Aus: Ausgabe vom 06.08.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Riesige Lücken

WWF-Report: Südostasiatisches Festland besonders stark von Abholzung des Regenwaldes betroffen

Von Thomas Berger
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Im indonesischen Nordsumatra sind die Folgen von Abholzung und Monokulturen für Natur und Tierreich bereits nicht mehr zu übersehen. In der Mekong-Region drohen laut WWF ähnliche Entwicklungen

Wenn vom Verschwinden der tropischen Regenwälder die Rede ist, richtet sich der Blick zumeist Richtung Brasilien ins weitreichende Amazonasbecken als »grüne Lunge« des südamerikanischen Kontinents. Ähnlich bekannt dürften noch die Wälder Sumatras und Borneos, also das zwischen Indonesien und Malaysia aufgeteilte insulare Südostasien, sein. Dort trägt die sich immer weiter ausdehnende Palmölproduktion in riesigen Plantagen mit ihrer Monokultur zum Rückgang der besonders artenreichen Primärregenwälder bei.

Doch auch der festländische Teil dieser Weltregion ist bereits stark von Entwaldung betroffen. Darauf hat Ende Juli die Umweltorganisation World Wildlife Fund (WWF) in einer Studie mit dem Titel »Pulse of the forest« hingewiesen. Während sich lokale Ökoaktivisten durch den Report in ihren eigenen Mahnungen bestärkt sehen, kommt aus der Politik der einzelnen Länder eher Abwehr, Rechtfertigung und Kritik.

Die Greater-Mekong-Region umfasst Myanmar, Thailand, Kambodscha, Laos und Vietnam. Noch vor wenigen Jahrzehnten waren dort weite Gebiete mit natürlichen, durch ihren Artenreichtum besonders wertvollen Wäldern bedeckt. Doch der Kahlschlag schreitet unerbittlich voran, hat schon jetzt bedrohliche Ausmaße erreicht. Seit 1970, so die Autoren der WWF-Studie, ist bereits ein Drittel dieser ausgedehnten Waldflächen verschwunden. Alarmierend ist hier vor allem die Prognose, dass zwischen 2010 und 2030 weitere gut 30 Prozent verschwinden werden, wenn nichts dagegen unternommen wird. Der WWF verweist darauf, dass der kontinentale Teil Südostasiens in den 1970er Jahren noch das am dichtesten bewaldete Gebiet der Erde war. Inzwischen wurden hier riesige Lücken gerissen. Nicht nur große Infrastrukturprojekte wie Straßen, auch die Ausdehnung agrarwirtschaftlicher Nutzflächen und der weitverbreitete illegale Einschlag für Tropenholzschmuggel zeichnen für den starken Rückgang der Bewaldung verantwortlich.

Verwiesen wird in dem Bericht auch darauf, dass rund um den Globus 300 Millionen Menschen direkt im und vom Wald leben. Gerade für unzählige indigene Gemeinschaften – das gilt insbesondere für die unter dem Begriff »Bergvölker« summierten ethnischen Minderheiten im nördlichen Thailand oder diverse Gruppen im Vielvölkerstaat Myanmar – bietet der Wald die Lebensgrundlage. Zudem sichern Wälder im globalen Maßstab für 1,3 Milliarden Menschen, obwohl sie nicht in ihnen leben, Trinkwasserreserven und Nahrungsquellen.

Ganz zu schweigen vom enormen Beitrag, den intakte Primärwälder bei der Eindämmung des Klimawandels zu leisten vermögen: Allein bis 2030, so die Zahlen im WWF-Papier, könnten sie sieben Milliarden Tonnen Kohlendioxid – als Haupttreiber der globalen Erwärmung – aus der Atmosphäre filtern. Das entspricht 1,5 Milliarden Autos, die mit ihren Abgasen in diesem Zeitraum von den Straßen verschwinden müssten.

Mittlerweile gehöre die Mekong-Region zu den elf Gebieten weltweit, in denen die »grüne Hülle« am schnellsten verschwinde. Beachtliche 17 Prozent oder 30 Millionen Hektar, die bei ungebremsten Fortschreiten der aktuellen Entwaldung weltweit bis 2030 verschwinden werden, entfallen auf die fünf genannten Länder Südostasiens. Thibault Ledecq, regionaler WWF-Projektleiter, wurde von der kambodschanischen Tageszeitung Phnom Penh Post mit den Worten zitiert: »Die Wälder der Mekong-Region sind Turbomotoren, die die Volkswirtschaften und Ökosysteme Asiens antreiben. Aber sie gehen in einem alarmierenden Umfang verloren, und deshalb müssen wir unser Verhalten ändern.«

Die Hoffnung, bei der Politik damit auf offene Ohren zu stoßen und Verbündete zu finden, geht nicht überall auf. Die Studie war kaum veröffentlicht, da konterte in Kambodscha bereits Keo Omaliss, der Sprecher der staatlichen Waldbehörde, und nannte das WWF-Papier »inakzeptabel«. Aus seiner Sicht ignoriert es die Anstrengungen, die von der Regierung unternommen worden seien. Insgesamt habe Kambodscha schließlich sieben Millionen Hektar Wald unter Schutz gestellt und vergebe auch keine Abholzungskonzessionen mehr. Das mag zwar aus offizieller Sicht stimmen, allerdings ist das seit Jahrzehnten von der Clique um Dauerpremier Hun Sen regierte Königreich einer der am stärksten von Korruption geprägten Staaten der Region. Da wird bei illegalem Einschlag längst nicht immer ermittelt. Statt dessen wird teils gezielt weggeschaut, wenn ganze Waldstücke verschwinden, während sich einheimische Umweltaktivisten schon seit Jahren beklagen, dass sie behindert und bedroht werden. In Einzelfällen hat es sogar schon Morde gegeben.

Der WWF verweist auch darauf, dass intakte Wälder den Mekong selbst, der als »Lebensspender« die ganze Region durchzieht, gesund halten. Allein 4,5 Millionen Tonnen Fisch können in ihm pro Jahr derzeit noch gefangen werden. Auch dies sei aber gefährdet, wenn die schützenden Wälder entlang des Stroms immer mehr zurückgehen. Was die Entwaldung angeht, nimmt Kambodscha einen traurigen Spitzenplatz ein. Zwischen 2010 und 2014 »verschwanden« dort 4,6 Prozent des Waldes. Neben agrarindustriellen Interessen nennt der WWF einen ineffektiven Bestandsschutz durch staatliche Behörden als Ursache dieser Entwicklung. Zum Vergleich: Auch in Myanmar und Laos schreitet die Entwaldung voran, jedoch mit Werten, die unter 0,5 Prozent jährlich liegen. Dafür nimmt der Waldbestand in Vietnam und Thailand statistisch gesehen sogar leicht zu: um 1,44 Prozent (2000–2010) bzw. 0,19 Prozent (2005–2015) pro Jahr. Allerdings ist wiederaufgeforsteter Sekundärwald niemals so wertvoll und artenreich wie natürlicher Regenwald. Gerade in Thailand ist das Grün weitgehend verschwunden. Ein Bestand von nur noch 31,6 Prozent der ursprünglichen Bewaldung ist weit weniger, als die Nachbarn zu bieten haben. In Laos oder Myanmar etwa sind es immerhin noch 58 bzw. 63 Prozent.

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