Aus: Ausgabe vom 10.08.2018, Seite 10 / Feuilleton

Wer hat Angst vorm Wettermann?

Und wo lang geht’s in die Traufe? Regentropfen und -lieder, handverlesen

Von Wiglaf Droste
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»Mal kucken« (»Tatort«-Folge »Der Pott«)

Wie kam der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) vom Regen in die Traufe? Durch die Abkehr vom bei der Deutschen Bahn gemopsten Reklameslogan »Alle reden vom Wetter. Wir nicht.« Das SDS-Plakat zeigte statt einer DB-Lok die Konterfeis von Marx, Engels und Lenin, dann verschwand das Plakat mit dem griffigen Spruch, und 1970 war Schluss mit dem SDS.

Der extrem wetterfühlige Peter Hacks sprach und schrieb in seinen letzten Jahren reichlich über das Wetter, für Bauern und Gartenbesitzer ist das Thema zeitweise ohnehin das alles bestimmende, und unsere Outdoor-Kleidungsfanatiker dürfen den einzigen Satz, dessen sie mächtig sind, aufsagen: »Es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung.« Während die dann auf »richtig« eingestellte Schutzkleidung Betrachter dazu tendieren lässt, angesichts der sich für bekleidet haltenden Einmannzeltträger sanft die Augen zu schließen.

In der »Tatort«-Folge »Der Pott« aus dem Jahr 1988 mit Götz George als Horst Schimanski und Eberhard Feik als Christian Thanner spielt gleich zu Beginn die beste deutschsprachige Band meiner Kenntnis: aus rollenden Steinen werden Ton Steine Scherben, Reiser wie Lanrue sehen umwerfend cool aus, und Reiser singt: »Das wird kein Regen, das wird ein Wolkenbruch, es stimmt eben nicht immer, was Wettermann sagt«. Der Text ist unverkennbar inspiriert von Bob Dylans Zeile »You don’t need a wheaterman to know which way the wind blows«, die auch die linksradikalen »Wheatermen« zu ihrem Namen brachte.

Wenn Paul Newman als Butch Cassidy und Robert Redford als The Sundance Kid zu den Klängen von »Raindrops keep fallin’ on my head« im Kreis herumradeln, bringt der Regen tatsächlich den Segen der Freundschaft, und der für immer abgespeicherte Regenbogen am Morgen nach einem Konzert von Neil Young wäre ohne Regen logischerweise nicht möglich gewesen. In seinem »Regenlied« singt Danny Dziuk unter anderem: »Regne, Regen, dich in Rage / Feg’ die Shopping-Meilen leer / und die Geiz- und Saubagage / Bis ins tiefe blaue Meer // Regne, Regen, auf die Berge / Von legal geraubtem Geld / Einer täglich neu und mehr gespenster- / haft zerfall’nen Welt«. Mal kucken, was der Wettermann sagt.

Der hatte viel an- und abzusagen von November 2017 bis September 2018; erst Matsch und Dauerregen aus dem Graupensuppenhimmel, später güntergrassierte Pollenalergie und Sommergrippe, und dann kam sie: die Hitze. Alles ging in die Knie, wunderbare Naturgewässer kippten, und zu sehen gab es Menschenfleisch, bei dessen Anblick man auf der Stelle Nichtcarnivore hätte werden können.

Doch der Wettermann spendete Trost und Durchhalteparolen. Am 8. August solle es kühler werden, auch Regen versprach man. Von lauter Hitze gargekocht, vertraute ich dem Mann und zog die Badedehose an. Und siehe und höre: Wind raschelte, und 571 Regentropfen wurden eigenhändig und einzeln gezählt. Das nenne ich handverlesen.

Alle reden vom Wetter. Ich auch.

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