Aus: Ausgabe vom 16.08.2018, Seite 15 / Medien

Al-Dschasira wird beklaut

Sport als Kriegsinstrument: Konflikt mit Saudi-Arabien trifft katarischen Sender besonders empfindlich

Von Gerrit Hoekman
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Kampf um Sportevents: FIFA-Chef Gianni Infantino (l.) trifft saudischen König Salman (r.) 2017 in Riad

Der Sportkanal Be In Sports aus Katar überträgt weiterhin live die Fußballspiele der spanischen ersten und zweiten Liga. Das teilte der Bezahlsender am Montag mit. Die Übertragungsrechte sind exklusiv und gelten für die gesamte arabische Welt. Be In gehört zum Al Jazeera Media Network, das auch die gleichnamige TV-Station unterhält (deutsche Schreibweise: Al-Dschasira).

Am Freitag konnte Be In bereits die Verlängerung des Vertrages mit der englischen Premier League bis 2022 verkünden. Damit hält der Kanal im Mittleren Osten und in Nordafrika die Senderechte aller großen europäischen Ligen inklusive der Bundesliga. Daneben überträgt er in den arabischsprachigen Ländern die Formel 1, die nordamerikanische Football League und diverse andere Sportarten.

2011 ging Be In als Ableger von Al-Dschasira auf Sendung und mauserte sich in kurzer Zeit zu einem Riesen auf dem Gebiet der Sportübertragungen. Das Unternehmen ist ein gern gesehener Geschäftspartner in Europa und den USA. Niemanden scheint es zu stören, dass hinter Be In Katars Herrscherfamilie der Al Thani steckt, der nachgesagt wird, radikale Islamisten im Ausland zu unterstützen.

»Weil der Profisport, besonders der Fußball, zu einer Art Religion für die westliche Welt geworden ist, versucht Katar hier seit geraumer Zeit eine maßgebliche Rolle zu spielen«, sagte der renommierte Sportjournalist Thomas Kistner im Oktober in einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk. Das Engagement sei aber wohl eher auf politischen als auf finanziellen Gewinn ausgerichtet. Für die Übertragungsrechte an der ersten französischen Liga zahle Be In zum Beispiel deutlich mehr als den Marktpreis.

Vorstandsvorsitzender der Sparte ist Nasser Al-Khelaifi. Der 44jährige war zu Boris Beckers Zeiten ein mäßig erfolgreicher Tennisprofi, der nach seiner aktiven Karriere Chef von Katar Sports Investments wurde. Der Staatsfonds kaufte sich 2011 beim französischen Vorzeigeklub Paris Saint-Germain (PSG) ein und pumpte seitdem Abermillionen in den Verein. Mit der finanziellen Macht im Rücken wurde Nasser Al-Khelaifi wenig später Vorstandschef bei PSG und ist es bis heute geblieben.

Seine guten Beziehungen zum damaligen Präsidenten Nicolas Sarkozy und dem inzwischen geschassten FIFA-Chef Michel Platini sollen mit dafür gesorgt haben, dass Katar die WM 2022 austragen darf. Natürlich sitzt Al-Khelaifi auch im Organisationskomitee der Weltmeisterschaft. Die Bundesanwaltschaft in der Schweiz eröffnete im Oktober ein Strafverfahren gegen ihn. Er soll den früheren FIFA-Generalsekretär Jérôme Valcke mit einer Villa auf Sardinien bestochen haben.

Dem großen Nachbarn Saudi-Arabien sind die Aktivitäten von Be In ein Dorn im Auge. Der Golfstaat hat im Sommer des letzten Jahres eine Totalblockade über Katar verhängt, weil sich das Emirat weigert, Al Jazeera Media Network aufzulösen. Die Saudis und andere arabische Staaten werfen Al-Dschasira vor, mit seinen Programmen Islamisten zu stärken und die Bevölkerung gegen die Regierungen aufzuhetzen. Alle Boykottmaßnahmen konnten die beliebte TV-Station bis jetzt allerdings nicht daran hindern weiterzusenden.

Deshalb versucht Riad Al-Dschasira über den Ableger Be In beizukommen. Die saudische Regierung hat den Vertrieb der Decoder verboten, die nötig sind, um die Sportübertragungen gegen Bezahlung empfangen zu können. Das schmerzte die dortigen Fußballfans zunächst, weil Be In für mehrere hundert Millionen Euro die Exklusivrechte im arabischen Raum für die Fußball-WM in Russland erworben hatte, an der auch die Mannschaft aus Saudi-Arabien teilnahm.

Doch der Frust war schnell vorbei, als der Piratensender Be Out Q die Spiele live und unverschlüsselt über einen Satelliten der saudischen Gesellschaft Arabsat sendete. Auch wenn die Machthaber in Riad das vehement zurückweisen: Es gibt kaum Zweifel daran, dass sie den Piratensender betreiben. Seit letztem Herbst zapft Be Out Q auch bei der Champions League und der englischen Premier League den Sportkanal aus Katar an. Die UEFA und die Premier League haben deshalb im Juli gegen den Piratensender Klage eingereicht.

Der Protest der FIFA hielt sich hingegen in Grenzen. »FIFA-Boss Gianni Infantino ist eng mit den Machthabern und Investoren in Riad verbunden«, kommentierte Journalist Kistner im Juni in einem Beitrag für den Deutschlandfunk. Das Ziel von Saudi-Arabien sei es, die Austragung der WM 2022 in Katar zu verhindern. Die Rechtehalter »müssen sich fragen, ob sie noch geschützt sind, wenn solche Angriffe auf ihre Ware mit politischen Interessen der FIFA kollidieren«, so Kistner. Saudi-Arabien hatte sich während der WM bei der FIFA beschwert, Be In würde bei seinen Übertragungen politische Inhalte transportieren, mit der Absicht, das Königreich zu destabilisieren.

Die Reaktion des internationalen Tennisverbandes ITF und der Vereinigung der Tennisprofis ATP war vergleichsweise harsch. Beim Turnier in Wimbledon im Juni raubkopierte Be Out Q die Spiele von Be In. »Wir fordern die sofortige Schließung der illegalen Piratenoperation Be Out Q in Saudi-Arabien«, hieß es in einem gemeinsamen Statement der beiden Tennisverbände, aus dem die Onlineseite Sport Industry Insider zitiert.

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Milliardenspiel Fußball als Volkssport, Politikum und Geschäft

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