Aus: Ausgabe vom 17.08.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

Viele Fragen offen

Katalonien erinnert an die Opfer der Anschläge vor einem Jahr. Gedenkzeremonie in Barcelona

Von Krystyna Schreiber, Barcelona
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19. August 2017: Gedenken auf den Rambles in Barcelona an die Opfer der Anschläge

Am heutigen Freitag erinnert Barcelona unter dem Motto »Stadt des Friedens« mit einer Großkundgebung an die Opfer der Terroranschläge auf der beliebten Flaniermeile Les Rambles und im katalanischen Küstenort Cambrils vor einem Jahr. Am 17. August 2017 war ein 22jähriger gebürtiger Marokkaner mit einem Lieferwagen in die Menschenmenge auf den Rambles gerast. Wenige Stunden später lenkten Angreifer in Cambrils ein Auto in eine Gruppe von Passanten. Insgesamt wurden 16 Menschen getötet und mehr als 120 weitere verletzt.

Wer ein Jahr später über die Rambles geht, wird keine Spuren des Attentats mehr entdecken. Menschen aller Herkunft und Religionen spazieren wie eh und je über die beliebte Promenade. Die Stadtverwaltung von Barcelona hat alle Gedenkstücke, die nach den Attentaten wochenlang auf der Flaniermeile ausgestellt worden waren, katalogisiert und weggeräumt. Sie plant ein Erinnerungsprojekt, das gemeinsam mit den Opfern entwickelt werden soll. Alex Giner, ein Beamter der Stadtpolizei Guàrdia Urbana hat den Eindruck, dass den Verantwortlichen dadurch das Entscheidende gelungen ist: »Wir haben die Rambles zurückerobert. Man hat uns verletzt, aber unsere Stadt und unser Zusammenleben haben wir uns nicht nehmen lassen.«

»Richtiges Schlachtfeld«

Giner war damals mit seinem Einsatzwagen als einer der ersten vor Ort, nachdem Younes Abouyaaqoub seinen Minivan gegen 16.54 Uhr mit hoher Geschwindigkeit in die Menschenmenge gelenkt und 13 Menschen, darunter zwei Kinder, in den Tod gerissen hatte. »Die Rambles sahen aus wie ein richtiges Schlachtfeld«, erinnert er sich im Gespräch mit junge Welt. »Der Geruch vom verbrannten Gummi der Autoreifen hing noch in der Luft. Die Reifenspuren auf dem Boden, das Blut, die leblosen Körper … Was mir aber am meisten im Gedächtnis geblieben ist, war die Totenstille. Ausgerechnet an diesem Ort, der ein Sinnbild für Barcelonas Lebensfreude ist.« Damals bestand seine erste Aufgabe darin, die Menschen aus der Gefahrenzone zu evakuieren. »Der gesamte Bereich wurde abgeriegelt, um ein Entkommen der möglichen Täter zu verhindern. In dem Moment wusste keiner, mit wie vielen Tätern wir es zu tun hatten, ob sie bewaffnet waren oder ein weiteres Attentat planten.«

Doch Abouyaaqoub entkommt zunächst und flüchtet durch die Altstadt. Er ermordet einen jungen Autofahrer und setzt seine Flucht mit dessen Wagen fort. Am 21. August, knapp vier Tage nach dem Anschlag, wird Abouyaaqoub schließlich in einem 40 Kilometer entfernten Ort von einer Polizeipatrouille gestellt und erschossen.

Der Oberkommissar Manel Castellví, der für die Öffentlichkeitsarbeit der katalanischen Regionalpolizei Mossos d’Esquadra zuständig ist, erinnert sich an die unmittelbare Vorgeschichte des Anschlags: »In der Nacht vom 16. zum 17. August, um 23.26 Uhr, explodierte ein Haus in Alcanar, einem wenig bewohnten Ort im Süden Kataloniens. Erste Indizien wiesen auf eine Butangasexplosion hin«, ein Unfall also. Doch als Abouyaaqoub 24 Stunden später das Massaker in Barcelona verübt, stellen die Ermittler eine Verbindung mit der Explosion in Alcanar her, bei der mindestens zwei Menschen getötet worden waren. Dort wurde bei den Aufräumarbeiten ein komplettes Sprengstofflabor entdeckt, in dem die Attentäter mehr als 250 Kilogramm des Sprengstoffs Triacetontriperoxid (TATP) hergestellt hatten. Insgesamt wurden 19 selbstgebaute Handgranaten, ein Sprengstoffgürtel, mindestens 104 Butangasflaschen sowie eine große Anzahl von Schrauben und Nägeln, die als Schrot dienen sollten, unter den Trümmern gefunden.

