Aus: Ausgabe vom 20.08.2018, Seite 2 / Ausland

»Man muss das Kapitel des Krieges abschließen«

Kolumbianische Guerillabewegung ELN verhandelt mit Regierung. Sorge angesichts der Ermordung zahlreicher sozialer Aktivisten. Gespräch mit Pablo Beltran

Interview: Interview: FM, Havanna
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Pablo Beltran (r.), Vertreter der Delegation der Nationalen Befreiungsarmee (ELN) und der Unterhändler der Guerilla, Aureliano Carbonell, bei einer Pressekonferenz im August in Havanna

Was erwarten Sie vom neuen kolumbianischen Präsidenten Ivan Duque und seiner Regierung?

Wir hoffen, dass sie die Friedensgespräche wieder aufnehmen. Ich weiß nicht, wie sich der neue Präsident positioniert. Was die juristische Aufarbeitung (des Krieges; jW) anbelangt, muss es natürlich Gerechtigkeit geben. Das Wichtigste aber ist Wahrheit. Deshalb haben wir immer gesagt: Wir brauchen die ganze Wahrheit und Wahrheit für alle! Auf diesem Grundsatz müssen Verantwortung und Gerechtigkeit fußen.

Fürchten Sie nicht, dass es eine Art »demokratische Sicherheitspolitik« geben könnte, die die Nationale Befreiungsarmee, Ejército de Liberación Nacional, ELN, auf militärischem Weg besiegen kann?

Wir halten die kolumbianische Elite für intelligent. In jeder Phase dieses Konfliktes haben wir alle unsere Lektionen gelernt. Von Duque habe ich in seiner Rede am Tag des Wahlsieges gehört, dass »es keinen Hass mehr geben soll«. Und das Gegenteil von Hass sind Dialog und Versöhnung.

Sind Sie auch in Venezuela präsent?

Diese 2.200 Kilometer lange Grenze ist voller binationaler Gemeinschaften. Nicht nur die Wayuù und die übrigen ethnischen Gruppen sind binational, sondern im allgemeinen alle Familien in dieser Region. Wir sind an der gesamten Grenze präsent. Das ist die erste Tatsache. Die zweite: Historisch gesehen hat aufgrund wirtschaftlicher Probleme und wegen des Konfliktes eine sehr große Migration von Kolumbien nach Venezuela stattgefunden. Die vorsichtigsten Schätzungen besagen, dass in Venezuela fünf Millionen Kolumbianer leben. Unter all diesen Vertriebenen und Flüchtlingen gibt es auch Leute, die mit dem ELN sympathisieren.

Welche Art von Unterstützung haben Sie von der venezolanischen Regierung erhalten?

Vor kurzem sagte der aus dem Amt scheidende kolumbianische Präsident Santos in einem Interview mit der französischen Presseagentur AFP, dass der Friedenprozess mit den FARC und auch mit dem ELN dank der Unterstützung Venezuelas vorangetrieben werden konnte. Wenn eine Friedensdelegation des ELN irgendwohin fahren muss, nach Brasilien oder nach Quito (in Ecuador; jW) oder jetzt nach Havanna, dann ist es die venezolanische Regierung, die diese Delegation in ihrer Grenze empfängt und sie dorthin bringt, wo die Treffen stattfinden sollen. Die Kosten werden zum Teil von Venezuela übernommen und zum Teil von der Gruppe der Staaten, die den Dialog unterstützen und daran mitarbeiten.

Warum bestehen Sie auf dem bewaffneten Kampf?

Das ELN hat seit 1989 auf seinen nationalen Kongressen immer wieder eine Entscheidung getroffen: »Wir müssen eine politische Lösung für den Konflikt finden«. Wir hoffen, dass dies mit Präsident Duque geschieht. Man muss das Kapitel des Krieges abschließen. Mit der letzten Regierung haben wir uns unter dieser Prämisse grundsätzlich auf einen bilateralen Waffenstillstand geeinigt. Das Wichtigste ist, dass die Friedensgespräche im Rahmen einer beiderseitigen Waffenruhe geführt werden. Es bedarf einer größtmöglichen Anstrengung, um zu einem neuerlichen bilateralen Pakt über einen Waffenstillstand zu gelangen. Dafür hatten wir bereits 80 bis 90 Prozent des Weges zurückgelegt. Es fehlen noch ungefähr zehn Prozent, und ja, das sind schwierige Punkte. Es braucht eine weitere Runde von Debatten und Verhandlungen. Unter diesen Bedingungen fanden die Diskussionen hier in Havanna statt.

Was sind das für »schwierige Punkte«? Was beinhalten diese »zehn Prozent«, über die keine Einigkeit hergestellt werden konnte?

Wir sind sehr besorgt angesichts der Ermordung führender sozialer Aktivisten. Im Monat Juli wurden mehr als einer pro Tag umgebracht. Der Staat muss ernsthafte Verpflichtungen eingehen, um diesen Genozid zu stoppen. Im Moment hat er das getan, deshalb sind wir an den Verhandlungstisch zurückgekehrt. Dennoch bleibt das auch weiterhin ein schwieriges Thema, denn die Regierung sagt: »Wir haben damit nichts zu tun«.

Pablo Beltran ist Comandante und Chefunterhändler der kolumbianischen Guerillaorganisation ELN beim Friedensdialog mit der Regierung

Eine Langversion des Interviews erschien beim in Bogota ansässigen Radiosender »La FM«.

Übersetzung: Andreas Schuchardt


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