter 100 gefallen war. Der Umsatz des Einzelhandels lag 2008 bei 150 und liegt seit 2013 unverändert bei 100. Die offizielle Arbeitslosenquote lag im Sommer 2008 bei sieben Prozent und liegt heute, zehn Jahre später, bei 20 Prozent, nachdem sie zwischenzeitlich auf einen Wert von über 25 Prozent gestiegen war.

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Eine Rentnerin wird vor einer Bank von wartenden Kunden eingequetscht (Athen, 1.7.2015)

»Der Abschluss des Griechenland-Programms ist ein Erfolg. Die düsteren Prophezeiungen der Untergangspropheten sind nicht eingetreten. Das ist gut«, sagte der Bundesfinanzminister am Montag dem Handelsblatt. Was hätte eigentlich noch Schlimmeres passieren können? Ein Land hat dreißig Prozent seiner Produktion, seines Einkommens und seiner Lebensgrundlage verloren. Zehn Jahre nach Beginn der Krise, fünf Jahre nach Beginn der Intensivbehandlung gibt es kein Anzeichen dafür, dass der Patient sich erholen könnte. Aber die behandelnden Ärzte sagen, die Therapie sei erfolgreich gewesen, und es sei alles gut.

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Gedenken an einen Rentner, der sich vor Verzweiflung auf dem Syntagma-Platz das Leben nahm (Athen, 4.4.2012)

Was haben eigentlich die »Untergangspropheten« vorhergesagt? Hat jemand davon gesprochen, das Land werde von der Bildfläche verschwinden, werde sich systematisch leeren, weil die Bevölkerung ansonsten verhungert? Nein, jene haben gesagt, das Land werde eine schwere Krise durchleiden, und diese sei zum größten Teil unnötig, weil die Ärzte eine vollkommen falsche Therapie anwenden, weil sie eine vollkommen falsche ökonomische Theorie vertreten. Sie haben vorhergesehen, dass sich das Land nicht leicht von der Krise erholen wird, weil die falsche Therapie auch nach Ende der akuten Krise und sogar nach dem Ende der Programme fortgesetzt wird.

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Gedränge vor einer Suppenküche (Athen, 15.2.2017)

Alle diese Prophezeiungen sind absolut richtig gewesen, und man fragt sich, warum ein deutscher SPD-Finanzminister, der persönlich gar nicht zu den falschen Entscheidungen beigetragen hatte, sich nun flugs die Schuhe seines CDU-Vorgängers überstreift und so tut, als sei alles gut. Das Gegenteil ist der Fall: Griechenland steht für das kollektive Versagen großer und gewichtiger Organisationen, die sich zu einer Troika vereint haben und mit der Unterstützung der wichtigen Finanzminister in der Euro-Zone das größte anzunehmende Unheil angerichtet haben, das man sich überhaupt hatte vorstellen können.

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Ärzte und Pflegekräfte protestieren gegen Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen mit einem Banner, auf dem der deutsche Finanzminister zu sehen ist (Athen, 15.3.2017)

Und Deutschland, das vorneweg die immer noch ungelöste Krise des Euro zu verantworten hat, ist der Staat, der am Beispiel Griechenland wenigstens hätte lernen können, mit seinen Vorurteilen gegenüber anderen Ländern zurückhaltend zu sein. Doch nicht einmal das ist gelungen, wie jüngst Italien zeigte. Nichts ist gut.

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