Aus: Ausgabe vom 06.08.2018, Seite 11 / Feuilleton

»10,– durfte ich mitnehmen«

Eine Ausstellung in Berlin erinnert an sechs jüdische Familien, die vor 80 Jahren im Rahmen der »Polenaktion« der Nazis abgeschoben wurden

Von Sabine Lueken
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Ausgewiesene Juden im November 1938 an einer Suppenküche in Zbaszyn

»Am 28.10. um 5 Uhr früh kamen zu uns 2 Schupos und erklärten mich als verhaftet. Ich musste mich in aller Eile umziehen«, schrieb Moritz Rapaport an seine Kinder. »Ich habe meinen alten Anzug (…) angezogen, (…) meine Uhr und Kette zurückgelassen (…) 10,– durfte ich mitnehmen.« Mit 17.000 anderen Juden mit polnischem Pass wurde er in den frühen Morgenstunden verhaftet, an die polnische Grenze transportiert und musste dort monatelang in Notunterkünften ausharren. Mit der sogenannten Polenaktion am 28. Oktober 1938 testeten die Nazis, was unter den Augen der Öffentlichkeit möglich war und geduldet wurde – sie gilt als erster Schritt zur Vernichtung der Juden.

Die Presse berichtete weltweit. Herschel Grynszpan erfuhr in Paris, dass seine Schwester und die Eltern verhaftet worden waren. Er kam aus Hannover und wollte nach Palästina auswandern. Dann kaufte er sich aber einen Revolver und erschoss den deutschen Botschaftssekretär in Paris, Ernst Eduard vom Rath. Das wurde von den Nazis im November 1938 als Anlass für die antijüdischen »Novemberpogrome« benutzt. Die Erinnerung an sie habe die an die »Polenaktion« überlagert, sagt Professor Gertrud Pickhan, die mit Studierenden des Osteuropa-Instituts der FU Berlin seit 2015 zum Thema forscht. Mit Christine Fischer-Defoy vom »Aktiven Museum Faschismus und Widerstand« hat sie im Centrum Judaicum die Ausstellung »Ausgewiesen!« organisiert. Sie treffe zum jetzigen Zeitpunkt den Nagel genau auf den Kopf, so Fischer-Defoy.

Sechs Berliner Familien stehen im Mittelpunkt der Ausstellung. Auf Deutsch, Englisch und Polnisch wird von ihrem Leben und Überleben erzählt. Zum Beispiel von Familie Jaffe. Die Eheleute stammten aus Galizien und lebten 1938 bereits etwa zwanzig Jahre in Berlin. Lazar Jaffe betrieb einen gutgehenden Eierhandel in der Krausnickstraße. Seine Frau, er und Tochter Sonja wurden 1942 in Polen von Deutschen ermordet. Ihr 16jähriger Sohn Siegfried entkam 1939 mit einem Kindertransport nach Australien, der ältere Bruder Josef überlebte in einem Versteck in den Niederlanden.

Nach der Ankunft am deutschen Grenzbahnhof Neu-Bentschen wurden die Verhafteten »aus den Zügen gestoßen«. Sie wurden sechs Kilometer weit getrieben, bis sie auf polnische Grenzbeamte trafen, die sie allerdings erst nach einer Weile in den kleinen Grenzort Zbaszyn ließen. Dort mussten die Ausgewiesenen bleiben, in gedrängter Enge und unter schrecklichen hygienischen Bedingungen. Jüdische Hilfsorganisationen linderten die Not. Die polnische Bevölkerung nahm einige Ausgewiesene bei sich auf. Der Historiker Jerzy Tomaszewski, der als einziger zu dem Thema geforscht hat, bemerkte später in seinem Buch »Auftakt zur Vernichtung«, dass »die Einwohner Zbaszyns die Ehre Polens gerettet« hätten.

Der aus dem Ort stammende Künstler und Fotograf Wojciech Olejnizak beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren mit dem Geschehen und hat mit einer »künstlerischen Intervention« den Abschluss der Ausstellung gestaltet. »Die offizielle Einstellung zu den Juden und der Judenfrage war negativ«, sagt er. Aber in Zbaszyn hätten die Einwohner in den Juden nicht den Feind gesehen, sondern ganz normale Menschen, die sich in Not befanden.

Nach ein paar Wochen erlaubten die polnischen Behörden die Weiterreise zu Verwandten, Tausende blieben allerdings bis zur Auflösung des Lagers im August 1939. Polen hatte sich bereiterklärt, die Ausgewiesenen aufzunehmen, wenn sie ihre Vermögen nach Polen transferierten. Für zwei Wochen durften die Betroffenen, oft Inhaber kleiner oder mittelständischer Betriebe, ins Reichsgebiet zurückkehren und ihren Besitz weit unter Wert verkaufen. Auch Lazar Joffe tat dies. Als seine Aufenthaltsgenehmigung ablief, kehrte er mit Frau und Tochter nach Zbaszyn zurück. Die im Deutschen Reich verbliebenen polnischen Juden wurden Opfer der sogenannten zweiten Polenaktion, die am 13. September 1939 begann. Mindestens 5.000 wurden in Konzentrationslager verschleppt, viele starben an den dortigen Misshandlungen.

Was führte zu dieser »Polenaktion«? Die polnische Regierung fürchtete nach der Annexion Österreichs durch Nazideutschland im März 1938, seine Staatsbürger jüdischer Herkunft könnten über die Grenze nach Polen fliehen. Deswegen verlangte sie von den länger als fünf Jahre im Ausland lebenden Polen einen speziellen Vermerk im Pass, sonst verlören sie ihre Staatsangehörigkeit. Bevor die Vorschrift in Kraft treten konnte, beschlossen die Nazis, die von ihnen als »Ostjuden« Diffamierten gewaltsam abzuschieben. Aber die meisten Staaten wollten keine jüdischen Immigranten aufnehmen. In der von US-Präsident Roosevelt einberufenen Konferenz in Evian im Juli 1938 bestätigten die meisten Regierungsvertreter ihre restriktive Flüchtlingspolitik – der Völkische Beobachter titelte: »Keiner will sie haben«.

»Ausgewiesen! Berlin, 28.10. 1938. Die Geschichte der ›Polenaktion‹«. Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum, bis 30.12. 2018 (mit Begleitprogramm)

Gleichnamiger Begleitband hgg. von Alina Bothe und Gertrud Pickhan im Metropol Verlag, Berlin 2018, 288 Seiten, 20 Euro


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