Aus: Ausgabe vom 09.08.2018, Seite 11 / Feuilleton

Aufstandsschwierigkeiten (#Aufstehen 2 & Schluss)

Von Wiglaf Droste
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Ist das der Plan? Star in Kaufbeuren (Uhrzeit unbekannt)

Ich besitze keinen Wecker; üblicherweise stehe ich auf, wenn ich fertig geschlafen habe, so habe ich mir mein Leben eingerichtet. Manchmal klappt das gut; der Rhythmus, in dem man am besten lebt, pendelt sich ein, man ist kein Morgenmufflon, und jähe Adrenalinstöße hat das Leben sowieso parat. Auch das Knistern und der Duft einer Zeitung, durch keine Digitalität der Welt ersetzbar, sind für mich Luxus. Wenn mich aber jemand ohne Not, allein aus chronometrischem Ordnungssinn und unhinterfragter Gewohnheit weckt – am besten noch mit einer Weisheit wie »Morgenstund hat Gold im Mund«, »Der frühe Vogel fängt den Wurm« oder einer Voksmusik-Ranzigkeit wie »Aufsteh’n, die Sonne lacht!« –, dann sage ich dem: »Ich kann Sie nicht aufstehen.« Und drehe mich weg.

Gleiches Unrecht für alle bleibt Unrecht; wenn etwas alle gleich blöde macht, dann macht es sie eben nicht gleich klug. Das Wort »aufstehen« ist kontaminiert; die gruseligen Bots sangen vom Aufstand gegen die Verhältnisse, indem sie linke Schunkelei unters Volk pingelingten; Diether Dehms unegale Geldzählhändchen mischten selbstredend mit bei diesem Lied und seiner Verbreitung*. Die Blamage dieser überambitionierten Ohrenpein vermochten nicht einmal die Originalversion von Georg Danzer und dessen unvergleichlicher Schmäh und Charme zu verhindern.

Für ein rein praktisches Problem haben die »#Aufstehen«-Kampagneros bisher noch keine Lösung gefunden. Soll im Schichtdienst aufgestanden werden? Oder ist es der Plan, dass – optisch sicher eindrucksvoll und also medienwirksam – tatsächlich alle gleichzeitig aufstehen? Das ist nicht leicht zu machen; der eine steht um vier Uhr auf, um den Vögeln zu lauschen, der andere ratzt tief bis um acht und möchte nicht mit Hässlichwörtern die Weltlage erörtern; der Partymensch steht frühestens um 22 Uhr auf, da gehen andere schon schlafen. Wird die AfD »Senile Bettflüchtlinge abschieben!« fordern? Und werden diese Flüchtlinge dann in sichere Drittheime gepfercht, wo ihre Betreuer bis zum Umfallen schuften und teilweise 48 Stunden in Bereitschaft stehen? Sie verstehen? Wir sind uns einig? Der Weg vom Aufstehen zum Aufstand ist lang und hart und steinig.

* In seinem Buch »Unschuld kommt nie zurück« schreibt Dehm so realistisch wie bescheiden: »Ich wollte aus den verschiedenen Einzelthemen der gespaltenen Linken einen Gesamtgesang machen, der einigend wirken sollte. Das Lied wurde zur zentralen Hymne der ›Rock gegen rechts‹-Bewegung.« So geht das mit wollte/sollte.


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