Aus: Ausgabe vom 09.08.2018, Seite 8 / Ansichten

Wer hat, der kann

Riads Attacken gegen Ottawa

Von Jörg Kronauer
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Die kanadische Außenministerin Chrystia Freeland

Da wackelt, so sollte man meinen, der Schwanz mit dem Hund. Die Außenministerin Kanadas, einer G-7- und NATO-Macht, kritisiert Saudi-Arabien, weil es mal wieder Frauenrechtlerinnen ins Gefängnis geworfen hat – und was geschieht? Nicht das, woran man gewohnt war: Bislang hatte Riad zu öffentlicher Kritik aus dem Westen stets geduldig geschwiegen. Es tat dies im beruhigenden Wissen, zwar machtpolitisch am kürzeren Hebel zu sitzen, zugleich aber nichts Ernstes befürchten zu müssen. Denn öffentliche Beschwerden westlicher Staaten gegenüber Verbündeten haben ohnehin nur den Zweck, angebliche moralische Überlegenheit zu demonstrieren, ohne freilich den nächsten milliardenschweren Rüstungsdeal zu gefährden. Doch die Zeiten haben sich geändert. Riad duckt sich nicht mehr weg, es prügelt zurück, wirft den kanadischen Botschafter aus dem Land, ruft seinen eigenen aus Ottawa zu Konsultationen zurück, stoppt die Flüge nach Kanada sowie neue Geschäfte mit kanadischen Firmen, befiehlt seinen 16.000 Stipendiaten in Kanada, ihr Studium anderswo fortzusetzen, und verlegt seine in kanadischen Krankenhäusern behandelten Patienten in andere Staaten. Welch krasser Schlag!

Wieso glaubt der saudische Herrscherclan es sich leisten zu können, eine führende westliche Macht öffentlich zu düpieren? Nun, zum einen ist der Westen, weltpolitisch vom Abstieg bedroht, schwer zerstritten; die Trump-Administration hat nicht nur die EU, sondern auch Kanada mit Strafzöllen belegt und stellt die Geschlossenheit des transatlantischen Bündnisses in Frage. Uneinigkeit aber bietet machtversessenen Verbündeten Chancen. Zum anderen hat sich Washington mit dem Ziel, Iran auf Biegen und Brechen zur Unterordnung zu zwingen, fest an Saudi-Arabien gebunden – Riad ist, wenn es gegen Teheran geht, der strategisch wichtigste Verbündete. Wer aber unverzichtbar ist, kann sich Aufmüpfigkeit leisten.

Und in der Tat: Washington schweigt bislang zu Riads Attacken gegen Ottawa, stärkt dem NATO-Verbündeten demonstrativ nicht den Rücken – vielleicht auch, um Kanada zu bestrafen, weil es am Atomabkommen mit Teheran festhält. Während Saudi-Arabien sich erfolgreich neue Spielräume schafft, nimmt der Druck im westlichen Kessel zu. Auch die Bundesregierung übrigens schweigt beharrlich zu den saudischen Angriffen, wenn auch aus anderen Gründen. Riad hat schon Ende vergangenen Jahres den Konflikt mit Deutschland gesucht, weil dessen Außenminister die saudische Außenpolitik scharf kritisiert hatte; es hat seinen Botschafter aus der Bundesrepublik zurückgerufen und zuletzt angekündigt, keine neuen Geschäfte mit deutschen Firmen mehr abzuschließen. Von finanziellen Einbußen bedroht, hat Berlin im Frühjahr einzulenken begonnen; eine Erklärung zur Beilegung des Konflikts ist in Arbeit; die Regierung will sie wohl nicht durch öffentliche Unterstützung für Kanada gefährden: Das eigene Geschäft geht vor.

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