Aus: Ausgabe vom 13.08.2018, Seite 10 / Feuilleton

Vaterland zum Ausmalen

Die »Hooligans gegen Satzbau« machen Stimmung gegen Rechts-Schreibung

Von Thomas Behlert
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»Linkes Komponistenpack«? Die »Hogesatzbau« geben Nachhilfe in Deutsch und Weltanschauung

Wer für den Urlaub packt, nimmt meist auch Bücher mit. Die faulen Stunden müssen schließlich überbrückt werden. Manchmal fehlen aber die Ideen – ein Taschenbuch aus der Bestsellerliste oder den von Freunden ausgeliehenen Schinken? Humor ist auch ganz gut, Rätselhefte oder Comics ebenso. Aber warum nicht »Triumph des Wissens«?

Im Oktober 2014 gründeten ein Kommunikationsdesigner und eine Erziehungswissenschaftlerin die Initiative »Hooligans gegen Satzbau«, Hogesatzbau genannt. Ihr Name ist eine Anspielung auf die rechten »Hooligans gegen Salafisten«. Illustriert wird das faschistische und brutal dumpfe Geschreibsel in den »sozialen Medien«. Neben Korrekturen der Rechts-Schreibung informieren sie über Hintergründe der Hetze und entlarven Falschaussagen.

Um den lesenden Menschen ein Bild ihrer Arbeit zu vermitteln, hat das Kollektiv nun ein erstes Buch veröffentlicht. Darin beschreiben sie u. a. in den kleinen Abschnitten »Schon gewusst?«, was überhaupt unter Rechts-Schreibung verstanden wird, nämlich »eine zunehmend um sich greifende Form der verbalen Verrohung – besonders in sozialen Netzwerken. Sie ist geprägt von menschenverachtendem Inhalt, teils maßlosem Nationalstolz, Gewaltakzeptanz und Beleidigungen. Nicht selten gehen diese Merkmale mit einer Missachtung aller gängigen Grammatikregeln einher.«

Natürlich geben die Hools auch Beispiele, so den »Text« von Lion O.: »ein arier ist mindestens 3 mann stark-­intelligenz,kraft und charakter.soll man sich als arier mit niederem volke mischen-wir haben dazu keinen grund, da unser Denken und unser handeln einschlägige fortschritte in der zivilisation mit sich gebracht habe«. Alles klar?

Selbstverständlich gibt es auch den Klassiker von Marcel, der die Initiative zum Druck von T-Shirts inspirierte: »Haha Antifa … wir kriegen euch ihr linkes Komponisten pack. Sorry meine komonisten.«

Neben diesen Einträgen bietet das sehr vernünftige Buch jede Menge Rätsel, Aufforderungen und Anregungen zum Zeichnen und Ausmalen. So darf der Leser in einem großen Buchstabenrätsel alle »aufrechten Alltagsbegriffe mit einer stolzen Tradition« finden, wie Mischehe, Mädel, Untermensch und Rasse. Auf mehreren Seiten dokumentieren die Hools Bildmanipulationen der AfD, der Leser kann mitmachen und die zehn Fehler finden.

Lesenswert ist auch die Analyse einer Rede des Fraktionsvorsitzenden der Partei im Thüringer Landtag, Björn Höcke, die zeigt, wie diese aufgebaut ist und welche Begriffe aus der Zeit des deutschen Faschismus in die Gegenwart übersetzt werden (z. B. »reine, ehrliche und tiefe Vaterlandsliebe«, »Import fremder Völkerschaften«). Am Ende darf geraten werden, welche Äußerungen Höcke und welche Adolf Hitler ins Publikum brüllte.

Und dann ist da noch der Antrag auf dem Landesparteitag der AfD Rheinland-Pfalz: »Unser Wähler hat etwa das Hirn eines 14jährigen. Konsequenz: Wir schaffen leicht zu verstehende Bildgeschichten über Windmühlen, Volksabstimmungen, …« Dazu passt Karlheinz’ Eintrag auf Facebook: »Der Begriff Nazi stammt aus Nazareth und bedeutet über durchschnittlicher fast heiliger Mensch!«.

Hogesatzbau wurde 2016 vom Konzern Facebook mit dem »Smart Hero Award« ausgezeichnet. In ihrer »Dankesrede« setzten sie vor allem dem Verleiher zu. Die Hooligans gegen Satzbau prangerten an, dass die rassistischen Kommentare von Facebook entweder gar nicht oder nur sehr spät gelöscht werden: »Es ist höchste Zeit, dass Facebook auf menschenverachtende Inhalte genausoschnell reagiert wie auf nackte Brüste.«

Hooligans gegen Satzbau: Triumph des Wissens. Verlag Antje Kunstmann, München 2018, 128 Seiten, 14 Euro

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