Aus: Ausgabe vom 10.08.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

»Ziemliche Katastrophe«

Verdi: Viele ehemalige Air-Berlin-Beschäftigte arbeiten zu schlechteren Bedingungen oder sind erwerbslos

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In der Insolvenzmasse: Eine Maschine von Air Berlin steht im September 2017 in einer Wartungshalle des Düsseldorfer Flughafens

Ein Jahr nach der Insolvenz der Fluggesellschaft Air Berlin hat die Gewerkschaft Verdi eine kritische Bilanz gezogen. »Für die Beschäftigten ist es überhaupt nicht gut gelaufen«, sagte Bundesvorstandsmitglied Christine Behle am Donnerstag gegenüber dpa. Viele frühere Angestellte von Air Berlin hätten sich ein Jahr nach der Insolvenz beruflich verschlechtert: »Aus meiner Sicht war es eine ziemliche Katastrophe.« Die meisten Mitarbeiter hätten neue Jobs nur zu deutlich geringeren Gehältern gefunden, andere seien noch arbeitslos. Die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft hatte nach jahrelangen Verlusten am 15. August 2017 Insolvenz angemeldet.

Das insolvente Unternehmen geht offiziell davon aus, dass 85 Prozent der rund 8.000 Beschäftigten wieder einen Job haben. »Dass die irgendeine Beschäftigung gefunden haben, das halte ich schon für realistisch«, sagte Behle. Es komme »aber nicht nur auf die Beschäftigung an sich an, es kommt auch auf die Qualität an. Und da ist die Situation doch schwierig.«

Viele Flugbegleiter hätten im Luftverkehr nichts mehr gefunden, es sei denn zu deutlich schlechteren Konditionen: »Ich weiß von Lohnverlusten von bis zu 40 Prozent, da gibt es große Probleme.« Während der Käufer Easyjet die Übernahme von 1.000 Air-Berlin-Beschäftigten vertraglich mit Verdi geregelt hatte, war laut Behle der Übergang zu Eurowings sehr schwierig, besonders für ältere Mitarbeiter und für Kolleginnen, die aus der Elternzeit zurückkehren wollten.

Behle betonte, die Insolvenz treffe die Beschäftigten viel stärker als die Passagiere. »Sie sind die eigentlichen Leidtragenden«, sagte die Gewerkschafterin. »Wenn man sich das Flugchaos in Deutschland anguckt, das ist auch unerfreulich. Aber für die Beschäftigten ging es ja um die Existenz.«

Unkomplizierter sei die Stellensuche für die Piloten gewesen: »Sie haben größtenteils eine neue Beschäftigung gefunden, aber auch sie haben viel Geld verloren.« Gut funktioniert hätten die Transfergesellschaften für Mitarbeiter aus der Verwaltung und der Technik, in die mehr als 1.500 Beschäftigte gewechselt waren. Behle hob hervor, dass das für die Verwaltung nur durch die Hilfe des Landes Berlin möglich gewesen sei.

Unterdessen bemüht sich Insolvenzverwalter Lucas Flöther, einen abschließenden Überblick darüber zu gewinnen, wem Air Berlin Geld schuldet. Man rechne einschließlich der Passagiere mit mehr als einer Million Gläubigern, sagte Flöther am Mittwoch im RBB-Inforadio. Der Bund hat von seinem Kredit an die Fluggesellschaft bislang etwa die Hälfte zurückerhalten. Der Rückzahlungsstand liege bei 74,4 Millionen Euro, sagte eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums am Mittwoch. Der Staat hatte Air Berlin vor einem Jahr ein Darlehen über 150 Millionen Euro gewährt. Das Geld hatte Air Berlin im vergangenen Herbst zunächst noch in der Luft gehalten und so den Verkauf ermöglicht. Was am Ende insgesamt an den Bund zurückgezahlt werde, könne noch nicht gesagt werden, erklärte die Ministeriumssprecherin. Dies hänge vom weiteren Verlauf der Verwertung ab. (dpa/jW)

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