Aus: Ausgabe vom 04.08.2018, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Optimismus ohne Illusion

Oder eine Zuversicht, welche die Tatsachen nicht zu scheuen braucht. Über Ernst Bloch

Von Wolfgang Harich
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Engagierter Intellektueller: Ernst Bloch auf der Kundgebung »Notstand der Demokratie« gegen die Notstandsgesetze der BRD am 30. Oktober 1966 vor dem Frankfurter Römer

Im Sommer 1918 erschien mit »Geist der Utopie« das erste Hauptwerk des marxistischen Philosophen Ernst Bloch. Der hohe Rang seiner materialistischen Hoffnungsphilosophie wurde vor allem in der jungen DDR gewürdigt. Wir dokumentieren eine 1955 in der Wochenzeitung des Kulturbundes der DDR Sonntag veröffentlichte Gratulation des Philosophen Wolfgang Harich zu Blochs 70. Geburtstag. Der Text ist dem dritten Teilband der »Frühen Schriften« Harichs entnommen, der kommendes Jahr im Tectum-Verlag erscheint. (jW)

Wer das Tiefste gedacht,

liebt das Lebendigste.

Hölderlin über Sokrates

Das Schaffen Ernst Blochs ist den Zeitgenossen bisher nur fragmentarisch zugänglich. Dem Denker, der am 8. Juli sein 70. Lebensjahr vollendet hat, ist es noch nicht vergönnt gewesen, seine imponierende Lebensleistung vollständig vor dem Publikum auszubreiten. Woran liegt das? Ganz abgesehen von fünfzehn Jahren Exils in Ländern fremder Sprache liegt es vor allem wohl daran, dass die Bücher, die Bloch verfasst hat, das kapitalistische Verlegerinteresse geradezu abschrecken müssen. Nicht deswegen bloß, weil es die Bücher eines Bekenners zum Sozialismus sind, den die Oktoberrevolution den Sinn der Weltgeschichte begreifen ließ. Das ginge noch an, falls sie fesselnde Belletristik enthielten, an der sich immerhin verdienen lässt. Sie enthalten aber Philosophie, und zwar größtenteils sehr komplizierte, und diese Mischung eben, revolutionäres Ideengut, dargeboten in Form einer schwer an den Mann zu bringenden Ware, diese vertrackte Kombination von politisch und kommerziell gleichermaßen Riskantem, kann soliden Firmen, wie man zugeben wird, nicht recht zugemutet werden.

Erst in unserer Republik, wo das Kommerzielle sich geistigen Gesichtspunkten unterzuordnen hat, sind die Voraussetzungen dafür gegeben, die Schätze Blochs nach und nach aus schier unerschöpflichen Schubladen zu Tage zu fördern. Ich unterstreiche: Nach und nach; denn von heute auf morgen ist das kapitalistisch so lange Verhinderte auch unter günstigsten Bedingungen nicht aufzuholen. Dies um so weniger, als wir es hier mit einem Autor zu tun haben, der jedes Mal die letzte Manuskriptfassung – wie den Abschiedskuss der Marienbader Elegie – durch die »letzteste« einer ausgiebigen Fahnenkorrektur zu übertreffen pflegt. Noch etlicher Jahre also wird es bedürfen, ehe alle drei Bände des »Prinzip Hoffnung«, ehe Hauptwerke wie »Prozessfront und Materie«, »Naturrecht und Sozialismus«, »Geschichte des Begriffs Materie«, ehe die vierbändige Sammlung der Aufsätze zur Politik, Literatur, Philosophie und Geographie, gar das Blochsche »System der Philosophie«, seine Leipziger philosophiehistorischen Vorlesungen und manches andere mehr in Buchform vorliegen werden, ganz zu schweigen von den längst fälligen Neuausgaben der bei aller Problematik hochbedeuten älteren Werkes die – vom »Geist der Utopie« (1918) bis zur »Erbschaft dieser Zeit« (Schweiz, 1935) nur in kleinen Auflagen erschienen – heute kaum noch aufzutreiben sind.

