Aus: Ausgabe vom 06.08.2018, Seite 4 / Inland

Der Kohle an den Kragen

Leipziger Klimacamp nach einer Woche beendet. Aktivisten solidarisch mit Anwohnern. Kraftwerk vorübergehend blockiert.

Von Bernd Müller
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»Klimacamper« halten sich sportlich fit für kommende Aktionen (Pödelwitz, Sachsen am 29.7.2018)

Das erste Klimacamp in der Bundesrepublik in diesem Jahr ist am Sonntag zu Ende gegangen. Zum ersten Mal rückten Aktivisten das Kohlerevier südlich von Leipzig in den Fokus der Aufmerksamkeit, das ansonsten nur wenig Beachtung findet. Dort soll unter anderem das kleine Dorf Pödelwitz den Baggern weichen. Unter dem Ort liegen mehrere Millionen Tonnen Rohbraunkohle, die die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft (Mibrag) abbauen will. Das Unternehmen betreibt den Tagebau »Vereinigtes Schleenhain«, aus dem das Kraftwerk Lippendorf beliefert wird.

Für Sonnabend waren zahlreiche Protestaktionen angekündigt. Die erste fand am Morgen statt: Ein Förderband im Tagebau wurde gestoppt. Mit Sitzblockaden hatten Gegner der umweltschädigenden »Kohleverstromung« dann später vier Zufahrten zum Kraftwerk Lippendorf versperrt. Etwa 350 Aktivisten der Gruppe »Kohle erSetzen« beteiligten sich an den Blockaden, wie Koordinator Arvid Jasper am Sonnabend mitteilte. Mit der Aktion fordert die Gruppe, der Kohleausstieg sollte sofort und konsequent eingeleitet werden. Am Nachmittag wurde die Blockade von der Polizei aufgelöst, nachdem Teilnehmer der Aufforderung nicht nachgekommen waren, die Zufahrt zum Schichtwechsel in dem Braunkohlekraftwerk zu räumen. Die Aktion sei gewaltfrei verlaufen, erklärte die Polizei. Dennoch hatte sie 18 Teilnehmern Platzverbote ausgesprochen.

Zum »Klimacamp Leipziger Lande« waren letztlich Menschen aus aller Welt angereist. Sie repräsentierten ein breites Spektrum von Gruppierungen, die einen verantwortungsvollen Umgang mit den natürlichen Ressourcen fordern. Die Auftaktdemonstration am 28. Juli in Leipzig wurde von großen Organisationen wie den Naturfreunden Deutschlands, Greenpeace und dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) organisiert. Die Camp-Teilnehmer diskutierten eine Woche lang über Kohle, Politik und Klimagerechtigkeit. Die Veranstaltungen waren mitunter prominent besetzt. Mit dabei war unter anderem Christian von Hirschhausen, Professor für Wirtschafts- und Energiepolitik an der TU Berlin, der sich schon seit Jahren für eine Abkehr von der Kohleverstromung stark macht. Er zeigte sich sicher, dass ein sozial verträglicher Ausstieg aus der Kohlenutzung für alle Beteiligten machbar sei.

Die Bürgerinitiative »Pro Pödelwitz« hatte die Klimaaktivisten zum Zelten eingeladen, und die folgten dem Vorschlag gern. Denn das Anliegen der Pödelwitzer wollte man unterstützen, so Florian Teller, einer der Camp-Sprecher, bereits in einer Mitteilung des »Klimacamps Leipziger Lande« vom 20. März. Er betonte, dass der Ausstieg aus der Braunkohle schnellstmöglich erfolgen müsse. Das dürfe aber »nicht zu Lasten der Menschen aus der Region und der Beschäftigten« gehen.

Das 700 Jahre alte Dorf Pödelwitz haben die meisten der ehemals 130 Einwohner längst verlassen. Vor Jahren verkauften sie ihre Häuser an die Mibrag und zogen weg. Dem Unternehmen gehören inzwischen rund drei Viertel aller Grundstücke in Pödelwitz. Die letzten 27 Einwohner gründeten die Bürgerinitiative, um ihr Dorf zu erhalten. Ihrer Ansicht nach reicht die bisher genehmigte und erschlossene Fläche des Tagebaus »Vereinigtes Schleenhain« bis etwa 2040.

Der Ort sei bislang gar nicht für eine Abbaggerung vorgesehen. Aber die Mibrag will das Gebiet für die Kohleförderung erweitern. Aktuell bereitet das Unternehmen einen entsprechenden Antrag vor. Wenn alles nach Plan läuft, will der Konzern voraussichtlich ab 2027 mit dem Abbaggern beginnen. Das sei aber »aus klimapolitischer Sicht vollkommen aus der Zeit gefallen«, erklärte Jens Hausner, Sprecher von »Pro Pödelwitz«, ebenfalls in der Mitteilung vom 20. März. Selbst ein Großteil der bereits für den Abbau genehmigten Braunkohlemenge müsse demnach im Boden bleiben, um beim Klimaschutz nicht komplett zu scheitern. Deshalb müsse man auch öffentlich machen, »welche vollkommen abwegige Planungen die Mibrag hier verfolgt«, sagte Hausner.

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