Aus: Ausgabe vom 11.08.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

Sammlungsbewegung mit diffusen Zielen

Die »alternative Rechte« in den USA bildet keine definierbare gemeinsame Strömung

Von Knut Mellenthin
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Richard B. Spencer bei einem Aufmarsch der Rechten am 25. Juni 2017 am Lincoln Memorial in Washington

In Zusammenhang mit dem Neonazi-Treffen in Charlottesville am 12. August 2017 war oft von der »Alt-Right« die Rede. Die Kurzbezeichnung steht für den Kunstbegriff einer »alternativen Rechten«. Nach vorherrschendem Verständnis soll damit der Gegensatz zu anderen rechten Gruppen wie den spöttisch »Paläokonservative« genannten Traditionalisten und den »Neokonservativen« hervorgehoben werden. Von diesen beiden Strömungen unterscheiden sich die Gruppen der »Alt-Right« im allgemeinen durch verbalradikale Abgrenzung vom »Establishment« und Ablehnung oder Skepsis gegenüber Militäroperationen im Ausland, besonders wenn diese »humanitär« begründet werden.

Der Begriff »Alt-Right« wurde angeblich erstmals im Jahre 2008 von dem als »Paläokonservativen« geltenden Politikwissenschaftler Paul Gottfried benutzt. 2010 oder 2011 machte sich Richard B. Spencer, ein führender Vertreter des »weißen Suprematismus« – der Ideologie von der Überlegenheit der »weißen Rasse« – diese Kennzeichnung zu eigen. Mehr oder weniger offen erhebt Spencer den Anspruch, Vordenker und Einiger der »alternativen Rechten« zu sein.

In Wirklichkeit handelt es sich bei der »Alt-Right« nicht um eine definierte, eindeutig abgrenzbare Strömung. Explizite Neonazis werden dieser Richtung manchmal ebenso zugerechnet wie es andererseits auch Personen und Gruppierungen gibt, die sich vom Neonazismus und teilweise auch vom »weißen Suprematismus« abgrenzen. Oft sind dafür allerdings hauptsächlich taktische Überlegungen oder persönliche Rivalitäten ausschlaggebend. Manche Gruppen der diffusen »Alt-Right« sind Anhänger heidnischer Phantasiekulte, während die Mehrheit den zahlreichen religiösen Sekten zuzurechnen ist, die unter dem Begriff »Evangelikale« zusammengefasst werden. Sie sind die wichtigste Wähler- und Anhängerbasis von Trump. Vereinzelt gibt es im Spektrum der »Alt-Right« auch offenen Antisemitismus, zum Teil in Kombination mit ebenso offener Sympathie für den »wehrhaften« Staat Israel als Speerspitze gegen »die islamische Gefahr«.

Stephen Bannon, der bis zum 18. August 2017 »strategischer Chefberater« von Donald Trump war, bezeichnete einmal das rechte Internetportal Breitbart, dessen Direktor er einige Jahre lang war, als »Plattform der Alt-Right«. Das wurde viel zitiert, hat aber keinen hohen Erkenntniswert. Zu jener Zeit wollte Bannon – der damals noch nicht im Dienst von Trump stand – mit dieser Aussage provozieren und sich wichtig machen. Das Breitbart-Netzwerk war und ist jedoch kein Sprachrohr einer Sammlungsbewegung der Ultrarechten. In Wirklichkeit existiert eine solche nicht einmal, und auf der anderen Seite vermeidet die Website zu parteiliche Positionierungen.

Manche Beobachter meinen, dass die »Alt-Right« den Höhepunkt ihrer Bedeutung bereits überschritten habe. Zweifellos profitierte die extreme Rechte der USA insgesamt zunächst von der Vorstellung, dass mit Trump ein ihr geistig verbundener Politiker ins Weiße Haus eingezogen ist. Hinzu kam, dass viele Ultrarechte glaubten, über Bannon und einige andere Vertreter im Weißen Haus, wie Stephen Miller und Sebastian Gorka, direkten Zugang zum Präsidenten zu haben. Gorka wurde inzwischen ebenso entlassen wie Bannon. Geschadet haben der »Alt-Right« außerdem die blutigen Krawalle in Charlottesville vor einem Jahr und ihre Vermischung mit provokativ offen auftretenden Neonazis oder zumindest ihre mangelnde Abgrenzbarkeit von diesen.


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