Aus: Ausgabe vom 17.08.2018, Seite 5 / Inland

Knochenjob, mies bezahlt

Altenpfleger verdienen in Sachsen-Anhalt am wenigsten. Private Einrichtungen gegen Tarifverträge

Von Susan Bonath
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Privater oder kommunaler Träger, Osten oder Westen: Das sind in der Altenpflege oftmals die für die Arbeitsbedingungen entscheidenden Kriterien (Pflegerin und Bewohnerin in einem Kölner Altenheim, 22.2.2013)

Der Zustand einer Gesellschaft zeigt sich im Umgang mit ihren schwächsten Mitgliedern. Der seit Jahren katastrophale Notstand in Pflegeheimen ist nur eines von vielen miserablen Zeugnissen für die diesbezügliche Lage in der Bundesrepublik. Trotz aktueller Stellungnahmen der Bundesregierung zugunsten höherer Löhne in diesem Beschäftigungsfeld ist der Beruf des Altenpflegers weiterhin einer der schlechtbezahltesten. Außerdem klaffen die Gehaltsunterschiede für Vollzeit arbeitende Fachkräfte zwischen Ost und West nach wie vor weit auseinander. Das zeigen aktuelle Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA), über die am Donnerstag zuerst die Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND) berichteten.

Danach lag der durchschnittliche Bruttolohn einer Pflegekraft in Baden-Württemberg im vergangenen Jahr um etwa ein Drittel höher als in Sachsen-Anhalt. Dort gab es im Mittel gerade einmal 2.136 Euro monatlich für einen Job mit 40 Wochenstunden – eine entsprechende Fachausbildung vorausgesetzt. Im Bundesdurchschnitt betrug das mittlere Monatsentgelt gut 600 Euro mehr. Pflegeheime in Sachsen-Anhalt waren damit Schlusslicht bei der Bezahlung ihrer Beschäftigten. Allerdings waren die Löhne für Altenpfleger in den anderen Regionen Ostdeutschlands nur wenig höher, in Sachsen zum Beispiel um knapp 70 Euro. Am meisten zahlten Pflegeheime in Brandenburg. Dort erhielten Vollzeitbeschäftigte im Schnitt 2.400 Euro brutto für die körperlich harte Arbeit. Im Westen lagen die mittleren Gehälter für Fachkräfte in der Altenpflege zwischen 2.543 Euro in Niedersachsen und 3.036 Euro in Baden-Württemberg. Nach Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der BA erhalten Altenpfleger rund 19 Prozent weniger Geld als Krankenpfleger.

Dass es regional derartige Lohnunterschiede für gleiche, qualifizierte Arbeit gebe, sei »einfach nicht akzeptabel«, sagte der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, dem RND. Es müsse eine bundeseinheitliche Tariflösung her. Doch genau dagegen stemmen sich private Einrichtungen. Deren Arbeitgeberverband Pflege (AGVP) zeigte vergangene Woche die rote Karte: »Wir brauchen nicht zwingend Tarifverträge«, erklärte der AGVP-Vizevorsitzende Friedhelm Fiedler. Verbandspräsident Thomas Greiner warnte vor »einer Reihe von Prozessen«, die damit provoziert würden. Nach Angaben der Gewerkschaft Verdi werden etwa 40 Prozent der Pflegeeinrichtungen privat geführt, drei Viertel davon hätten keine Vereinbarungen mit der Gewerkschaft getroffen. Teils, so Verdi, lägen die Gehälter hier um mehrere hundert Euro unterhalb des Niveaus in vergleichbaren kommunalen Einrichtungen. Hinzu komme die bei den Privaten besonders verbreitete Überlastung vieler Beschäftigter.

Am 1. August hatte das Bundeskabinett einen Gesetzentwurf verabschiedet, um dem Pflegenotstand entgegenzuwirken. Zusätzlich eine Milliarde Euro soll dafür jährlich fließen. Die Bundesregierung will damit nach eigenen Angaben 13.000 zusätzliche Stellen im Pflegebereich schaffen. Wegezeiten für die ambulante Pflege sollen besser honoriert werden. Finanzieren soll das überwiegend die gesetzliche Krankenversicherung (GKV). Deren Spitzenverband hatte bereits geklagt, dass es so zu Finanztransfers von der Kranken- in die Pflegeversicherung kommen könne.

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  • Elgin Fischbach: Was ist ein Altern in Würde wert? Die miserablen Zustände in der Altenpflege werden zwar allseits beklagt – doch für eine Verbesserung bzw. Veränderung der völlig zu Recht kritisierten Zustände bezahlen will hingegen niemand. Anders l...

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