Aus: Ausgabe vom 13.08.2018, Seite 6 / Ausland

Kapitalismus und Sklaverei

Ohne den Massenmord an Afrikanern hätten sich die USA und Europa nicht entwickelt

Von Mumia Abu-Jamal
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2015 wurde vor dem UN-Hauptquartier in New York ein Denkmal für die Opfer des Sklavenhandels eingeweiht

Zwischen der Landung von Christoph Kolumbus und dem Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs wurden fast 20 Millionen Menschen aus Afrika als Sklaven nach Amerika verschleppt. Davon gelangte etwa eine halbe Million in die USA, und fast elf Millionen landeten südlich der US-Grenze in Lateinamerika. Die Toten – es gab zahllose Menschenleben, die auf diesen mörderischen Überfahrten entlang der Mittelpassage verlorengingen – wurden nicht gezählt, sondern über Bord geworfen. Wer an Krankheiten litt oder durch die erbärmlichen und schockierenden Bedingungen der Überfahrt dem Wahnsinn verfiel, wurde entweder lebend über Bord geworfen oder zuerst zu Tode geprügelt und dann über Bord geworfen. Auf der Basis dieses makabren und niederträchtigen Sklavenhandels mit seinem blindwütigen Morden trieben die europäischen Mächte und an ihrer Spitze das Britische Empire ihre vielgepriesene industrielle Revolution voran und entwickelten den Merkantilismus zur göttlichen Ökonomie des Kapitalismus. Es wundert nicht, dass Karl Marx im »Kapital« schreibt, der europäische Kapitalismus sei dem »blutigen Schoß« der afrikanischen Sklaverei entsprungen.

Im Rückblick auf Marx’ einflussreiche Arbeit als Philosoph, Ökonom und Historiker wird deutlich, dass er die Versklavung der Afrikaner in Amerika als eine wesentliche Kraft des wachsenden Kapitalismus identifizierte, nicht nur in der »Neuen Welt«, sondern auch in Europa. In den späten 1840er Jahren schrieb Marx sehr weitsichtig über die Sklaverei als überlebensnotwendige Voraussetzung für das Entstehen des US-Imperiums: »Die direkte Sklaverei ist der Angelpunkt der bürgerlichen Industrie, ebenso wie die Maschinen etc. Ohne Sklaverei keine Baumwolle; ohne Baumwolle keine moderne Industrie. Nur die Sklaverei hat den Kolonien ihren Wert gegeben; die Kolonien haben den Welthandel geschaffen; und der Welthandel ist die Bedingung der Großindustrie. So ist die Sklaverei eine ökonomische Kategorie von der höchsten Wichtigkeit.« (Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Band 4, S. 131)

1944 stellte Eric Williams in seinem Werk »Kapitalismus und Sklaverei« die als gesichert geltenden Lehren europäischer und amerikanischer Geschichte als Mythen in Frage. Williams, der später Premierminister von Trinidad und Tobago wurde, betonte eindringlich, der afrikanische Sklavenhandel habe Europas Aufstieg zur vorherrschenden globalen Wirtschaftsmacht vorangetrieben, und die massiven Profite aus dem atlantischen Dreieckshandel mit den Sklaven hätten geholfen, die industrielle Revolution zu finanzieren und zu untermauern. Williams argumentierte, die Versklavung und Ausbeutung der in Amerika gefangengehaltenen Menschen aus Afrika sei die Voraussetzung für die vollständige Eroberung der sogenannten Neuen Welt gewesen.

Bei seiner Untersuchung dieser Wirtschaftsgeschichte konzentrierte sich Williams auf den britischen Sklavenhandel mit den Westindischen Inseln: »Der Dreieckshandel gab der britischen Industrie einen mehrfachen Anreiz. Die erzielten Gewinne stellten einen der Hauptströme der Kapitalakkumulation in England dar, der die industrielle Revolution finanzierte. Sir Josiah Child schätzte, dass jeder Engländer auf den Westindischen Inseln, der ›mit zehn Schwarzen zusammenarbeitet, unter Einbeziehung dessen, was sie essen, zum Leben und Kleiden brauchen, Arbeitsplätze für vier Männer in England schaffen würde‹. Nach Davenants Berechnungen war eine Person auf den Inseln, egal ob weiß oder schwarz, so profitabel wie sieben in England.«

England war die dominierende Macht im Dreieckshandel im 17., 18. und 19. Jahrhundert. Eine mächtige Flotte, gekoppelt mit scheinbar unbegrenztem Kapital, verschaffte den Briten eine Blütezeit durch den Menschenhandel, obwohl Franzosen, Portugiesen, Niederländer und später US-Amerikaner starke Konkurrenten waren. Karl Marx meinte deshalb, dass alle kapitalistischen Gesellschaften in ihren prägenden Anfangszeiten dieser »ursprünglichen Akkumulation« bedurften. Der Sklavenhandel war somit die notwendige Hauptader beim Entstehen der frühen Formen des französischen, niederländischen und britischen Kapitalismus.

Auszug aus Mumia Abu-Jamals neuem Buch »Murder Incorporated: Dreaming of Empire. Book One«, aus dem er auf prisonradio.org vorliest. (jh)

Übersetzung: Jürgen Heiser

Fr., 17. August, 18 Uhr, US-Generalkonsulat, Gießener Str. 30, 60435 Frankfurt am Main: Mahnwache Freiheit für Leonard Peltier, Mumia Abu Jamal und Ana Belén Montes!


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  • Beitrag von Manfred G. aus H. (13. August 2018 um 07:35 Uhr)

    Die Politik des Kolonialismus ist in den Köpfen der Europäer nach wie vor lebendig.

    Nachdem der südafrikanische Präsident Cyril Ramaphosa erklärt hat, die südafrikanischen Siedler entschädigungslos zu enteignen, ging ein Aufschrei durch die Welt der Rassisten.

    Die Neokolonialisten und deren Anbeter versuchen derzeit in der Öffentlichkeit eine Kampagne zu erzeugen, in der sie sich als Opfer des schwarzen Rassismus darstellen. Sie bezeichnen es als Unrecht, was man mit ihnen vorhat. Asylbegehren an Russland und anderen Staate sollen von den Siedlern bzw. deren Vereinigung vorgetragen worden sein.

    Im Augenblick ist es so, dass die Siedler neun Prozent der Bevölkerung ausmachen und 79 Prozent des südafrikanischen Bodens besitzen.

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