Aus: Ausgabe vom 16.08.2018, Seite 8 / Ansichten

Eiernde Achse

Türkei verhängt Strafzölle gegen USA

Von Jörg Kronauer
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»F-35«-Kampfjet aus US-Produktion (hier mit Türkei-Flagge)

Die Drohung war unmissverständlich. Behielten die USA ihren Kurs der Alleingänge und der Missachtung der Interessen anderer Staaten bei, dann werde die Türkei beginnen müssen, »nach neuen Freunden und Verbündeten zu suchen«: So hatte es Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan Ende vergangener Woche in einem Beitrag für die New York Times formuliert. Ankara, sollte das heißen, ziehe tatsächlich den Bündniswechsel in Betracht, über den außenpolitische Fachzirkel seit geraumer Zeit spekulieren: einen Austritt aus der NATO und eine Umorientierung nach Osten in Richtung Russland und China, vielleicht verbunden mit einem Beitritt zur Shanghai Cooperation Organization (SCO), die neben den zwei genannten Staaten vier Länder Zentralasiens, Indien und Pakistan umfasst. Auch Iran möchte Mitglied der SCO werden: Das östliche Bündnis wächst.

Seit Erdogans Drohung in der globalen Öffentlichkeit die Runde macht, haben sich die Dinge weiter zugespitzt. US-Präsident Donald Trump pokert. Kann die Türkei sich einen Bruch mit der NATO wirklich leisten? Plustert Ankara sich nicht nur auf, blinkt penetrant nach Osten, um sein Verhandlungsgewicht gegenüber dem Westen zu steigern und das Beste aus beiden Welten zu erhalten? Berlin scheint zu fürchten, dass Erdogan es ernst meint; Kanzlerin Angela Merkel jedenfalls meidet die Eskalation um jeden Preis. Trump hingegen lässt’s drauf ankommen, hat die Stahlstrafzölle erhöht und gleich noch einen draufgesetzt: Er hat die Lieferung von 100 hochmodernen »F-35«-Kampfjets an Ankara auf Eis gelegt. In Washington heißt es dazu, wer – wie Erdogan – Russlands ebenfalls hochmodernes Raketenabwehrsystem »S-400« haben wolle, könne keine »F-35« bekommen: entweder – oder.

Und Ankara? Außenminister Mevlüt Cavusoglu versucht den Ball flach zu halten. Die »Achse« der Türkei, beteuert er, sei nach wie vor die NATO. Und in der Tat: Ein Bündniswechsel wäre mit großen Risiken verbunden. Kann man etwa in Syrien die Interessen Russlands, das mit Assad kooperiert, und der Türkei, die weiterhin auf Islamisten setzt, auch nur irgendwie verbinden? Wie sieht es in Nordafrika aus, wo die russisch-türkischen Interessen in ähnlicher Weise divergieren? Wiegt der aktuelle Konflikt mit den Vereinigten Staaten wirklich schwerer als die Dissonanzen im Verhältnis zu Russland? Die waren vor nicht einmal drei Jahren immerhin noch so groß, dass Erdogan einen russischen Kampfjet über Syrien abschießen ließ. Dennoch: Der türkische Staatspräsident pokert zurück, hat jetzt Strafzölle auf Autos sowie einige weitere Produkte aus den USA verhängt. Und er hat – ein Hinweis darauf, dass er sich selbst seiner Sache noch nicht ganz sicher ist – vorläufig einen Beitritt zum BRICS-Bündnis ins Spiel gebracht. Der wäre mit der Mitgliedschaft in der NATO ebenso vereinbar wie mit einem Wechsel zur SCO. Die Ungewissheit bleibt freilich: Riskante Spontanaktionen sowie plötzliche Kurzschlüsse sind beim Freestyle-Poker mit Strafzöllen und Waffenboykotten jederzeit drin.

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