Aus: Ausgabe vom 18.08.2018, Seite 15 / Geschichte

Von außen gesteuert

Vor 65 Jahren wurde der iranische Premier Mossadegh auf Betreiben der USA und Großbritanniens durch einen Militärputsch entmachtet

Von Knut Mellenthin
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Nach seiner Entmachtung wurde der iranische Premier angeklagt. Mossadegh vor einem Kriegsgericht im November 1953

Am 19. August 1953 wurde der iranische Regierungschef Mohammed Mossadegh durch eine Kombination aus Gewaltaktionen gekaufter Schlägerbanden und einem Militärputsch entmachtet. Hinter diesem Vorgehen standen der britische Secret Intelligence Service (SIS) und die CIA. Sie hatten den Sturz des populären Politikers seit 1952 geplant und seit Frühjahr 1953 unter dem Decknamen »Operation Ajax« praktisch vorbereitet. Treibende Kraft war die britische Regierung, die durch die Politik Mossadeghs neben der Verfügung über die Erdölvorkommen des Iran auch ihre geostrategischen Interessen im Nahen und Mittleren Osten gefährdet sah.

Ölförderung verstaatlicht

Der damals 68jährige war am 29. April 1951 von Schah Reza Pahlavi zum Premierminister ernannt und am 6. Mai vom Abgeordnetenhaus mit 99 gegen drei Stimmen im Amt bestätigt worden. Vorausgegangen war am 15. März ein vom Parlament beschlossenes Gesetz über die Verstaatlichung der Anglo-Iranian Oil Company (AIOC), die sich in britischem Besitz befand. Mossadeghs Aufgabe war es nun, die Verhandlungen mit Großbritannien über die Umsetzung dieser Entscheidung zu führen. Ein zentraler Streitpunkt war die Höhe der von den Briten geforderten Entschädigung.

Zu dieser Zeit erhielt der Iran nur zwischen 20 und 25 Prozent der Gewinne der AIOC. Die Iraner hatten statt dessen einen Anteil von 50 Prozent gefordert. Ermutigt wurden sie durch eine entsprechende Vereinbarung zwischen der Arabian-American Oil Company (Aramco) und dem saudischen Königshaus, die am 30. Dezember 1950 abgeschlossen worden war. Die britische Weigerung, sich mit dem Iran auf dieser Basis zu einigen, hatte im Januar 1951 Massendemonstrationen in Teheran für die Nationalisierung der AIOC ausgelöst, die durch Fatwas – religiöse Rechtsgutachten – schiitischer Mullahs unterstützt wurden. Der seit Sommer 1950 amtierende Premierminister Ali Rasmara widersprach der Forderung mit Hinweis auf die Gefahren britischer Vergeltungsaktionen – und wurde am 7. März 1951 durch einen Attentäter ermordet. Es folgten das Verstaatlichungsgesetz vom 15. März, die Ernennung Mossadeghs zum Regierungschef am 29. April und am 1. Mai 1951 die Zustimmung des Schahs zur Gründung der staatlichen National Iranian Oil Company.

In diesem Zusammenhang spitzte sich der Streit zwischen dem Iran und der AIOC um deren Erdölraffinerien in Abadan zu, die damals als weltweit größter Anlagenkomplex dieser Art galten. Auf dem Höhepunkt des Konflikts verließen die rund 4.500 britischen Mitarbeiter der AIOC auf deren Anweisung im September 1951 das Land. Durch den Abzug der Techniker kam die Erdölförderung im Iran vorübergehend fast zum Erliegen. Außerdem verhängte das Vereinigte Königreich eine effektive Seeblockade mit Kriegsschiffen im Persischen Golf, um alle Ölexporte aus dem Iran zu verhindern. Begleitet wurde dieses aggressive Vorgehen durch die Beschlagnahme der iranischen Konten im Vereinigten Königreich und ein Embargo gegen den Iran, das unter anderem britische Stahllieferungen betraf. Das Zusammenspiel der Maßnahmen hatte eine drastische Verschlechterung der iranischen Wirtschaftslage und wachsende Opposition gegen Mossadegh in einflussreichen Kreisen des Landes zur Folge.

Großbritannien verschärfte den Konflikt noch weiter, nachdem der konservative Politiker Winston Churchill, Premierminister in den Kriegsjahren 1940 bis 1945, am 26. Oktober 1951 erneut Regierungschef wurde. Seit dem 20. Januar 1953 stand ihm mit Dwight D. Eisenhower ein republikanischer US-Präsident zur Seite. Während Eisenhower anfangs die Idee eines von den USA geförderten Putsches in Teheran skeptisch beurteilte, ließ er sich schon im März von einigen seiner Berater überzeugen, dass Iran kurz vor dem Zusammenbruch stehe und dieser nicht zu verhindern sei, solange Mossadegh an der Macht bleibe. Am 4. April 1953 erhielt die CIA-Residenz in Teheran eine Million Dollar, um insbesondere mit Propagandaaktionen und durch Pflege persönlicher Kontakte auf den Sturz des iranischen Premiers hinzuarbeiten.

