Aus: Ausgabe vom 08.08.2018, Seite 5 / Inland

Diskriminierung im Altersheim

Studie: Arbeitsbedingungen von ausländischen Pflegekräften in Deutschland besonders schlecht

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Hohe Arbeitsbelastung und Diskriminierung: Pflegekräfte mit Migrationshintergrund

Erst kürzlich hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, CDU, ein neues »Pflegepersonalstärkungsgesetz« vom Kabinett absegnen lassen. 13.000 zusätzliche Stellen sollen demnach für die Pflege in Altenheimen bereitgestellt werden. Spahn sieht die Gründe für den Personalmangel nicht so sehr in dem jahrelangen Personalabbau und in Folge dessen sich stetig verschlechternden Arbeitsbedingungen. Statt dessen betont er, dass es an Fachkräften mangele. Er schlägt deshalb vor, ausländische Pflegekräfte einzustellen. Am Dienstag hat die Hans-Böckler-Stiftung nun eine Studie veröffentlicht, die Pflegearbeit in Deutschland, Japan und Schweden vergleicht. Ein Schwerpunkt der Auswertung liegt auf den Arbeitsbedingungen der Pflegekräfte mit Migrationshintergrund.

Demnach machen in Deutschland 41 Prozent der Migranten unbezahlte Überstunden gegenüber 18 Prozent der anderen Beschäftigten. Ausländische Pflegekräfte (31 Prozent) führen häufiger als ihre »einheimischen« Kollegen (14 Prozent) täglich Reinigungstätigkeiten in Altenpflegeheimen aus. Noch schlechter sehe es bei den Ungelernten aus. Einfluss auf die Arbeitsplanungen hätten 23 Prozent der Pflegekräfte mit Migrationshintergrund. Bei den restlichen sind es 35 Prozent. Häufig körperlich erschöpft sind 88 im Vergleich zu 64 Prozent. Zudem erfahren Migranten weniger Wertschätzung von den Familien der Pflegebedürftigen und den Vorgesetzten. Von ausländerfeindlichen Kommentaren seien 15 Prozent betroffen, heißt es in der Studie. Körperlicher Gewalt seien 20 Prozent des Pflegepersonals mit Migrationshintergrund (gegenüber 8 Prozent) ausgesetzt. Besonders betroffen seien Beschäftigte aus Polen, Kasachstan, Russland oder Angehörige der zweiten Generation aus dem früheren Jugoslawien.

Gegenüber der Süddeutschen Zeitung (SZ) sagte Hildegard Theobald, die Autorin der Analyse, am Dienstag, das habe durchaus auch mit Rassismus und Vorurteilen zu tun. Da sie in den vergangenen acht Jahren identische Untersuchungen in Schweden, Japan und weiteren Ländern durchgeführt habe, komme sie zu dem Schluss: »Die besondere Härte für Pfleger mit Migrationshintergrund ist vor allem ein deutsches Problem.« Als mögliche Begründung für die Konflikte mit Pflegebedürftigen und deren Familien sieht Theobald die hohe Arbeitsbelastung der Migranten. Sie seien deutlich häufiger in Vollzeit beschäftigt als Pflegekräfte ohne Migrationshintergrund.

Mit Blick auf die deutsche Altenpflege hat Theobald laut Pressemitteilung der Hans-Böckler-Stiftung mehrere Handlungsempfehlungen: Um zumindest den hohen Anteil an zeitlich wenig umfangreichen bis hin zu geringfügigen Teilzeittätigkeiten zu verringern, seien familienfreundliche, flexible Vollzeit- oder umfangreiche Teilzeitarrangements und eine bessere Kinderbetreuung notwendig. Um den Zeitdruck zu lindern, müssten vor allem Personalengpässe beseitigt werden. Die deutliche Benachteiligung von insbesondere ungelernten Migranten im Arbeitsalltag mache es erforderlich, dass Unternehmer und Interessenvertreter auch auf Betriebsebene aktiv werden. (jW)

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