Glaube ans gute Ende

Aber es ist jetzt doch wenigstens abzusehen, dass eines nicht mehr allzu fernen Tages die Kenntnis aller dieser Bücher für jeden, der auf philosophische Bildung Anspruch erhebt, möglich und unumgänglich sein wird. Das wird auch eine Errungenschaft unseres sozialistischen Aufbaus sein, und Deutschland wird dann einem Denker zu huldigen haben, der seit Jahrzehnten in großem Stil und enzyklopädischem Ausmaß darum ringt, ein unerhört Neues auf den Begriff zu bringen.

Schon die gegenwärtig verfügbaren Teile des Lebenswerkes von Ernst Bloch lassen freilich deutlich genug erkennen, worum es ihm zu tun ist. Im Zentrum seines Schaffens steht, unter immer neuen Aspekten sichtbar gemacht, das Verhältnis der Menschen zu ihrer Zukunft, und sein Hauptverdienst lässt sich wohl darin zusammenfassen, dass er seinen Lesern das Faszinierende, die Reichtümer und die Tiefen der guten Zuversicht bewusst gemacht hat.

Was das für die Gegenwart bedeutet, ist unschwer zu ersehen, hält man sich den großen, gefährlichen Einfluss vor Augen, den heute der Nihilismus aller Schattierungen ausübt. Im bürgerlichen Denken von Schopenhauer bis Heidegger sind Lebensverneinung, Verzweiflung, Angst die Ultima ratio eines jeden Philosophierens, das auf sogenannte »Tiefe« prätendiert und den Durchbruch zum »Eigentlichen« des Daseins zu vollziehen behauptet, während der Optimismus allgemein als oberflächlich und uninteressant gilt und es in den bekannten Erscheinungsformen apologetischer Wirklichkeitsverschleierung auch tatsächlich ist: angefangen von den mannigfachen liberalistischen und sozialdemokratischen Zweckillusionen bis zum seichten Happy-End des Kitschromans, der Operette, des Hollywood-Films.

Oberflächlich betrachtet, d. h. so, wie unsere Zeit sich im Bewusstsein der untergangsreifen Großbourgeoisie und der desperaten Kleinbürgermasse widerspiegelt, scheint das nicht anders sein zu können. Die Spenglersche Untergangsprophetie,[1] die das Abendland in Cäsarismus und Fellachentum erstarren sieht, die Klages-Klage über den Geist als angeblichen Erbfeind des Seelenhaften und Lebendigen,z Jaspers’ »Existenzerhellung«, die in »Grenzsituationen« den Ansatz zur Besinnung auf das Eigentliche und Echte sucht,[3] Heideggers »vorlaufende Entschlossenheit zum Tode« usw. – all das scheint den Krisen und Katastrophen und dem millionenfachen abgründigen Menschenleid unseres Jahrhunderts gemäßer zu sein als der Glaube ans gute Ende.

Aber ist dem wirklich so? Das Werk Ernst Blochs steht dafür ein, dass das Gegenteil richtig sei. Es will zeigen, dass die moderne Inflation düsterer Aussichten, dass die Exzesse zuchtloser Selbstquälerei und pseudoheroisch maskierter Verzweiflung lauter falsches Bewusstsein sind, dem mit kräftiger Antithese zu begegnen ist. Es gibt, so lehrt Bloch, einen Optimismus, der – im Gegensatz zur Apologetik – die Tatsachen nicht zu scheuen braucht, der aber dadurch, dass er ihnen mit den Mitteln rationeller Analyse auf den Grund geht, sie als untrügliche Symptome einer krisenhaft widerspruchsvollen Wendung zum Guten kenntlich macht. Und dieser Optimismus ohne Illusion – es ist der der Kommunisten – erweist gerade die Verzweiflungsphilosophien als seicht und, was viel schwerer wiegt, als Konservierungsmittel des Zustandes, dem die Verzweiflung gilt.

