Aus: Ausgabe vom 20.08.2018, Seite 6 / Ausland

»Jahrhundertflut« in Kerala

Hunderte Tote im Süden Indiens. 350.000 Menschen evakuiert, Schäden in Milliardenhöhe

Von Thomas Berger
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Retter in Aluva im Bundesstaat Kerala bringen am Sonnabend Menschen in Sicherheit

Im Süden Indiens zeichnet sich nach durch Dauerregen ausgelösten Überschwemmungen weiter keine Entspannung ab, auch wenn die Niederschläge am Wochenende etwas nachgelassen haben. Die Zahl der Toten stieg auf über 350, die Behörden sprechen von der schlimmsten Flutkatastrophe seit mehr als 100 Jahren. Und noch immer warteten Tausende Menschen auf Rettung.

In Südasien ist Monsunzeit, heftige Regenfälle sind in diesen Wochen nichts Ungewöhnliches. Doch diesmal fielen die Regenfälle im äußersten Süden des Landes seit dem 8. August besonders stark aus und sie halten an. In vielen Teilregionen schüttete es rund zehn Tage lang ununterbrochen.

Allein aus dem besonders stark betroffenen Distrikt Ernakulam wurden 54.000 Bewohner in Sicherheit gebracht. Auf dem Campus der Sri-Sankaracharya-Universität in Kalady hatten sich etwa 600 Studenten in höhergelegene Gebäudeteile geflüchtet, aus denen sie am Sonnabend evakuiert werden konnten. Insgesamt ist von mehr als 350.000 Menschen allein im Bundesstaat Kerala die Rede, die in die gut 3.000 eingerichteten Nothilfelager gebracht wurden. Mindestens 20.000 Häuser sollen komplett zerstört sein, ebenso landwirtschaftliche Kulturen auf über 40.000 Hektar, dazu 16.000 Kilometer Straßen höheren Ranges, 82.000 Kilometer lokale Verkehrswege und mindestens 134 Brücken, so die indische Nachrichtenagentur PTI und andere Quellen. Die Behörden gehen aktuell von materiellen Schäden in Höhe von 210 Milliarden Rupien (2,63 Milliarden Euro) aus – doch noch sind längst nicht alle Zerstörungen erfasst.

Neben den Kräften des nationalen Katastrophenschutzes sind auch Angehörige der indischen Streitkräfte im Einsatz. 67 Helikopter und 24 Flugzeuge sind im Überflutungsgebiet unterwegs, mit mehr als 500 Motorbooten fahren die Helfer in die teilweise völlig überschwemmten Ortschaften. Auch Küstenwache und Einsatzkräfte anderer Unionsstaaten sind in die Maßnahmen eingebunden. Bis Sonnabend hatten die Retter 1,4 Millionen Liter Trinkwasser und 300.000 Notrationen verteilt, 150 mobile Anlagen zur Trinkwasseraufbereitung wurden installiert. Doch sogar der Flughafen der Provinzstadt Kochi musste geschlossen werden, was die Bemühungen zusätzlich erschwert. Der Eisenbahnminister der Zentralregierung, Piyush Goyal, verkündete inzwischen, dass die Staatsbahn kostenfrei Hilfsmaterial aus anderen Landesteilen sowie zwischen den verschiedenen Gebieten Keralas transportieren werde. Aber auch die Bahn hat ihre Probleme, einzelne Streckenabschnitte können gar nicht mehr oder nur noch eingeschränkt genutzt werden.

Indiens Premierminister Narendra Modi traf am Freitag im Überflutungsgebiet ein, verschaffte sich aus der Luft einen Überblick, sprach mit Helfern und traf sich mit den Vertretern der Behörden Keralas. Dabei kündigte Modi finanzielle Hilfen der Zentralregierung in Höhe von fünf Milliarden Rupien (knapp 63 Millionen Euro) an – zusätzlich zu einer Milliarde, die der Innenminister bereits am 12. August versprochen hatte. Jeweils 200.00 Rupien sollen zudem die nächsten Angehörigen der Todesopfer erhalten. Modi wies die zuständige Behörde an, vor allem die Highways als zentrale Verkehrsachsen wieder in Ordnung zu bringen. Während auch Keralas Chefminister betonte, man habe die Lage weitgehend unter Kontrolle, kam aus den Reihen der linken Opposition deutliche Kritik an mangelnder Koordination und nicht ausreichenden Hilfen. Sitaram Yechury, Generalsekretär der Kommunistischen Partei Indiens (Marxistisch), besuchte am Sonntag ein Flüchtlingslager und sprach mit den Betroffenen. Mehr als 1.200 Mitglieder des parteinahen Jugendverbandes DYFI beteiligten sich als Freiwillige an Rettungs- und Aufräumarbeiten.

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