Aus: Ausgabe vom 10.08.2018, Seite 11 / Feuilleton

Die Spur der Flossensuppe

So groß das Maul, so zart ist hier die Liebe zwischen China und den USA: »Meg«, der Haifilm zur Badesaison

Von Peer Schmitt
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»Kuppler und Störenfried der Intimbeziehung«: Carcharocles megalodon

Darf eine Badesaison vorübergehen, ohne dass mindestens ein gewaltig absurder Haifilm in die Kinos gekommen ist? Natürlich nicht. Das Haifilmgenre ist uns viel zu gut und teuer. In seiner reichen Geschichte hat es wahrlich schon so einiges gegeben: Haie, die aus wirbelnden Sandstürmen vom Himmel fallen; Haie, die am Horizont mit Riesenkraken kämpfen; Haie, die sich aus unerfindlichen Gründen in einen ansonsten harmlosen Baggersee verirrt haben; Haie, die Flugzeuge fressen und Atom-U-Boote, sozusagen alles, was verdaulich ist und noch weit darüber hinaus.

Eine Regel ist dabei unhintergehbar: Auf die Größe kommt es an. Hat man erst einmal einen Hai am Haken, wird ein noch größerer und gewaltigerer nicht auf sich warten lassen. Die Größe des Hais scheint in unverschämt direkter Weise mit der Höhe der Profiterwartungen der Produktionsfirmen in Zusammenhang zu stehen.

Ein verlässlicher Index der Größe des Hais ist naheliegenderweise die Größe des Mauls. Es ist von daher kein Zufall, dass jener Film, der nicht nur für das Haifilmgenre bis heute den Maßstab gesetzt hat, sondern durch seinen durchschlagenden Erfolg auch die Filmlandschaft so entscheidend veränderte, dass in ihr seither nur noch sogenannte Blockbuster eine kommerzielle Existenzberechtigung zu haben scheinen, bedrohlich offenherzig den Kiefer, das Maul, direkt im Titel trug: »Jaws« (Kiefer, deutscher Titel: »Der weiße Hai«, Steven Spielberg, 1975). Fressen und gefressen werden, lautet das Gesetz des großmäuligen Films seit jeher.

Mit einer bei Fossilienfunden gemessenen Maulsperrweite von mehr als drei Metern ist der prähistorische Megalodon (Carcharocles megalodon) der Rekordhalter unter den Haien. Er ist vor etwa 2,5 Millionen Jahren ausgestorben, obwohl diverse Filme und Youtube-Videos es einfach nicht wahrhaben wollen. Auf ein derartig großes Maul kann man schließlich nicht so einfach verzichten.

Der Megalodon hat entsprechend schon in einigen Filmen eine Hauptrolle gespielt. In »Meg« von John Turteltaub (Regisseur etwa des unvergessenen Verschwörungsdesasters »Das Vermächtnis der Tempelritter« mit Nicolas Cage, 2004) kommt er nun in voller Pracht zurück.

Das Maul als Index der Größe dominiert den Werbetrailer des Films. Die komplette Szene ist dann im Film ganz schön beeindruckend. Ein etwa zehnjähriges chinesisches Mädchen (Shuya Sophia Cai) in einem Engelskostüm, Flügel inklusive, spielt auf den Fluren einer meeresbiologischen Forschungsstation mit einem von ihrem Tablet ferngesteuerten Ball – ein »digitaler« Hightech-Ball, das Mädchen befindet sich damit gleichsam auf einem Raumschiff. Plötzlich steht es vor einem Aussichtsfenster, das den Blick auf ein erhaben tiefblaues Unterwasserpanorama freigibt. Im Fenster erscheint die Silhouette des Megalodon, der nicht zögert, seinem Namen (»Riesenzahn«) Ehre zu machen. Er beißt zu und hinterlässt im Panzerglas des Panoramafensters den Abdruck seines gewaltigen Gebisses. Man weiß fortan, womit man es zu tun hat (der Haifilm ist ein Film der indexikalischen Zeichen: wo Maul und Flosse erscheinen, droht Gefahr).

Jason Statham hat es als verdienter Rettungstaucher und Haijäger von Anfang an gewusst, bloß wollte ihm mal wieder niemand glauben. Nach einer ersten mutmaßlichen Begegnung mit dem Megadolon, die ernsthaft missglückte, hat er sich schon aufs Altenteil in Thailand begeben und ist dort hauptsächlich mit Biertrinken beschäftigt. Da gibt es eine anrührende Szene, in der eine Kellnerin mit zärtlicher Vorsicht eine frische Bierflasche in die schlaffe Hand des eingeduselten Jason Statham legt.

Auch diese Szene führt auf eine überraschende Spur: »Meg« ist nicht einfach ein Film über das große Haimaul. Es ist, im Kontrast dazu, ein Film über ungeschickt verliebte Zärtlichkeiten. Jason Statham, der im richtigen Leben tatsächlich erfolgreicher Sporttaucher war, lässt sich nämlich nicht nur auf Rettungsmission und Haijagd ein. Das alles ist mehr oder weniger nur ein Vorwand, um mit der maßgeblichen schönen Meeresbiologin der Forschungsstation (Bingbing Li), zugleich auch die (alleinerziehende) Mutter des Mädchens vom eingangs beschriebenen Haigebisspanorama zarte Bande zu knüpfen.

Diese kindgerecht vorsichtige Liebesgeschichte mag durchaus stellvertretend für die chinesisch-US-amerikanische Koproduktionsgeschichte des Films sein. Hinweise darauf finden sich auf allen Ebenen der Story. Ein US-amerikanischer Milliardär (Rainn Wilson) hat die raumschiffmäßige Forschungsstation finanziert und dafür chinesische Wissenschaftler (eine Meeresbiologenfamilie: Vater, Tochter, Enkelin) und US-amerikanisches technisches Personal (Ärzte, Taucher, Designer) zusammengebracht. Im Film ist die (digitale) Skyline von Shanghai fast so eindrucksvoll wie die diversen Tiefseepanoramen.

Und die glorreiche Schlusssequenz dieses sich nur zu Anfang noch halbwegs ernst nehmenden, insgesamt sehr heiteren Films spielt bezeichnenderweise am Strand eines südchinesischen Massentouristenparadieses (Sanya Beach). Dort lässt der Megalodon sogar eine chinesische Hochzeitsfeier auf einer vor der Küste geankerten Yacht platzen. Der Hai ist also Kuppler und Störenfried der Intimbeziehung zugleich.

Der Film macht diverse Anspielungen auf die wahren kommerziellen Hintergründe der Haifischjagd. Einmal treiben zwischen den Trümmern eines vom Megadolon versenkten Fischerboots zahllose flossenlose Haikadaver auf der Oberfläche. Haiflossensuppe ist ein für traditionelle chinesische Hochzeitsfeiern aus Prestigegründen unverzichtbares Gericht.

Es ist halt das große Unglück der Haie, Flossen zu besitzen, mit denen man Hochzeitsfeiersuppe kocht. Es könnte zu ihrem Aussterben führen.

»Meg«, Regie: John Turteltaub, China/USA 2018, 112 min, gestern angelaufen


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