Aus: Ausgabe vom 20.08.2018, Seite 7 / Ausland

Gespannte Erwartung

In Venezuela gilt ab heute ein neues Währungssystem. In den Tagen zuvor spitzte sich die Lage zu

Von Modaira Rubio, Caracas
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Venezuelas Präsident Nicolás Maduro am 25. Juli bei der Präsentation der neuen Geldscheine in Caracas

Mit dem heutigen Montag verschwinden in Venezuela fünf Nullen aus den Preislisten. Neue Geldscheine sollen die durch die Hyperinflation der vergangenen Monate wertlos gewordenen Banknoten ablösen und den Weg für eine wirtschaftliche Erholung des südamerikanischen Landes freimachen. 100.000 »alte« Bolívares entsprechen nun einem »Souveränen Bolívar« (Bs.S). Der wird an die Anfang des Jahres eingeführte Kryptowährung »Petro« gekoppelt, die wiederum mit dem Erdölpreis verbunden ist. Der Tauschwert zwischen Bolívar und Petro soll ab Montag täglich von der Zentralbank veröffentlicht werden. Zum Auftakt sollen ein Petro bzw. 3.600 Bs.S umgerechnet 60 US-Dollar wert sein. Der neue monatliche Mindestlohn beträgt einen halben Petro.

Ursprünglich war die Währungsumstellung bereits für den 4. Juni angekündigt worden und es sollten nur drei Nullen gestrichen werden. Dann wurde sie auf den 4. August verschoben, weil sich die Banken nicht in der Lage sahen, die Verteilung der Scheine rechtzeitig zu bewältigen. Ende Juli kündigte Staatschef Nicolás Maduro eine nochmalige Verzögerung bis zum 20. August an, weil die Reform nun Teil eines größeren Gesamtpakets ist. So teilte Maduro am Mittwoch mit, dass die Benzinpreise künftig auf etwa 1,50 US-Dollar pro Liter angehoben werden sollen – wie in den Nachbarstaaten. Dadurch soll dem Schmuggel des Treibstoffs vor allem nach Kolumbien – der Venezuela jährlich bis zu 18 Milliarden US-Dollar kostet – die Grundlage entzogen werden. Zuletzt lag der Preis für einen Liter Benzin zwischen einem und sechs Bolívares – was nach dem offiziellen Wechselkurs zwischen 0,0000035 und 0,000021 Euro entspricht. Damit hatte Venezuela nach Angaben des Internetportals Global Petrol Price die niedrigsten Benzinpreise weltweit. An eine Anhebung traute sich jahrzehntelang keine Regierung mehr heran, denn im Februar 1989 hatte eine solche Maßnahme den »Caracazo« ausgelöst, einen Volksaufstand, in dessen Folge mehrere tausend Menschen getötet wurden. Die Folgen der Preissteigerung sollen durch direkte Subventionen für die Autofahrer aufgefangen werden. Deshalb hatte die Regierung in den vergangenen Wochen alle Fahrzeugbesitzer aufgerufen, ihre Autos registrieren zu lassen.

Um die Umstellung zu erleichtern, hat Maduro den heutigen Montag für arbeitsfrei erklärt. Bereits am Freitag blieben die Schalter in den Filialen geschlossen und am Wochenende stellten alle Finanzinstitute den elektronischen Zahlungsverkehr ein, um die Systeme umzustellen. Auch viele Geschäfte verzichteten am Wochenende darauf, ihre Türen zu öffnen. Im Land herrscht Anspannung, denn vieles ist nach wie vor unklar. So weiß niemand, was die neue Währung für die Preise im öffentlichen Nahverkehr bedeutet. Bislang lagen sie bei 15.000 bis 20.000 Bs. – künftig also 0,15 bis 0,20 »souveränen Bolívares«. Die kleinste Münze soll aber 0,50 Bs.S sein.

Eines der zentralen Finanzprobleme der vergangenen Monate war das Fehlen von Bargeld. Banknoten wurden gezielt nach Kolumbien verschoben, wo sie in grenznahen Städten für das Vierfache ihres Nennwertes aufgekauft wurden. Damit fehlten den Menschen in Venezuela die Barmittel, um etwa den öffentlichen Nahverkehr bezahlen zu können. Die Menschen behalfen sich mit Zahl- und Kreditkarten, die fast überall das Bargeld ablösten. Selbst Straßenhändler in Caracas wiesen mit selbstgemalten Schildern darauf hin, dass man bei ihnen mit Karte zahlen konnte. Die Regierung verspricht nun, dass die Währungsumstellung auch den Schmuggel von Banknoten beenden wird. Tatsächlich gibt es jedoch Berichte, dass im kolumbianischen Cúcuta bereits die neuen Scheine verkauft wurden – bevor sie überhaupt in Venezuela im Umlauf waren.

Die Nervosität wurde in der vergangenen Woche durch eine Reihe von Stromausfällen weiter verschärft. Im westlich gelegenen Bundesstaat Zulia, der nach Caracas wichtigsten Region des Landes, blieben fast fünf Tage lang die Lichter aus. Am Freitag morgen kam es in der Nähe des Präsidentenpalastes Miraflores in Caracas zu Auseinandersetzungen zwischen Anwohnern und der Polizei, nachdem dort der Strom für fast 24 Stunden ausgefallen war. Auch in Táchira, Mérida, Aragua und Carabobo wurden am Freitag Stromausfälle gemeldet. Und die Inflation explodierte noch einmal: Für einen Dollar wurden am Wochenende mehr als sieben Millionen »alte« Bolívares gezahlt. Der Preis einer Zwei-Liter-Flasche Cola lag bei 20 Millionen Bolívares – dem Vierfachen des bisherigen Mindestlohns.

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