Ehrenrettung des Happy-End

Bloch nennt das eine Ehrenrettung des Happy-End, das durchschaut werden müsse, soweit es illusorisch ist, und trotzdem verteidigt, da es wenigstens nicht »das Geschleppe des kleinen Lebens verewigt« oder »der Menschheit das Gesicht eines chloroformierten Grabsteins gibt«. Das klingt, wie vieles bei Bloch, nicht gerade wissenschaftlich und mutet in dem, was man sich unter dialektischem Materialismus so vorstellt, fast wie ein poetischer Fremdkörper an. Aber der sachliche Begründungszusammenhang, aus dem diese Verteidigung des Optimismus ohne Illusion hervorgewachsen ist, kann auf exakt marxistische Weise wiedergegeben werden.

So steckt, was unsere Zeit betrifft, darin namentlich die Erkenntnis, dass die Epoche des Imperialismus zugleich die der siegreichen proletarisch-sozialistischen Revolution ist, die die Bedingungen für den Aufbau einer Gesellschaft ohne Ausbeutung und Krise herstellt. Und Bloch rekapituliert derlei marxistische Einsichten, wo immer es not tut. Nur eben: Sein eigentliches Anliegen ist die Pointierung, auch die Ausfabelung derjenigen Schlussfolgerungen der marxistischen Gesellschaftsanalyse, die den alten Traum vom besseren Leben wieder aufleben lassen und so den Menschen, die in Hoffnungslosigkeit zu versinken drohen, in die Phantasie greifen müssen. Das aber ist ein Hauptkettenglied des Kampfes gegen die ganze philosophische Reaktion unserer Zeit und gegen die nihilistischen Stimmungen, deren theoretischer Ausdruck sie ist. Und es wäre eine gründliche Verkennung der Situation zu behaupten, dass Bloch nicht an der vordersten Front dieses Kampfes stünde, dass sein Philosophieren abwegig sei.

Es gibt unter den Gleichgesinnten und Mitstreitern welche, die das tatsächlich behaupten. Und es gibt andere, die etwa der Meinung sind: Der humanistische Gehalt der Bücher Blochs sei nicht zu bestreiten, und um Abseitsstehende, namentlich aus der Intelligenz, an den Marxismus erst einmal heranzuführen, könnten sie nützlich sein. Aber selber marxistisch seien sie doch wohl nicht. Ich möchte mich hier vor allem mit dieser letzteren Auffassung auseinandersetzen, die auch mir lange Zeit zu schaffen gemacht hat.

Zunächst: Die Lehre Blochs wäre zeitgemäß auch dann, wenn ihre Bedeutung sich nur durch Konfrontation mit den Heidegger, Klages und Konsorten klar herausstellen ließe. Sie wäre aber nichtsdestoweniger zeitgebunden im schlechten Sinne, wenn sie zur schöpferischen Weiterentwicklung der marxistischen Philosophie so wenig beitrüge, dass der Versuch, sie auch an den Anforderungen des Neuen, Werdenden zu messen, als unangebracht zurückgewiesen werden müsste. Ich glaube nun, dass es zwei entscheidende Argumente sind, die zeigen, dass dem nicht so ist.

Da ist zuerst und vor allem die Tatsache, dass Bloch seine Verteidigung des Optimismus keineswegs nur mit einer Analyse der Verhältnisse unserer Epoche begründet, sondern ihr eine allgemeine philosophische Fundierung zu geben sucht, und zwar mit seiner Theorie des antizipierenden Bewusstseins. Er weist hier in einer Reihe tiefschürfender Untersuchungen nach, dass ein Vorbewusstsein des Kommenden, das mit dämmernden Ahnungen einsetzt, äußerst betrügbar und irrtumsfähig ist, aber sich prinzipiell bis zur Höhe exakter wissenschaftlicher Voraussage und praktisch eingriffsmächtiger Erkenntnis des Geschichts- und Naturprozesses erheben kann, zum Wesen des Menschen gehört, und er leistet damit einen wichtigen Beitrag zu einer neuen Anthropologie. Das ist ein echter Ansatz zur Konkretisierung des dialektischen Materialismus auf einem noch wenig beachteten Gebiet. Und um zu sehen, dass die Klärung der hier entstehenden Probleme hoch an der Zeit ist, braucht man nur daran zu denken, dass von einer Grundlegung der Ethik, der Psychologie, der Theorie des ästhetischen Empfindens usw. ohne solche anthropologischen Überlegungen gar keine Rede sein kann.

