Aus: Ausgabe vom 17.08.2018, Seite 2 / Ausland

Türkei bombardiert Jesiden

Gezielte Tötung von hochrangigem Politiker im Nordirak

Von Nick Brauns
20180816-20180816-11dedacf-imageeecfc2-image.jpg
Gezielter Anschlag: Die türkische Armee hat am Mittwoch in Sindschar eine Konvoiattackiert, in dem sich Zaki Shingali befand

Bei einem türkischen Luftangriff auf den Distrikt Sindschar (kurdisch: Sengal) im Nordirak wurde am Mittwoch ein hochrangiger politischer Vertreter der dort lebenden jesidischen Religionsgemeinschaft ermordet. Kampfflugzeuge beschossen im Schilotal einen Fahrzeugkonvoi mit Rückkehrern von einer Gedenkveranstaltung im Dorf Kocho. Vor vier Jahren hatte dort der »Islamische Staat« (IS) ein Massaker an Hunderten jesidischen Männern verübt und rund tausend Frauen und Kinder in die Sklaverei verschleppt.

Es habe sich um eine mit dem türkischen Geheimdienst durchgeführte Operation gehandelt, bei der der Verantwortliche der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) für Sindschar, Zaki Shingali (Ismail Özden), getötet wurde, meldete der türkische Generalstab nach dem Luftangriff. Bei dieser Attacke wurden auch mehrere Angehörige der jesidischen Verteidigungseinheiten YBS getötet. Der Oberkommandierende dieser Miliz, Mazlum Sengal, wurde verwundet.

Der »Koordinationsrat der Gesellschaft der Jesiden« bestätigte am Donnerstag den Tod seines Mitglieds. Der in der Türkei geborene 66jährige »Mam« (Onkel) Zaki gehörte seit 35 Jahren der verbotenen PKK an. Er engagierte sich nach der Befreiung der Region Sindschar vom IS beim Aufbau örtlicher Selbstverwaltungsstrukturen. Ankara führte den Politiker auf seiner Liste der meistgesuchten »Terroristen«.

Der Luftangriff erfolgte nach einem Treffen zwischen dem irakischen Ministerpräsidenten Haidar Al-Abadi und dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan am Dienstag in Ankara. Der Dachverband »Union der Gemeinschaften Kurdistans« (KCK) beschuldigte am Donnerstag neben der Regierung in Bagdad auch die in der Autonome Region Kurdistan im Nordirak regierende Demokratische Partei Kurdistans (KDP) sowie die USA, die über die Lufthoheit vor Ort verfügen, Mitverantwortung für Shingalis Tod zu tragen.

Die KDP beansprucht das außerhalb der Autonomieregion gelegene Sindschar für sich. Doch ihre Peschmerga hatten sich nach dem Einmarsch des IS im August 2014 kampflos zurückgezogen. PKK-Guerillakämpfer hatten damals Zehntausenden Jesiden zur Flucht verholfen und anschließend Ausbildungshilfe für die nun in die irakischen Sicherheitskräfte eingegliederten YBS geleistet. Im März 2018 hatte sich die Guerilla aus Sindschar zurückgezogen, um die Jesiden nicht durch ihre Präsenz der Gefahr eines türkischen Angriffes auszusetzen.

Das junge Welt-Sommerabo

Lesen Sie drei Monate die gedruckte Ausgabe der Tageszeitung junge Welt! Das Abo kostet 62 Euro statt 115,20 Euro und endet automatisch, muss also nicht abbestellt werden. Dazu erhalten Sie das Buch »Marx to go« aus dem Verlag Neues Leben. Dieses Angebot ist nur bestellbar bis 24. September 2018.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Ausland
  • Luftfahrtkonzern Air France will nun einen kanadischen Chef. Piloten kündigen zweiwöchigen Streik an
    Hansgeorg Hermann
  • Ein Impfstoffskandal erschüttert die VR China. Der Staat setzt auf Transparenz und schwere Strafen
    Sebastian Carlens
  • Vor Wahlen ändert Polens Regierungspartei PiS schnell Abstimmungsrecht. Präsidentenveto gegen Mehrheitsprinzip
    Reinhard Lauterbach, Poznan
  • Kanadischer Konzern will Venezuelas Raffinerien in den USA pfänden lassen
    Simon Ernst