Aus: Ausgabe vom 13.08.2018, Seite 15 / Politisches Buch

Nicht immer schon da

Die Historikerin Andrea Komlosy geht der historischen Bedingtheit von Grenzen nach

Von Gerd Bedszent
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Fakten schaffen: Ungarische Soldaten an der Grenze zu Kroatien (September 2015)

Staatsgrenzen und Grenzbefestigungen erscheinen den meisten Menschen als etwas Natürliches, schon immer Dagewesenes. Die österreichische Historikerin Andrea Komlosy weist in ihrem Buch »Grenzen« nach, dass diese eher ein Phänomen der Neuzeit sind.

Die Autorin geht in ihrer kulturhistorischen Abhandlung zunächst weit zurück in der Geschichte. Erste Ursprünge unserer heutigen Staatlichkeit sieht sie in Stammesverbänden, Stadtstaaten und Großreichen der Frühzeit. Komlosy vermeidet allerdings eine exakte Trennung zwischen tributären, auf Gewalt beruhenden, frühen Herrschaftsverhältnissen und den auf modernen Wirtschaften basierenden Nationalstaaten. Immerhin schreibt sie, dass »der Staat« als Begriff erst in der frühen Neuzeit in Gebrauch kam und damals für ein stabiles und verlässliches Machtsystem stand.

Mittlerweile hat sich, wie die Autorin richtig schreibt, der Begriff »Staat« vom historischen Kontext gelöst und findet auch für frühe Herrschaftsgebilde Anwendung, welche eher durch Instabilität, Willkür und permanenten Wechsel der Machtverhältnisse gekennzeichnet waren. Und er wird auch für politische Gebilde unserer Neuzeit benutzt, in denen die organisierte Staatlichkeit weitgehend zusammengebrochen ist.

Komlosy beschreibt frühe Reiche, die weder territoriale Geschlossenheit noch exakte Grenzziehungen kannten. Die Gewalt des jeweiligen Herrschers fungierte als eine Art lose Klammer, die im Territorium eine rudimentäre Infrastruktur in Gestalt von Handelswegen und Bewässerungsanlagen aufrechterhielt. Schwächelte die Herrschaft, verselbständigten sich einzelne Bevölkerungsgruppen und gerieten unter neue Herrschaftsverhältnisse. Auch konzentrierte sich die Regierungsgewalt dieser frühen Reiche auf Kernregionen und überließ wirtschaftlich uninteressante Gebiete sich selbst. Zwischen benachbarten Reichen lagen zumeist »herrenlose« Territorien, eine exakte Grenzziehung war mithin überflüssig und erfolgte nur in den Ausnahmefällen, wo Großreiche unmittelbar aufeinanderstießen. Von einer in die Fläche gehenden Staatlichkeit konnte damals keine Rede sein.

Die Verhältnisse des europäischen Mittelalters an der Schwelle unserer Neuzeit beschreibt die Autorin als Phase einer extremen Zersplitterung der Machtverhältnisse. Bevölkerungsgruppen unterstanden nicht selten mehreren Machthabern, denen sie Abgaben und Pflichten schuldeten und deren Rechtsprechung sie unterlagen. Nicht umsonst bildeten sich gerade in dieser Zeit nicht durchgängig vorhandener Territorialgewalt sich selbst regulierende wirtschaftliche Zusammenhänge wie Handwerkerzünfte und kaufmännische Vereinigungen (Hanse) heraus – erste Inseln bürgerlicher Verhältnisse.

Wie die Autorin richtig herausarbeitet, war erst die Herausbildung agrarkapitalistischer Verhältnisse in verschiedenen Regionen Westeuropas von einer Bereinigung der sich nicht selten widersprechenden Machverhältnisse begleitet. Zuerst kam es in Frankreich im Zuge dieses Überganges von der feudalen Zersplitterung in Richtung landesfürstlicher Territorialität zur Herausbildung einer permanenten und durchgängigen Abgrenzung zu den Nachbarstaaten. Innerhalb der Grenzen Frankreichs setzten die absolutistischen Herrscher ein einheitliches Rechtssystem, eine zentral gelenkte Verwaltungsbürokratie, ein einheitliches System von Steuern und Abgaben sowie eine einheitliche Amtssprache durch. In der Folge kam es schrittweise zur Herausbildung dessen, was man heute »Nation« nennt. Frankreich gilt bis in unsere Gegenwart hinein als Musterbeispiel der Herausbildung bürgerlicher Staatlichkeit. Die Autorin schildert an mehreren Beispielen, wie sich damals zahlreiche Herrscher an diesem Beispiel orientierten und das neue Herrschaftskonzept im Zuge des »nationalen Erwachens« großer Teile des Bürgertums auch durchsetzen konnten.

Gemäß den weiteren Ausführungen der Autorin handelt es sich bei der kolonialen Expansion der ersten kapitalistischen Mächte keineswegs um eine Erweiterung des jeweiligen Nationalstaates. Diese sicherten vielmehr auf diese Weise den »eigenen« Wirtschaftsunternehmen einen privilegierten Zugang zu neuen Märkten und Rohstoffquellen.

In der zweiten Hälfte des Buches schildert Komlosy die kulturellen und sozialen Auswirkungen nationalstaatlicher Grenzziehungen in unserer Gegenwart. Sie thematisiert Arbeitsmigration und Fluchtbewegungen, Internierungslager und Abschiebeknäste. Dass die zunehmende Auflösung von Nationalstaatlichkeit in großen Teilen unseres Planeten chaotische Zustände hervorgebracht hat, wird von ihr geschildert, aber nicht im Detail analysiert. Immerhin schließt das Buch mit der Hoffnung auf eine sozial gerechtere Weltordnung.

Insgesamt gesehen ist »Grenzen« ein sehr nützliches und anschaulich geschriebenes Werk, welches der von der politischen Rechten gepflegten nationalistischen und völkischen Nostalgie gut recherchierte Argumente und Fakten entgegenstellt.

Andrea Komlosy: Grenzen. Räumliche und soziale Trennlinien im Zeitenlauf. Promedia, Wien 2018, 247 Seiten, 19,90 Euro

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