Aus: Ausgabe vom 17.08.2018, Seite 8 / Ansichten

Verschmähter Opportunist des Tages: Bodo Ramelow

Von Nico Popp
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Kann auch mit der CDU: Bodo Ramelow redet bei der Übergabe des sanierten Forstamtshauses in Paulinzella (15.6.2018)

Die politische Laufbahn des Thüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelow besteht aus einer für jeden empfindsamen Betrachter deprimierenden Abfolge von Versuchen, in dem Sektor des deutschen Politikbetriebs anzukommen, der dem bürgerlichen Durchschnittsverstand als respektabel gilt. Oberreformer in PDS und Linkspartei, aufdringliche Frömmelei, Verbeugungen vor verstockten Antikommunisten im Wochentakt, eine Regierungspolitik, an der seine CDU-Amtsvorgänger in Erfurt beim besten Willen nichts auszusetzen haben dürften: Achtung, hier will jemand dazugehören!

Erst am Mittwoch freute sich Ramelow auf Twitter neckisch, dass die neoliberale Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft das Bildungssystem seines Bundeslandes gut benotet hat. Und in der aktuellen Zeit erfährt man wirklich eklige Dinge: Ramelow werbe hinter den Kulissen schon länger für »Tabubrüche dieser Art« – nämlich Kooperationsmodelle von CDU und Linkspartei. »Die CDU muss sich dann überlegen, ob sie weiterhin eine verlässliche Kraft für dieses Land ist«, donnert Ramelow-Intimus Benjamin-Immanuel Hoff.

Nun aber werden dem Klassenbesten in Opportunismus die Grenzen aufgezeigt. Am 23. August fliegt Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz in Erfurt ein, um an einem Empfang der CDU-Landtagsfraktion teilzunehmen. Und Kurz will sich, wie die Thüringer Allgemeine am Donnerstag meldete, nicht mit Ramelow treffen: »Wie die Erfurter Staatskanzlei auf Anfrage mitteilte, gab es keinerlei Kontakt mit dem Kanzleramt in Wien. Nur über die österreichische Botschaft in Berlin sei mitgeteilt worden, dass es sich um eine Privatvisite von Kurz handele, ohne Protokoll.« Autsch. Was tun? Nochmal schnell mit betroffenem Gesicht in den alten »Stasiknast« in der Erfurter Andreasstraße? Ein Empfehlungsschreiben von Eppelmann? Eine Idee muss her! Denn ein Fototermin mit dem Mann, der in Wien mit der österreichischen Nachfolgepartei der NSDAP koaliert: Das wäre wirklich der Ritterschlag. Oder der letzte Tabubruch.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Dieter Braeg: Posten mit Schlüsselgewalt Der Herr Kurz kommt. Als Privatmann. Da sollte der Herr Ministerpräsident prüfen, ob man den Herrn Kurz nach Seehofer-Manier zurückweist. Kurz hat den Zwölfstundentag in Österreichs Arbeitswelt wieder...
  • Joán Ujházy: Nolens volens Ob Kurz oder lang, ich würde mich auch nicht mit Ramelow treffen wollen. Andererseits kann ich mir gut vorstellen, dass Ramelow denselben Diener vor Kurz machen würde, so wie er diesen vor der Merkel ...
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