Die Wirklichkeit überholen

Im einzelnen freilich werden manche Thesen Blochs noch diskutiert werden müssen. Ob es beispielsweise angeht, der Psychoanalyse mit einer anders strukturierten Hierarchie von Trieben beikommen zu wollen, in der nunmehr der Hunger als »verlässlichster Grundtrieb« figuriert, womit ja wieder nichts spezifisch Menschliches getroffen ist – und an dieser Voraussetzung hängt die Konstruktion: Hunger – nicht gesättigte Wünsche – Tagträume – Utopie – , das ist die Frage. Mir scheint, dass das antizipierende Bewusstsein nur auf die Teleologie des Arbeitsprozesses bezogen werden kann und das seine dämmernden, ahnungshaften Stadien sich allein aus der notwendigen Variationsbreite möglicher Mittelfindung, bei einem unübersehbaren Reichtum möglicher Kombinationen des Erfahrenen, erklären lassen. Aber wie dem auch sei: Das Verdienst Blochs, die Antizipation überhaupt als Konstituens der Natur des Menschen durchdacht zu haben, ist so bedeutend, dass demgegenüber jeder Einwand, der Einzelheiten der konkreten Ausführung dieser Konzeption betrifft, als geringfügig erscheint.

Der zweite entscheidende Gesichtspunkt, den ich hier geltend machen möchte, ist der des Erbes. Er hängt mit dem eben Genannten eng zusammen. Denn wenn die Antizipation – und mit ihr das Wünschen und Hoffen – ein allgemeinmenschliches Charakteristikum ist, dann muss sie auch zu jeder Zeit – wenn auch inhaltlich jeweils anders geartete – Projekte hervorgetrieben haben, die die gegebene Wirklichkeit überholen, und es entsteht nun die Frage, ob denn die mannigfaltigen Wunschbilder, die dabei im Spiel gewesen sind und die sich an der ganzen Breite der Kulturleistung aller Völker und Zeiten ablesen lassen, immer nichts weiter als falsch gewesen sein müssen. Bloch verneint das sehr entschieden, das heißt: Er lehnt einen historisch-soziologischen Relativismus ab, der den Geistesschöpfungen der Vergangenheit jede bleibende Bedeutung dadurch abspricht, dass er sie restlos in das an Ort und Stelle jeweils fällige falsche Bewusstsein auflöst. Diese Stellungnahme entspricht vollständig der Leninschen Lehre, wonach die Relativität eines historisch vergänglichen Erkenntnisstadiums nicht dessen Näherungswerte aufhebt, also auch nicht die Frage nach seinem objektiven Wahrheitsgehalt erübrigt.

Das Spezifische der Problemstellung Blochs liegt aber darin, dass es ihm in erster Linie darauf ankommt, aus diesem Wahren und deshalb bleibend Wertvollen dasjenige herauszupräparieren, was entweder Momente einer zutreffenden Vorwegnahme von Zukünftigem enthalten mag (wie die sozialen, technischen, medizinischen, geographischen usw. Utopien) oder aber erste Annäherungen an eine bewusstermaßen zukunftsbezogene Theorie und die ihr gemäßen Begriffe (Kategorie Möglichkeit, Kategorie des Neuen, Prozess, Veränderung usw.) aufweist. Unter diesem Gesichtspunkt wird von ihm nun die ganze Geschichte der Philosophie und der sozialen Anschauungen, werden alle erdenklichen Spielarten der Utopie, werden die Religionen, die Rechtsnormen, moralische Ideale, Literatur, Kunst und manches andere zum Zwecke kritische Aneignung durchgemustert. Und der leitende Gedanke ist dabei der, dass alles, was aus diesen Überlieferungen Bestand hat, und sei es die Sehnsucht nach Erlösung vom Übel, die sich im religiösen Bewusstsein geltend macht, oder auch die phantastischste Konstruktion utopischer Weltraumschiffe, nach Abzug der illusionären Umhüllungen zum Erbe der kommunistischen Gesellschaft gehört, für den Aufbau dieser Gesellschaft aktivierbar ist und gegen ihre Feinde ins Treffen geführt werden muss.