Die Mossos suchen fieberhaft nach weiteren Mitgliedern einer möglichen Terroristenzelle. In der Nacht zum 18. August kommt es dann im südkatalanischen Ferienort Cambrils zu einem zweiten Anschlag, der von den Mossos d’Esquadra allerdings weitgehend abgewehrt werden kann. Fünf junge Männer versuchen, mit einem weiteren Minivan die Uferpromenade zu stürmen. Mit Messern und einer Axt bewaffnet attackieren sie Fußgänger und eine Polizeipatrouille. Die Beamten eröffnen das Feuer und erschießen die Angreifer. Eine Frau kommt bei der Attacke ums Leben, mehrere Menschen werden verletzt.

Kontakte zum Geheimdienst

Die Täter waren zwischen 17 und 24 Jahre alt, fast alle wuchsen in Ripoll auf, einem 11.000 Einwohner zählenden Städtchen im Norden Kataloniens. Als mutmaßliche Drahtzieher gilt ein damals 34jähriger Marokkaner, der bei der Explosion in Alcanar ums Leben kam. Abdelbaki Es Satty war seit 2014 als Imam in Ripoll tätig. Offenbar rekrutierte er die Jugendlichen für den »Dschihad«, ohne dass ihre Radikalisierung von ihrem Umfeld bemerkt wurde.

Es Satty war wegen Drogendelikten vorbestraft und hatte vier Jahre im spanischen Gefängnis gesessen, wo er nachweislich Kontakte zum spanischen Geheimdienst gehabt hat und, so jedenfalls einige Presseberichte, auch dessen Informant war. Seine kriminelle Vorgeschichte war jedoch weder den Behörden in Ripoll noch den Mossos d’Esquadra bekannt. Bereits vor den Attentaten hatte das katalanische Innenministerium kritisiert, dass die Mossos keinen direkten Zugang zur Datenbank von Europol haben, um Hinweisen nachzugehen oder Informationen abzugleichen. Zudem warf die Regionalregierung dem Innenministerium in Madrid nach den Ereignissen von Barcelona und Cambrils vor, den örtlichen Behörden Informationen des spanischen Geheimdienstes bewusst vorenthalten zu haben.

Improvisierte Taten

In der vergangenen Woche veröffentlichte die Audiencia Nacional, das für Terrordelikte zuständige spanische Sondergericht, Ermittlungsergebnisse zu den Attentaten. Sie enthalten vor allem Bekanntes, beantworten kaum offene Fragen. Es gilt als erwiesen, dass die Attentäter wesentlich größere Anschläge geplant hatten – nicht nur in Katalonien, sondern auch in anderen Regionen und möglicherweise auch außerhalb Spaniens. Offenbar hatte sie die Zerstörung des Sprengstofflabors gezwungen, ihre Pläne zu ändern. Die Anschläge auf den Rambles und in Cambrils wurden kurzfristig improvisiert, nachdem der Originalplan gescheitert war und sie mit der Aufdeckung ihrer Zelle rechnen mussten.

Um in der von Einwanderung geprägten katalanischen Gesellschaft ein Zeichen gegen Terrorismus und Fremdenfeindlichkeit zu setzen, fanden in den Tagen nach den Attentaten in den betroffenen Städten zahlreiche Kundgebungen statt. Unter dem Motto »Ich habe keine Angst« (»No tinc por«) demonstrierten am 26. August 2017 mehr als 500.000 Menschen im Zentrum der katalanischen Metropole. Angeführt wurde der Zug von den medizinischen und polizeilichen Einsatzkräften, erst in zweiter Reihe folgten Vertreter der katalanischen und spanischen Institutionen. Der ebenfalls angereiste spanische König Felipe VI. wurde ausgepfiffen, vor allem wegen der Beteiligung des Königshauses am Einfädeln von Waffengeschäften Spaniens mit Saudi-Arabien, das als Unterstützer zahlreicher terroristischer Organisationen gilt.

Keine Zeit für Aufarbeitung

Für eine ausführliche Aufarbeitung der Ereignisse blieb den Menschen in Katalonien im vergangenen Herbst kaum Zeit, denn wenige Wochen später spitzten sich die politischen Spannungen zwischen der Region und der spanischen Zentralmacht um das Unabhängigkeitsreferendum vom 1. Oktober 2017 zu. Tausende spanische Polizeikräfte wurden in Katalonien stationiert, die Mossos d’Esquadra kamen unter die Kontrolle des Innenministeriums in Madrid. Der durch seine professionelle Arbeit bei den Ermittlungen zu den Attentaten populär gewordene Chef der Mossos, Josep Lluis Trapero, wurde abgesetzt. Inzwischen wird er selbst wegen angeblicher Mitgliedschaft in einer kriminellen Organisation und Aufruhr im Zusammenhang mit dem Referendum juristisch verfolgt. Der damalige katalanische Innenminister Joaquin Forn sitzt wegen ähnlicher Vorwürfe seit Monaten in Untersuchungshaft.

