Aus: Ausgabe vom 11.08.2018, Seite 10 / Feuilleton

Kreuzwortbilder

Verblüffende Anekdoten, kuriose Persönlichkeiten und ein Mädchen mit Mordabsichten: Paolo Bacilieris ästhetisch anspruchsvoller Comic »Fun«

Von Maximilian Schäffer
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Besser als Kulturforschung: In »Fun« lernt man so einiges über den Stellenwert der Kreuzworträtsel

Ein Comicroman über die Geschichte des Kreuzworträtsels. Das klingt nach einem sehr speziellen Metier für ewige Junggesellen, welche Live-Rollenspiele bestreiten und Modellautos zusammenkleben. Oder handelt es sich um ein besonders hippes Nischenerzeugnis für Designstudenten und Inselintellektuelle? Paolo Bacilieris »Fun« ist schlichtweg ein hervorragendes Stück Literatur mit viel poetischer Kraft.

Der 53jährige Italiener ist seit den 1980er Jahren als Zeichner für große Comicserien, wie den kriminalistischen Horror »Dylan Dog« und die phantastischen Abenteuer des »Napoleone«, einer Figur des verstorbenen Großmeisters Sergio Bonelli, tätig. Neben solchen Beschäftigungen zum Broterwerb schafft Bacilieri als Texter und Gestalter in Personalunion alle paar Jahre ein komplett eigenständiges Werk. Zuletzt erschien 2012 »Adiós Muchachos«, die Geschichte einer durchtriebenen jungen Frau, die auf Kuba ahnungslose Männer in teuren Pkw zuerst in Unfälle verwickelt und dann verführt. Bacilieris Liebe zu Städten ist auch eines der großen Themen von »Fun«. Darin darf man die Faszination des oft gescholtenen Mailands nachfühlen.

Die lombardische Metropole gilt als kalt, industriell und kapitalistisch – Bacilieris Hauptfigur, der Comiczeichner Zeno Porno, liebt sie aus anderen, oder vielleicht genau diesen Gründen. Porno hilft seinem Mentor, dem berühmten Romanautor Pippo Quester, bei den Recherchen zu einer Chronik des Kreuzworträtsels. Dabei stoßen sie auf verblüffende Anekdoten, kuriose Persönlichkeiten und ein mysteriöses Mädchen mit Mordabsichten. Eine Inhaltszusammenfassung wird diesem 300 Seiten starken Buch allerdings kaum gerecht: An den assoziativen Gestus des Autors muss man sich erst gewöhnen. Der oft sprunghafte Erzählrhythmus ist aber auch für die traumhafte Logik verantwortlich, die den Komplex, vertikal und horizontal – ja, eben wie ein Kreuzworträtsel – irgendwie zusammenhält.

Zum Beispiel wird die Geschichte von Leonard Sidney Dawe erzählt, einem harmlosen Kreuzworträtsel­autor, der während des Zweiten Weltkriegs von der britischen Militärpolizei wegen Spionageverdachts brutal verhört wurde. Daran reihen sich Clips über einen kurzatmigen Mops in Milano und Impressionen aus dem New York City der 60er. Bacilieri erzählt seine kleinen Tragikomödien in Bildern, die man als eine Mischung aus Kupferstich und frühem Superheldencomic beschreiben kann. Akribisch und expressiv werden mitunter große Persönlichkeiten wie J. D. Salinger und Georges Perec porträtiert, ohne dass es jemals fratzenhaft wirkt. Die Kapitel sind teils unterschiedlich monochrom koloriert, um den Zugang zu den unverbundenen Sequenzen und der fortlaufenden Geschichte der Protagonisten Zeno Porno und Pippo Quester zu erleichtern. Eine vollfarbige Seite mit Regenbogen bricht etwas plakativ, aber durchaus anrührend mit dieser Idee.

Die vielen inszenatorischen Einfälle in »Fun« sind atemberaubend. Bacilieri dekliniert die schier endlosen Möglichkeiten des Formats durch, ohne formalistisch zu sein. Wenn er sich Spielereien, wie fünf parallel verlaufender Bildergeschichten über mehrere Seiten hinweg, erlaubt, erscheint dies dem Leser nicht unnötig oder gar selbstgefällig. Im Gegenteil: Man stellt bei dieser »Graphic Novel« niemals die Frage, ob es nicht für »richtige Literatur« gereicht hat. Historische Figuren im Comic sind ein Trend der Dekade, allerdings bieten diese Bände oftmals nicht mehr als plump verzeichnetes Wikipedia-Wissen. Die Themen jüngerer Fehlversuche reichen von Betrachtungen zur russischen Zarenfamilie während der Oktoberrevolution bis hin zur Lebensgeschichte von Nick Cave. Unnötige Beiträge, die höchstens für Comicnarren oder treue Fans interessant sind. Bacilieri verweigert sich glücklicherweise dem Anspruch der Kulturforschung, obwohl man in der Tat so einiges über den Stellenwert des Phänomens Kreuzworträtsel lernt. »Fun« ist Literatur. »Fun« ist anders. »Fun« ist großartig. »Fun« sollte gelesen werden.

Paolo Bacilieri: Fun. Übersetzt aus dem Italienischen von Benjamin Clay. Avant-Verlag, Berlin 2018, 296 Seiten, 30 Euro

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