Auch hier ist im einzelnen zweifellos wieder vieles zu bedenken – im doppelten Sinn des Bedenklichen und des Bedenkenswerten (um eine Blochsche Formulierung zu gebrauchen). Es ist zu fragen, ob der Utopiebegriff nicht zuweilen stark überspannt wird, so, wenn etwa Spinozas Pantheismus als ein Wunschweltbild interpretiert oder wenn der Vor-Schein einer vollkommeneren Wirklichkeit zur zentralen Kategorie der Ästhetik erklärt wird. Auch die Blochsche Verquickung des teleologischen Dynamis-Energeia-Schemas aus der Metaphysik des Aristoteles mit dem marxistischen Möglichkeitsbegriff wird sich meines Erachtens kaum aufrechterhalten lassen. Aber fest steht, dass es gegenwärtig in Deutschland keinen marxistischen Philosophiehistoriker gibt, der von Bloch nicht das grundsätzlich Richtige lernen könnte, die Betrachtung der Vergangenheit in den Dienst des Lebens zu stellen, sie für das heute Zeitgemäße fruchtbar zu machen und organisch mit dem Kampf für den Fortschritt in der Gegenwart zu verbinden. Blochs Forderung, in der Vergangenheit das Zukünftige zu entdecken, ist ein ausgezeichneter Leitsatz für jede Kulturgeschichtsforschung, die sich nicht vom Leben abschließen will.

Bei alledem ist die Erweiterung und Bereicherung des Erbebegriffs als solche schon ein großer Gewinn, aus dem die Fortentwicklung des dialektischen Materialismus prinzipiell nur Nutzen ziehen kann, auch wenn im einzelnen bei näherer Prüfung noch so viel von dem, was Bloch zu »retten« bestrebt ist, auf der Strecke bleiben sollte. Weite des historischen Horizonts, Reichtum der kritisch angeeigneten Bildungswerte, großzügiges Verhalten zu allen progressiven Leistungen von nationalem und internationalem Rang, Aufgeschlossenheit für die echten Problemgehalte, die in fern zurückliegenden und scheinbar fremden Gedankensystemen verborgen sein mögen, das ist es, was den jungen Kadern der marxistischen Philosophie in unserer Republik not tut und worin sie sich Ernst Bloch zum Vorbild nehmen sollten, wenn sie wirksam und überzeugend auf das Bewusstsein des werdenden Sozialismus in Deutschland Einfluss nehmen und in Forschung und Lehre Resultate erzielen wollen, die einer großen Tradition würdig sind.

Ein ganzer Mensch

Und es ist noch eines, das Wichtigste, was es bei Ernst Bloch zu lernen gilt: Dass die Verbundenheit mit dem Leben des Volkes und die aktive Beteiligung am politischen Kampf die sichersten Mittel sind, vor sektiererischer Enge und bornierter Zunftgelehrsamkeit bewahrt zu bleiben. Jeder, der eines der Bücher dieses Mannes gelesen hat, wird bei allen kritischen Vorbehalten, die er anmerken zu müssen glaubt, nicht umhin können, die erregende Lebendigkeit des Blochschen Denkens zu bewundern und sich an der Vielseitigkeit eines geistigen Interesses zu erfreuen, dem Jahrmarkt und Kolportage, Tanz und Film, Hebels Schatzkästlein, Karl May und was auch immer so wenig fremd geblieben sind wie Francis Bacon oder Meister Eckardt.