Die größten Verlierer sind die Opfer der Anschläge. Robert Manrique, Mitarbeiter der Abteilung für die Beratung von Terrorismusopfern ­(UAVAT), die nicht nur direkt Betroffene, sondern auch Angehörige berät, zeigt sich zwar zufrieden mit der Arbeit von Barcelonas Stadtverwaltung, kritisiert aber fehlende Unterstützung durch das spanische Innenministerium. Betroffene würden nicht aktiv über ihre Rechte informiert, die nur ein Jahr lange Frist für die Beantragung von Entschädigungsleistungen müsse dringend abgeschafft werden, zumal der bürokratische Aufwand für die Opfer enorm sei. Der Antrag von Leistungen sei oft mit Fahrten in die 600 Kilometer entfernte spanische Hauptstadt verbunden. Deshalb seien zahlreiche Betroffene ohne Betreuung geblieben. Vor allem trifft diese Situation diejenigen, die psychische Folgeschäden davontragen, die oft in Berufsunfähigkeit enden.

Die Erinnerungen an die schrecklichen Ereignisse haben sich tief eingegraben in Ripoll. Aus der Kleinstadt in den spanischen Pyrenäen stammten die meisten der Attentäter, die im August 2017 in Barcelona und Cambrils mit Fahrzeugen in Menschengruppen rasten und dabei 15 Menschen töteten. »Wir versuchen, ein normales Leben zu führen, aber das ist schwer«, sagt der 58jährige Einwohner Juani Pujol. »Solche Dinge lassen einen nicht unberührt.«

Bis zu dem Doppelanschlag im vergangenen Jahr war der Ort allenfalls für sein Benediktinerkloster bekannt. Dann geriet er ins Zentrum der Weltöffentlichkeit, weil der radikale Imam Abdelbaki Es Satty hier eine Terrorzelle um sich scharte und Anschläge plante. In dem 10.000-Einwohner-Städtchen kannten viele die Attentäter persönlich.

Für Bürgermeister Jordi Munell waren die Anschläge ein Weckruf. Etwa jeder zehnte Einwohner sei ein Zuwanderer, und es sei klar geworden, dass »einige von ihnen sich nicht als Mitglieder dieser Gesellschaft fühlen«, sagte er. »Um dieses Zugehörigkeitsgefühl wollen wir uns kümmern.« Die Stadt hat einen Aktionsplan gegen Fremdenfeindlichkeit ausgearbeitet. Sie ermutigt die Zuwanderer nun aktiv zur Mitwirkung an Gemeinschaftsaktivitäten, so dass sie sich hier heimischer fühlen können.

Die Polizei hat die Hintergründe der jungen Täter inzwischen gut ausgeleuchtet. Nach außen hin waren die Männer, die zumeist marokkanische Wurzeln hatten, gut integriert: Sie waren in Sportvereinen, sprachen gut Katalanisch und hatten nichtmuslimische Freunde. Das sei aber oft kein ausschlaggebender Faktor, sagt Albert Oliva, der Sprecher der Regionalpolizei. »Wir gehen heute nicht mehr so sehr der Frage nach, ob jemand in die Gesellschaft integriert ist, sondern eher, ob er sich zur Gesellschaft zugehörig fühlt.« Viele Migranten der zweiten Generation fühlten sich heimatlos, und dies nutzten die Anwerber aus.

Als Kopf der Gruppe wurde der Imam Es Satty identifiziert. Er wurde getötet, als am 16. August der Sprengstoff im Unterschlupf der Gruppe explodierte. Die Überlebenden entschlossen sich daraufhin spontan zu den Anschlägen am 17. und 18. August. »Es Satty hat sie einer Gehirnwäsche unterzogen«, ist sich der marokkanische Einwanderer Mohammed sicher, der gerade vor der Esperanza-Bar eine Zigarette raucht. Er selbst habe nach den Anschlägen ein deutlich verschlechtertes Klima wahrgenommen: »Es gibt Leute, die haben mich früher gegrüßt und schauen mich heute schief an«, erzählt Mohammed. »Jeder weiß, dass ich nichts damit zu tun habe, aber ich bin Marokkaner und aus Ripoll, und das macht mich verdächtig.«

Daniel Bosque (AFP)

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