Aus: Ausgabe vom 20.08.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Lizensierter Raub

Australische Landeigentümer pumpen Grundwasser für Verkauf an Getränkekonzerne ab

Von Thomas Berger
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Trockener Kontinent: Wassertank im Südwesten des australischen Bundesstaates Queensland

Australien gilt als der trockenste bewohnte Kontinent. Anhaltende Dürreperioden und damit einhergehende Buschbrände sind nicht selten. In den gemäßigten Breiten des Südostens allerdings, dem Einzugsgebiet der sich später vereinigenden Ströme Murray und Darling mit ihren zahlreichen Seitenarmen und Zuflüssen, war die im Lande notorisch beklagte Wasserknappheit lange Zeit kein Thema. Anscheinend war genug von dieser wichtigen Ressource für alle vorhanden. Und wenn diese gelegentlich doch einmal knapp wurde, waren dies Perioden meist recht schnell überstanden.

Vor dem Hintergrund von globalem Klimawandel und Wetterveränderungen im größeren Maßstab, heizt das Problem auch in Downunder bestehende Konflikte ums Wasser an. Das betrifft vor allem die die nationale Ökonomie prägende Landwirtschaft, die ihre Felder bewässern und ihr zumeist intensiv gehaltenes Vieh tränken müssen. Auch die Mineralwasserindustrie ist ein Kombattant im Gerangel um das kostbare Nass, denn was in Australien aus den Leitungen fließt, kann selten ohne Bedenken getrunken werden. Die Branche ist mit einem geschätzten Geschäftsvolumen von 800 Millionen Australischen Dollars (AUD; etwa 510 Millionen Euro) ein beachtlicher Wirtschaftszweig, auch wenn sie nicht an Bergbau oder Landwirtschaft heranreicht.

»Water Mining« gilt inzwischen als negativ konnotierter Begriff. Gemeint ist das rigorose Abpumpen von Grundwasser durch einzelner Landbesitzer, die damit zugleich die Ressourcen der Nachbarn beschneiden. Vielerorts kämpfen lokale Gemeinschaften gegen derartige »Unternehmer«, die steigende Mengen Grundwasser entnehmen und an Flaschenabfüller verkaufen.

Ein Beispiel dafür ist das Tweed Valley im Norden des wirtschaftlich wichtigsten Bundesstaates New South Wales. Das Problem »entzweit die örtliche Gemeinschaft«, räumte Larry Karlos bereits im März gegenüber Reportern des TV-Senders ABC ein. Karlos zählt zu jenen, die Grundwasser weit über den Eigenbedarf hinaus entnehmen und zur Flaschenabfüllung in die nächste größere Stadt bringen lassen. Seine Nachbarn betrachten dies deshalb mit wachsender Sorge. Patrick O‘ Brien, Landwirt in vierter Generation, sieht die Zukunft seiner Kinder in Gefahr. Dieser Raubbau ist nach seiner Meinung auch verantwortlich dafür, dass der Bilambil Creek, ein natürlicher Wasserlauf der Region, zunehmend austrockne.

In der Tweed Water Alliance (TWA) haben sich besorgte Anwohner zusammengeschlossen, um für die aus ihrer Sicht allen gleichermaßen zustehende natürliche Ressource zu kämpfen. »Es ist nicht einfach nur die Förderung von Wasser«, machte TWA-Mitglied Jeremy Tager gegenüber ABC deutlich. Vielmehr habe man eine florierende Branche im Visier, die auf teilweise gesetzlose Weise agiere: »Sie ignorieren Auflagen, verlängern Förderzeiten und verwenden größere Trucks zum Abtransport. Zudem scheint es, als würden sie auch teilweise Wasser pumpen, das ihnen gar nicht zusteht – das ist dann Diebstahl.« Karlos indes will von solchen Vorwürfen nichts wissen. Alles gehe legal zu, schließlich habe er die Genehmigung, von seinem Land aus jährlich 60 Millionen Liter Grundwasser zu fördern und zu verkaufen.

Genau derartige Lizenzen sind aber ein Grundproblem. Das zeigt sich an vielen Konflikten und dem aktuell am stärksten eskalierten Streit in Stanley. Die Kleinstadt liegt im Bundesstaat Victoria, gut 250 Kilometer nordwestlich der Metropole Melbourne. Nur knapp 400 Einwohner hat der Ort, was im ländlichen Australien eine durchaus gängige Größe ist. Dort steht der Kommunalverband vor dem Bankrott, weil er 90.000 AUD an Gerichtskosten aufbringen muss. Der Grund: Die Gemeinde hat alle Prozesse gegen den aus Sicht der Mehrheit stattfindenden Wasserraub verloren. Mit dieser Rechnung zahlt Stanley jetzt die Zeche für den Mut, überhaupt bis vor den Obersten Gerichtshof gezogen zu sein, um für die Gemeinschaftsressource zu streiten.

Gegenspieler ist auch hier ein Privatmann. Grundstücksbesitzer Stanley Pastoral hat vom lokalen Wasserverband die Genehmigung, bis zu 50 Millionen Liter pro Jahr zu extrahieren. 19 Millionen Liter davon fördert er seit etwa zwei Jahren aus dem Grundwasser – und zwar, um es nach kurzer Zwischenlagerung in Tanks in die Stadt Albury, etwa 50 Kilometer entfernt, bringen zu lassen. Dort wird es in einer über die Tochterfirma »Mountain H2O« zum globalen Großkonzern Asahi-Schweppes gehörenden Fabrik umgefüllt und landet dann als Flaschenwasser in Läden und Supermärkten.

Die Richter blieben stur. Selbst die Tatsache, dass die Entnahme in zum ökologischen Schutzgebiet deklarierten Terrain erfolgt, das die kommunalen Entscheidungsträger auch aus Sorge um die natürlichen Ressourcen dort eingerichtet haben, beeindruckte weder die Vorinstanz noch das Oberste Gericht Victorias. Im Dezember fiel dort die finale Entscheidung, dass alles rechtens sei. Landbesitzer Pastoral könne sich darauf berufen, dass es kein explizites Extraktionsverbot für Grundwasser im Schutzgebiet gebe.

Das macht Schule. Schon gibt es in Stanley mindestens einen weiteren Grundbesitzer, der seinerseits bis zu 19 Millionen Liter jährlich zwecks Verkauf an die Mineralwasserfabrik abpumpen will. Als Gipfel der Ungerechtigkeit empfinden die übrigen Bürger und der Gemeinderat allerdings das Folgeurteil, das aus dem April datiert. Den da legte ein Richter fest, dass die Kommune eben jene Gerichtskosten zu tragen habe. Die Aktivisten haben sich inzwischen mit Bitte um Unterstützung an das globale Kampagnennetzwerk »SumOfUs« gewandt. Allein kann Stanley die Summe jedenfalls nicht aufbringen.

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