Aus: Ausgabe vom 17.08.2018, Seite 5 / Inland

Lohnprellerei auf der Werft

IG Metall: Schiffsbauer im niedersächsischen Papenburg nutzt Werkverträge, um Arbeitern aus Osteuropa Rechte vorzuenthalten

Von Bernd Müller
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2013 starben zwei rumänische Werkvertragsbeschäftigte der Meyer-Werft bei einem Brand in ihrer Papenburger Unterkunft

Die Meyer-Werft im niedersächsischen Papenburg war bereits vor fünf Jahren in die Schlagzeilen geraten. Damals starben zwei rumänische Wanderarbeiter bei einem Brand in ihrer menschenunwürdigen Unterkunft. Sie waren mit einem Werkvertrag bei dem Schiffsbauer beschäftigt. Das Unternehmen reagierte, versprach Besserung. Doch jetzt gibt es wieder Berichte über den skandalösen Umgang mit Arbeitern aus Ost- und Südosteuropa. Ursula Wentingmann, Politische Sekreträrin bei der IG Metall Leer-Papenburg, bestätigte dies am Donnerstag im Gespräch mit junge Welt. Demnach werden immer wieder neue Fälle bekannt.

Viele, wenn nicht die meisten Vorfälle bleiben allerdings im Verborgenen. Nur selten würden sich Arbeiter aus Rumänien, Bulgarien oder anderen südosteuropäischen Ländern an die Beratungsstelle für mobile Beschäftigte in Oldenburg wenden, berichtete die IG Metall in der vergangenen Woche auf ihrer Internetseite. Gründe sich zu melden gebe es für viele Arbeiter, oft hätten sie aber weder Zeit noch den Mut dazu.

Als Schweißer leisteten sie bis zu zehn Stunden an sechs bis sieben Tagen in der Woche Schwerstarbeit auf der Meyer-Werft. Ein früherer Mitarbeiter hatte im März gegenüber dem Spiegel sogar von 15-Stunden-Schichten berichtet. Abends würden sie todmüde in Bussen zum Schlafen in ihre Sammelunterkünfte geschafft und am nächsten Morgen früh wieder abgeholt. »Es sind Menschen, die lautlos neben uns herleben, deren Sorgen man kaum kennt und die kein Deutsch können, weil sie abends zu platt sind, um in den Sprachkurs zu gehen«, sagte ein ehemaliger Betriebsrat damals dem Spiegel. Wer am Ende doch den Mut habe, sich direkt bei seinem Chef zu beschweren, müsse damit rechnen, seinen Job zu verlieren.

Was die Mitarbeiter der Beratungsstelle für mobile Beschäftigte in Oldenburg von den wenigen erfahren, die zu ihnen gelangen, seien »finstere Zustände aus einer parallelen Schattenwelt, in der Arbeitnehmer und ihre Rechte nicht viel zählen«, heißt es in dem Bericht der IG Metall. Beschäftigte bekämen demnach oft weder Arbeitsverträge zu sehen noch Lohnabrechnungen. Einem Rumänen sei der komplette Lohn eines Arbeitsmonats vorenthalten worden. Zwei Beschäftigte erzählten, sie hätten nach Arbeitsunfällen keine Lohnfortzahlung erhalten. Ein anderer musste für einen Rettungswagen 500 Euro selbst zahlen, weil sein Unternehmen für ihn keine Krankenversicherung abgeschlossen hatte.

Nachdem mit dem Bericht des Spiegel im März einige Missstände ans Licht gekommen waren, engagierte die Werft Juristen der Großkanzlei »Freshfields, Bruckhaus, Deringer«. Im Juli legten diese ihren Zwischenbericht vor: Vorwürfe, dass geleistete Arbeit nicht gezahlt oder ausgeglichen wurde, hätten sich nicht bestätigt. Die Arbeit der Anwaltskanzlei habe zu Ergebnissen geführt, die den Recherchen des Spiegel entgegenstünden, bemerkte Gewerkschafterin Wentingmann im Gespräch mit junge Welt. Und sie widersprechen offenbar auch den Erfahrungen von Daniela Reim, die für die Beratungsstelle für mobile Beschäftigte tätig ist. Laut Spiegel sind ihr im selben Zeitraum rund 30 Vorfälle bekannt geworden. Meist ging es um vorenthaltenen Lohn, aber auch um verweigerte Gehaltsfortzahlung bei Krankheit. Die Führung der Werft wisse von fast allen Fällen, so Reim, wolle aber scheinbar »um jeden Preis an den prekären, doch für sie lukrativen Werkverträgen festhalten«.

Für die IG Metall ist es schwer, den Menschen zu helfen. »Wir bieten an, sie zu beraten. Aber sie werden völlig von den Stammbeschäftigten isoliert, und auch wir kommen kaum an sie ran«, sagt Wentingmann. Kontakte zur Gewerkschaft würden von den Bossen abgestraft. Hilfe scheitere aber auch schon oft an der Sprache.

Daniela Reim, die selbst aus Rumänien stammt, erlebt manch Unerfreuliches, wenn sie sich an die betreffenden Subunternehmen wendet. Sie wird mitunter beschimpft, beleidigt oder ihr wird mit Rechtsanwälten gedroht. Ihr wird »verboten«, die Unterkünfte der Arbeiter zu betreten, obwohl ihr das rechtlich nicht verwehrt werden darf. Als sie Gewerkschaftsvertreter zu einem Gespräch mit einem Unternehmer mitnehmen wollte, lehnte dieser das ab. »Wir wollen die IG Metall nicht am Tisch haben«, wurde ihr erklärt.

Für Gewerkschafterin Wentingmann ist die Sache klar: Das Problem gehört in den politischen Raum. Der Zoll, der die Arbeitsbedingungen der Werkvertragsarbeiter stichprobenartig prüft, bemühe sich zwar. Aber er sei nicht die Lösung. Stattdessen müsse man sich auf politischer Ebene mit dem Thema »Werkverträge« beschäftigen. Wenn da nicht bald etwas passiere, habe man bald noch schlechtere Bedingungen.

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