Aus: Ausgabe vom 13.08.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

Kampfstadt für Bayern

Militärisches Trainingsdorf Bonnland in Hammelburg soll ausgebaut werden. Vorbild ist Übungsstadt Schnöggersburg in Sachsen-Anhalt

Von Susan Bonath
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Häuserkampfübung auf dem Trainingsgelände Hammelburg (2016)

Ein Flugplatz, eine U-Bahn, ein Stadion, 520 Häuser, ein Fluss mit Brücken und vieles mehr: Auf dem Truppenübungsplatz des Gefechtsübungszentrums (GÜZ) Altmark im nördlichen Sachsen-Anhalt arbeiten Baufirmen gerade an den letzten Abschnitten von Schnöggersburg. Den Großteil der 6,5 Quadratkilometer großen Kriegsübungsstadt nach westlichem Modell hatte das Land als Bauherr bereits im letzten Oktober der Bundeswehr übergeben. Im Juni trainierten 2.000 Soldaten der deutschen, niederländischen und norwegischen Streitkräfte auf dem Gelände künftige Einsätze als »schnelle Eingreiftruppe« der NATO. Nun macht das bisher mit 140 Millionen Euro bezifferte Trainingsareal Schule in Bayern. Nach dem Vorbild von Schnöggersburg, wenn auch in kleinerem Format, soll jetzt das Übungsdorf Bonnland auf dem bayerischen Truppenübungsplatz Hammelburg zu einem urbanen Kampfgelände aufgerüstet werden.

Entsprechende Pläne gebe es, sie stünden aber noch am Anfang, bestätigte Andreas Hannemann, Kommandeur des Ausbildungszentrums Infanterie der Saaleck-Kaserne, bereits Ende Juli die seit einiger Zeit kursierenden Gerüchte. Der Nürnberger Zeitung sagte er: »Wir überlegen gerade, was wir machen können.« So sei das Übungsdorf, auf dem neben der Bundeswehr auch internationale Truppen trainieren, seit 1965 nicht erneuert worden. Künftig, erläuterte der Kommandeur weiter, solle Bonnland »moderne Siedlungsinfrastruktur abbilden, wie sie in heutigen Einsatzgebieten vorkommt oder vorkommen kann«. Das Areal müsse »die Aufgabe erfüllen, Soldaten für den urbanen Kampf vorzubereiten«.

Hannemann verwies auf die Kampfstadt Schnöggersburg in Sachsen-Anhalt. Für Bonnland wünsche er sich beispielsweise Industrieanlagen und eine Kanalisation, wie sie dort errichtet wurde. Das sei nötig, um »das Szenario vielschichtiger zu machen und die Soldaten bestmöglich für ihren Einsatz auszubilden«, erklärte er. Dem parlamentarischen Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium Peter Tauber (CDU) habe der Kommandeur den Bundeswehr-Plan bereits Mitte Juli zum »Tag der Infanterie« vorgestellt. »Es ist ein Projekt, über das man weiter reden muss«, lobte Tauber gegenüber der Zeitung. Eine Anfrage zu konkreteren Details der Pläne beantworteten die Verantwortlichen bis zum Redaktionsschluss nicht.

Bonnland war einst ein bewohnter Ort. Im Jahr 1895 errichtete das bayerische Kriegsministerium dort den Truppenübungsplatz und nutzte ihn für den Aufbau neuer Heereseinheiten. Im Jahr 1938 ließen die deutschen Faschisten das Militärareal erweitern. Ein Teil der Bewohner von Bonnland musste weichen. Später dehnte die Bundeswehr den Platz weiter aus. 1965 verließ der letzte Bewohner das Dorf. Seither proben dort Bundeswehr- und NATO-Truppen in den Gebäuden inklusive Schloss und Kirche den bewaffneten Häuserkampf. Das Militärgelände umfasst heute gut 40 Quadratkilometer.

Auch Kinder und Jugendliche lockt die Bundeswehr regelmäßig auf den Truppenübungsplatz Hammelburg, um sie für das Militär zu begeistern. Beispielsweise verbrachten im Mai zwei Dutzend 16- bis 18jährige vier Tage und Nächte in der dortigen Saaleck-Kaserne. Das Ausbildungszentrum der Bundeswehr hatte sie zu einem »Actioncamp« mit Trainingsbahn, Biwaklager und Besichtigung des Übungsdorfs Bonnland eingeladen, um sie »über Berufsmöglichkeiten zu informieren«. Schulklassen pilgern ebenfalls regelmäßig auf das Gelände. Wie beispielsweise am 11. Juni dieses Jahres: Die Minderjährigen ab einem Alter von 13 Jahren durften Uniform tragen, Fahrzeuge der Infanterie besichtigen und einem Rekrutierungsvortrag lauschen.

