Aus: Ausgabe vom 13.08.2018, Seite 4 / Inland

Contergan und Reichsromantik

Wenn am 13. August 1961 die »Wende« stattgefunden hätte – wehmütige Betrachtung über eine vergebene Chance

Von Matthias Krauß
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Bombenstimmung nach der »Wende«: Ende August 1992 wurde das Heim für vietnamesische Vertragsarbeiter in Rostock-Lichtenhagen angezündet.

Man wird ja wohl noch träumen dürfen. Die Frage: »Was wäre gewesen, wenn …?« ist in der Geschichtsbetrachtung ein so unzulässiges wie beliebtes Gedankenspiel. Geben wir ihm uns zur Feier des Tages einmal hin: Was wäre gewesen, wenn am 13. August 1961 nicht die Berliner Mauer gebaut, sondern eine politische Wende eingeleitet worden wäre, wie sie erst 1989 stattfand? Was hätte sich daraus für die DDR-Bürger ergeben?

Natürlich hätten sie endlich Westwaren kaufen können, irgendwann Westgeld verdient, und die Reisefreiheit hätten sie auch genossen. Vorausgesetzt natürlich, dies alles hätten sie sich leisten können. Denn die zuvor unbekannte Erwerbslosigkeit hätte Millionen an dieser Stelle einen Strich durch die Rechnung gemacht und all das bewirkt, was dann nach 1989 tatsächlich einsetzte. Die ostdeutsche Sozialstruktur hätte Schläge erlitten, von denen sie sich auch Jahrzehnte später nicht erholte hätte. Von der westdeutschen Mehrheitsgesellschaft und ihren Medienstimmen wäre dies wohl – wie 28 Jahre später tatsächlich – mit einem Achselzucken abgetan worden: Strukturwandel. Wir alle müssen Opfer bringen.

Darüber hinaus wäre die »Wende« 1961 zum Beispiel gerade noch rechtzeitig gekommen, um die DDR mit Contergan zu fluten. Denn das Verbot dieses Präparats, wie der Zentrale Arzneimittelausschuss der DDR es verhängt hatte, wäre aufgehoben worden wie alle anderen Dekrete des Unrechtsstaates selbstverständlich auch. Die westdeutsche Pharmaindustrie hat schließlich ein Anrecht auf ihr Stück vom ostdeutschen Kuchen. Auch in der DDR hätten Tausende Kinder die Chance gehabt, schwerbehindert das Licht der Welt zu erblicken. Das Prügelverbot an DDR-Schulen, 1947 von der sowjetischen Besatzungsmacht angeordnet – siehe »Dekrete des Unrechtsstaats« –, wäre aufgehoben worden. Auch wäre wieder die bewährte Trennung in Jungen- und Mädchenklassen in der Schule vorgenommen worden. Alle Regelungen zugunsten von Kindern aus bildungsfernen Elternhäusern, mit denen die DDR jenen Menschen den Zugang zur höherer Bildung erleichtern wollte, die im Klassenstaat ausgeschlossen waren, wären umgehend zu Fall gebracht worden. Die privilegierten Schichten hätten schon 1961 ihre angestammten Vorrechte durchsetzen können. Natürlich wäre eine der ersten Maßnahmen gewesen, die von der DDR verfügte Trennung von Kirche und Staat – vor allem im Schulbereich – rückgängig zu machen. Ein diesbezügliches deutsches Vorbild lag noch nicht allzu lange zurück. 1933 hatte Adolf Hitler angeordnet, auch an solchen Schulen den Religionsunterricht wieder einzuführen, wo er in den Jahren der Weimarer Republik abgeschafft worden war. Damit bedankte er sich bei den großen Kirchen für die Unterstützung während der Machtübernahme und in den schweren Monaten danach.

Allgemeines Schulessen, kostenlose Ferienspiele, praktisch kostenlose Betriebsferienlager hätten über Nacht der düsteren Vergangenheit angehört. Ja, in den Schulferien hätten Ostdeutsche dann sehen können, wohin mit ihren Kindern. Aber dieses Problem hätte sich wie von selbst gelöst. Denn – wie dann 1989 tatsächlich – die einziehende Massenarbeitslosigkeit hätte in erster Linie die ostdeutsche Frau getroffen. Sie wäre millionenfach dorthin zurückgekehrt, wo ihre westdeutsche Schwester zu dieser Zeit immer noch stand: an den Herd. Und wenn sie da schon mal steht, kann sie ihren Kindern ja auch das Mittagessen kochen. Diese Kinder hätten nicht die bösartige Hymne »Wenn Mutti früh zur Arbeit geht« auf den Lippen gehabt, das wäre ein Anachronismus gewesen. Die Ex-DDR-Frau hätte bei dieser politischen Entwicklung ihre Persönlichkeitsrechte verloren und wäre wieder dem Mann unterworfen worden, um ihm untertan zu sein – ganz so, wie die westdeutsche Demokratie es 1961 von ihr gesetzlich verlangte. Sie hätte von nun an nur mit seiner Erlaubnis arbeiten dürfen. Als Bestandteil der heiligsten Güter wäre die Diskriminierung von unehelichen Kindern im Erbrecht auch im Osten Deutschlands erneut zu Ehren gekommen. Homosexualität wäre auch dort zunächst wieder durch Polizei und Justiz verfolgt worden – im Unterschied zur DDR seit 1957. Wehrmachtsdeserteure hätten ebenfalls wieder als Straftäter gegolten.