Der Putsch

Die entscheidenden Diskussionen zwischen den verantwortlichen Funktionären des SIS und der CIA über den geplanten Putschverlauf fanden vom 13. bis zum 30. Mai in Nikosia auf Zypern und vom 9. bis zum 14. Juni 1953 in der libanesischen Hauptstadt Beirut statt. Mossadeghs Nachfolger sollte General Fazlollah Zahedi werden, der zeitweise Innenminister in dessen Kabinett gewesen war. Am 1. Juli stimmte Churchill, am 11. Juli auch Eisenhower dem Operationsplan zu.

Der Start des Putsches am 15. August verlief jedoch zunächst nicht erfolgreich. Mossadegh war über das geplante Vorgehen informiert und ließ das Kommando, das ihn in seinem Haus verhaften sollte, seinerseits durch eine bereitgestellte militärische Einheit festnehmen. Am 16. und 17. August beherrschten loyale Truppen Plätze und Straßen der Hauptstadt, während Hunderttausende für den Premierminister demonstrierten und den Schah als »Veräter« verurteilten. Der Monarch verließ daraufhin fluchtartig das Land.

Die Wende trat erst am 19. August ein, nachdem Mossadegh seinen Truppen im Vertrauen auf eine Zusage der US-Botschafters Anweisung gegeben hatte, »die Straßen von Demonstranten zu säubern«, unter denen Aktivisten der immer noch verbotenen, aber praktisch tolerierten und mit Mossadegh zusammenarbeitenden sozialistischen Tudeh-Partei eine führende Rolle gespielt hatten. Daraufhin übernahmen bezahlte Schlägerbanden und Schah-Anhänger die Herrschaft über die Straßen und vertrieben mit Hilfe anderer Teile der Streitkräfte die für Mossadegh mobilisierten Truppen. Negativ für Mossadegh wirkte sich auch aus, dass ihn maßgebliche Geistliche, die anfangs zu seinen Unterstützern gezählt hatten, jetzt wegen seiner säkularen Kulturpolitik bekämpften.

Der Premier wurde nach heftigen, neun Stunden dauernden Kämpfen um sein Haus festgenommen. Am 21. Dezember 1953 wurde er zu drei Jahren Einzelhaft verurteilt. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis im Dezember 1956 wurde er bis zu seinem Tod am 5. März 1967 in einem nordiranischen Dorf unter Hausarrest gestellt. Statt einer regulären Beisetzung wurde er im Erdboden unter seinem Wohnzimmer verscharrt.

Mehrere von Mossadeghs politischen Weggefährten und Mitstreitern, darunter Außenminister Hossein Fatemi, wurden nach dem Putsch hingerichtet. Hunderte oder Tausende Mitglieder der Tudeh-Partei wurden in den folgenden Monaten verhaftet und eingesperrt, viele von ihnen gefoltert und ermordet. Die CIA brauchte 60 Jahre, bevor sie sich 2013 zu ihrer Mitverantwortung bekannte, und weitere vier Jahre, bevor sie 2017 zahlreiche Dokumente freigab.

Einleitung des Londoner Entwurfs für den Operationsplan »Ajax«

Die Politik der Regierungen der USA und des Vereinigten Königreichs erfordert als Alternative zum sicheren wirtschaftlichen Zusammenbruch im Iran und zum möglichen Verlust des Gebiets an den sowjetischen Machtbereich die Ablösung Mossadeghs. Nur durch eine planmäßige und kontrollierte Ablösung kann die Integrität und Unabhängigkeit des Landes sichergestellt werden.

General Zahedi ist die einzige Persönlichkeit im Iran, die gegenwärtig fähig wäre, an der Spitze einer neuen Regierung zu stehen, auf die man sich verlassen könnte, um die sowjetisch-kommunistische Infiltration zu unterbinden und grundlegende Reformen durchzuführen.

Der hier folgende Plan besteht aus drei aufeinanderfolgenden Phasen. Die ersten zwei Phasen gehen einer Aktion militärischer Art voraus. Sie schließen die derzeitige vorbereitende Unterstützungsperiode und die Massenpropaganda-Kampagne ein.

Diese Phasen werden von echtem Wert für die beiderseitigen Interessen der USA und des Vereinigten Königreichs sein, indem sie Mossadeghs Position zunehmend verletzbar und instabil machen. Das gilt auch dann, wenn die abschließende militärische Aktion nicht ausgeführt wird.

Die für die Umsetzung dieses Plan erforderlichen Gesamtausgaben werden auf 285.000 Dollar geschätzt. Davon werden 147.500 Dollar von den Diensten der USA und 137.500 Dollar von denen des Vereinigten Königreichs zur Verfügung gestellt.

Fundort des gesamten Dokuments: https://nsarchive2.gwu.edu/NSAEBB/NSAEBB28/appendix%20B.pdf

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