In der Altmark legt die Bundeswehr ebenfalls wert auf Öffentlichkeitsarbeit. Mit zahlreichen Gemeinden und Schulen hat sie »Partnerschaftsverträge« geschlossen, so auch mit der Grundschule Letzlingen. Die Sechs- bis Elfjährigen lädt sie regelmäßig zu diversen »Abenteuerveranstaltungen« wie einem »Sommerferienlager« ein. Das nächste Militärfest »für jung und alt« wird zur »Einheitsfeier« am 3. Oktober stattfinden. Dann könnte in Schnöggersburg neben den anderen Anlagen auch das »Elendsviertel« besichtigt werden. Dieser Tage wird gerade daran gebaut, wie GÜZ-Leiter Uwe Alexander Becker vergangene Woche informierte. »Ausrangierte Container stellen die Behausungen der Bewohner des Ghettos dar«, sagte er der Magdeburger Volksstimme. Hinzu kämen Autowracks und Feuertonnen. Das spiele bei Kriegseinsätzen häufig eine zentrale Rolle. Es könnten sich dort »Rebellen versteckt halten«. Kriegsgegner gehen davon aus, dass in Schnöggersburg auch trainiert werden soll, erwartete soziale Unruhen in Europa niederzuschlagen. Betreiber des GÜZ inklusive Schnöggersburg ist der Düsseldorfer Rüstungskonzern Rheinmetall.

Als Journalisten die Pläne für den Bau der Kampfstadt Schnöggersburg im Gefechtsübungszentrum (GÜZ) Altmark im Mai 2012 erstmals aufdeckten, waren die Verträge zwischen Bund und Land schon in Sack und Tüten. Für die Bürgerinitiative Offene Heide und Friedensaktivisten aus dem angrenzenden Niedersachsen stand fest: Der Widerstand muss wachsen. Sie wehren sich seither mit jährlichen Protestcamps, Demonstrationen und Besetzungen gegen die Aufrüstung im GÜZ, das auf eine Einrichtung der Naziwehrmacht zurückgeht. Ihr ziviler Ungehorsam hat immer wieder juristische Folgen.

Aktuell ziehen sich Verfahren gegen fünf Kriegsgegner hin. Sie hatten während des Antikriegscamps unter dem Motto »War starts here« im August 2017 den Truppenübungsplatz in der Colbitz-­Letzlinger Heide besetzt und waren bis nach Schnöggersburg vorgedrungen. Dort hatten sie mit Plakaten und Musik gegen die Kriegsvorbereitungen der Bundeswehr protestiert. Am 5. September muss sich eine 19jährige Mitstreiterin wegen Hausfriedensbruchs vor dem Amtsgerichts Magdeburg verantworten. Im Frühjahr wurden in Gardelegen vier Aktivsten wegen des gleichen Vorwurfs zu Geldstrafen von bis zu 400 Euro verurteilt. Ihre Widersprüche dagegen wies das Landgericht Stendal jüngst als unbegründet ab.

»Natürlich werden wir dagegen erneut vorgehen«, bekräftigte Malte Fröhlich im Gespräch mit jW. Er ist einer der Beschuldigten, die sich seit Jahren mit Gerichten wegen zivilen Ungehorsams herumschlagen. Er hält Widerstand gegen die fortschreitende Aufrüstung auf dem 232 Quadratkilometer großen und laut Militär »modernsten Truppenübungplatz Europas« für eine Pflicht: »Die Bundeswehr hat dort ihre Einsätze in Jugoslawien, Afghanistan, Syrien und vielen anderen Ländern vorbereitet«, erklärte er. Und das Üben für völkerrechtswidrige Kriege gehe weiter.

Ferner erklärte der Aktivist: »Wir lassen uns nicht davon beeindrucken und planen schon weitere Aktionen.« Verraten wollte er aber nur »das Offizielle«. »Am 1. und 2. September beteiligen wir uns an den Protesten gegen den Rüstungskonzern und GÜZ-Betreiber Rheinmetall in Unterlüß«, informierte Fröhlich. Außerdem bereite seine Initiative eine Demonstration in Magdeburg am Weltfriedenstag, dem 1. September, vor. Zu diesem Anlass ruft auch das Bündnis »Abrüsten statt aufrüsten« zu Demonstrationen auf. Es hat inzwischen mehr als 70.000 Unterschriften gegen die Erhöhung des bundesdeutschen Wehretats gesammelt. (sbo)

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