Es wäre einfach alles in den Osten zurückgekehrt, was in der Bundesrepublik Deutschland 1961 gang und gäbe war. Der Rechtsstaat lässt nicht mit sich spaßen.

Auch in Ostdeutschland hätten von diesem Zeitpunkt an Altnazis Recht gesprochen und mit ihren Gegnern abrechnen können. Die KZ-Gedenkstätten der DDR wären geschlossen und abgerissen worden, denn die westdeutsche Demokratie hatte mit den Pensionszahlungen für Hitlers willige Vollstrecker, für Nazi- und Kriegsverbrecher genug zu finanzieren und konnte nicht auch noch Geld erübrigen für Gedenkstätten an irgendwelche ermordeten Juden oder gar Kommunisten. Oder vielleicht noch für die Entschädigung von irgendwelchen dahergelaufenen Zwangsarbeitern. Es waren schließlich keine leichten Zeiten, und man musste Schwerpunkte setzen.

Die ostdeutsche politische Landschaft wäre endlich durch SS-Traditionsverbände und Revanchistenklubs bereichert worden, denn die Bestimmung der DDR-Verfassung, welche faschistische Propaganda verbot und unter Strafe stellte, hätte ja dann als unrechtsstaatliche Regelung ihre Gültigkeit verloren.

Von den Schildern der ostdeutschen Armeekasernen wären die Namen der Antifaschisten abgerissen und durch die von Nazigenerälen ersetzt worden, denn das war in jenen Tagen gute Gepflogenheit in der westdeutschen Bundeswehr. Die Ostdeutschen wären Bürger eines Landes geworden, in dem die Internierung von »Zigeunern« in Konzentrationslagern während des Nazizeit höchstrichterlich als »ordnungspolitisch gerechtfertigt« abgesegnet war – durch ein einschlägiges Urteil des Bundesgerichtshofs von 1956.

Und damit noch nicht genug: Wenn 1961 die »Wende« stattgefunden hätte, dann hätten auch Ostdeutsche schon damals in einem Staat gelebt, der die weltweiten Aggressionen der USA begrüßt und tatkräftig unterstützt hatte. Ja, auch in die ostdeutschen »Tälern der Ahnungslosen« wäre alsbald das Westfernsehen vorgedrungen, mit seinen rassistischen Filmproduktionen aus den USA, Großbritannien, Frankreich. In ihnen wurde die Überlegenheit der weißen Rasse wieder und wieder sinnfällig gemacht (»Tarzan«, »King Kong«, eine Westernflut und anderes in dieser Preislage). Der Rassismus im Westfernsehen galt nicht den Juden, wohl aber »Negern«, indianischen Ureinwohnern und der spanisch geprägten Kultur Südamerikas.

Auch die Ostdeutschen hätten 1961 schon begreifen können, dass bestialische Verbrechen keine mehr sind, wenn der freie und demokratische Westen sie begeht.


Debatte

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  • Beitrag von Harald Mühle aus Berlin (12. August 2018 um 21:58 Uhr)

    Als ich diesen Beitrag gelesen habe, wurde mir erst einmal bewusst, welches großes Leid mir erspart geblieben wäre. Schon viel früher hätte ich das Glück erlebt, von einer modernen Wohnung und von hochdotierten Jobs träumen zu können, hätte hoffnungsvoll wie gerade jetzt wieder auf die nächste Krise warten können mit dem schönen Gefühl, vielleicht durch etwas weniger Rente zur Rettung von Banken beitragen zu dürfen. Und wie froh dürfen die Bürger der ehemaligen BRD sein, dass sie nicht den derzeit ständigen Sozialabbau erleben müssten, weil es viele soziale Errungenschaften der 70er und 80er ohne die Konkurrenz durch die DDR gar nicht gegeben hätte. Und in wieviele Kriege hatten wir inzwischen schon wieder gemeinsam ziehen können. Alles vertane Zeit!

  • Beitrag von Christian Oberthür aus München (13. August 2018 um 17:17 Uhr)

    Geschmacklos.

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