Aus: Ausgabe vom 08.08.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

Unübersichtliche Konflikte

Die Kriege und Abspaltungen in der Kaukasusregion sind eine Folge der Zerschlagung der Sowjetunion

Von Reinhard Lauterbach
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Georgische Soldaten während des Manövers »Noble Partner 2018« am 6. August in Tbilissi

Nach einer Seite wirkte der Zerfall der Sowjetunion unbedingt bildend: Medienarbeiter und Medienkonsumenten im Westen lernten plötzlich Landstriche wenigstens dem Namen nach kennen, von denen sie vorher nie gehört hatte: Wer wusste schon von der Existenz eines landkreisgroßen Gebildes namens Südossetien? Oder von einer wenig größeren Region, die sich Abchasien nannte? Wer kannte Orte wie Zchinwali, Gudauta oder Sugdidi, um die sich Milizen blutige Kämpfe lieferten?

Mit etwas zeitlichem Abstand kann man die Situation einordnen. Im Zuge der von Boris Jelzin 1990 ausgerufenen »Parade der Souveränitäten« (»Nehmt euch jeder soviel davon, wie ihr tragen könnt«, hatte der damalige Vorsitzende des Obersten Sowjets der Russischen Sowjetrepublik faktisch zum Bürgerkrieg aufgerufen) machten sich die national definierten kleineren Republiken auf den Weg raus aus der Sowjetunion. Ganz konfliktfrei verlief das nirgends, aber besonders schlimm wurde es dort, wo solche Republiken ihrerseits Vielvölkerstaaten waren. So ein Fall war die Georgische Sowjetrepublik. Sie umfasste autonome Republiken wie Abchasien und Südossetien. Deren von der sowjetischen Verfassung garantierte kulturellen, amtssprachlichen und anderweitigen Eigenständigkeiten waren aber das erste, was die an die Macht gelangten georgischen Nationalisten aufhoben. Swiad Gamsachurdia war der erste Präsident des nachsowjetischen Georgiens und ein besonders rabiater Vertreter dieser Sorte. Seine Bestrebungen zur Schaffung eines »Georgiens für Georgier« führten dazu, dass sich die anderen Nationalitäten von diesem Staat lossagten. Manche davon, wie Abchasien, hatten zu Beginn der sowjetischen Zeit einmal selbst den Status von Unionsrepubliken besessen und waren dann in der stalinschen Zeit herabgestuft und Georgien untergeordnet worden; andere, wie Adscharien, versuchten 1990 erfolglos, sich durch direkte Unterstellung unter die sowjetische Zentrale dem georgischen Nationalismus zu entziehen. In den diversen innergeorgischen Kriegen der frühen 90er Jahre kam es zu im nachhinein kuriosen Allianzen. So kämpften auf Seiten der mit Russland verbündeten Abchasen auch tschetschenische Kämpfer unter der Leitung von Schamil Bassajew, später ein Anführer des tschetschenischen Aufstands gegen die russische Herrschaft im eigenen Land.

1993 wurde die erste Phase dieser Separationskriege durch Waffenstillstandsabkommen beendet. Russische Friedenstruppen besetzten mit UN-Mandat die neuen Grenzen. Die Konflikte galten als »eingefroren«, das heißt kurzfristig nicht lösbar und zu unbedeutend, um sie zu eskalieren. Das änderte sich, als 2003 der in den USA ausgebildete Micheil Saakaschwili an der Spitze seiner »Vereinigten Nationalbewegung« in Georgien an die Macht kam. Saakaschwili begann, den Kurs in Richtung NATO zu forcieren und versuchte, die abgespaltenen Gebiete auch mit Waffengewalt zurückzuholen. Seit 2006 kam es vor allem in Südossetien immer wieder zu Verletzungen der Waffenruhe. Am 7. August 2008 befahl Saakaschwili, die Hauptstadt der Region im Handstreich zu erobern. Ein verhängnisvoller Fehler. Die russischen Friedenstruppen erwiderten das Feuer, durch den Roki-Tunnel herangeholte Verstärkungen der russischen Armee drängten die georgischen Angreifer zurück und stießen kurzfristig bis auf wenige Kilometer vor Tbilissi vor. Ein von der EU ausgehandelter Waffenstillstand rettete Saakaschwilis Regime vor dem sofortigen Sturz.

Russland gewann den Augustkrieg von 2008 wegen der zahlenmäßigen Überlegenheit seiner Streitkräfte gegen einen schwachen Gegner. Gleichzeitig zeigte die Operation erhebliche Mängel in Ausbildung und Ausrüstung der russischen Armee. Aufgrund der Erfahrungen des Feldzugs begann Moskau anschließend eine grundlegende Modernisierung seiner Streitkräfte. Politisch war die Intervention südlich des Kaukasus die erste Konsequenz aus Wladimir Putins Rede vor der Münchner Sicherheitskonferenz 2007. Sie zeigte, dass Russland weitere einseitige Änderungen des Status quo in seinem unmittelbaren Umfeld nicht mehr hinnehmen werde. Ein weiteres Ergebnis des Krieges war, dass Russland Abchasien und Südossetien offiziell anerkannte. Nur wenige Staaten sind diesem Schritt bisher gefolgt.


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Georgiens Spiel mit dem Feuer Die Kaukasische Flanke

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Johannes Bertl: Warum die Aufregung? Aber, Herr Lauterbach, warum denn die Aufregung?! Sie haben uns doch gerade erst (siehe den wunderbaren Artikel »Verlorene Illusionen«) dankenswerterweise belehrt, dass die ganze Sowjetunion, dieses »...
  • Uwe Müller: Trauer über Sowjetunion Alle derzeitigen Probleme (…) haben ihre Ursache in der Zerstörung der Sowjetunion. Für mich ist es auch nach fast 30 Jahren immer noch nicht zu verstehen, warum die sowjetischen Kommunisten diesen Sc...

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