Das macht: Der schwierige Philosoph ist eben zugleich auch ein ganzer Mensch und ist ein rechter Mann des Volkes, der sich im Lebenskreis von Arbeitern und Bauern, von Hausfrauen und kleinen Angestellten, auch in hochfliegenden Knabenplänen und in den Träumen junger Mädchen, auch in Volkslied und Märchen so trefflich auskennt wie in den kniffligen Fragen der Theorie. Und was ihn so hellwach, so lebendig, elastisch, so neunzehnjährig gehalten hat, das ist der ewige Jungbrunnen des politischen Kämpfertums, das sich niemals schont, wenn es gilt, den Feind zu stellen und für die gerechte Sache der Arbeiterklasse Partei zu nehmen. Seit den Tagen des Ersten Weltkriegs, in denen er zuerst die Bestie des deutschen Imperialismus und Militarismus anprangerte und die Russische Revolution als das Frührot einer erneuerten Menschheit begrüßte, ist dieser deutsche Denker zugleich einer der kühnsten und leidenschaftlichsten politischen Publizisten unseres Vaterlandes. Das wilhelminische Regime, die reaktionären Kräfte der Weimarer Republik, der Hitlerfaschismus vor allem und dann die Kriegstreiber in Amerika und die Herren von Bonn, das waren und sind die Feinde, die er fast unausgesetzt entlarvte, die er Jahr um Jahr die Geißel seiner glänzenden, höhnischen Polemik spüren ließ. Und es ist der Atem dieses Kampfes, der sein ganzes Werk durchweht.

Es gibt naive und sentimentalische Geburtstagsglückwünsche. Die sentimentalischen sprechen von Gesundheit, langem Leben und ungeschmälerter Arbeitskraft und scheinen bei Siebzigjährigen also einzig am Platze zu sein. Dem siebzigjährigen Ernst Bloch aber können wir einfach zurufen: »Weiter so!« In der Logik seines Lebens sind die Würde und Weisheit des Alters und das brennende Herz des Jünglings kein Widerspruch.

Anmerkungen

  1. ^ Oswald Spengler (1880–1936) war ein deutscher Geschichtsphilosoph, Kulturhistoriker und politischer Publizist. Sein zweibändiges Hauptwerk »Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte« (1918/1922) ist eine der wichtigsten Schriften rechts-konservativer Zivilisationsskepsis der Zwischenkriegszeit.
  2. ^ Ludwig Klages (1872–1956) war ein deutscher Lebensphilosoph und Psychologe. Unter »Geist« verstand er die naturwissenschaftliche Vernunft, welche er als »lebensfeindlich« betrachtet.
  3. ^ Karl Jaspers (1883–1969) war ein deutscher Psychiater und Philosoph. Er ist ein wichtiger Vertreter der Existenzphilosophie. Sein Zentralbegriff ist die »Existenzerhellung«, welche man durch man durch »innere Aneignung«, »Gelassenheit im Wissen«, »tiefe Heiterkeit«, »Offenheit gegen sich und andere« und »Tapferkeit« erreiche.

Ernst Bloch (1885–1977) war einer der wichtigsten marxistischen Philosophen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sein Denken kreiste um das auf die kommunistische Gesellschaft ausgerichtete, sprichwörtlich gewordene »Prinzip Hoffnung«. Von 1949 bis 1957 lehrte er an der Universität Leipzig und war einer der wichtigsten Köpfe der jungen DDR. 1957 wegen politischer Konflikte mit der SED-Führung zwangsemeritiert, lebte Bloch ab 1961 in der BRD. Dort beeinflusste er die Studentenbewegung Ende der 60er Jahre. Zu seinen Hauptwerken zählen u. a. »Geist der Utopie« (1918), »Das Prinzip Hoffnung« (3 Bände 1954–1959), »Naturrecht und menschliche Würde« (1961), »Das Materialismusproblem, seine Geschichte und Substanz« (1972).

Wolfgang Harich (1923–1995) war ein marxistischer Philosoph und Lektor. Er gilt als einer der bedeutendsten Intellektuellen der DDR. Anfang der 50er Jahre arbeitete er als Hochschullehrer in Berlin, 1954 wurde er Cheflektor des Aufbau-Verlages. In dieser Funktion arbeitete er auch mit Ernst Bloch an dessen geplanter Werkausgabe. Harich wurde 1957 wegen angeblicher Bildung einer »konspirativ-staatsfeindlichen Gruppe« zu zehn Jahren Haft verurteilt. Im Zuge einer Amnestie kam er 1964 frei, arbeitete fortan für den Akademie-Verlag und schrieb u. a. über Ökologie. Zu seinen wichtigsten Schriften zählen »Jean Pauls Kritik des philosophischen Egoismus« (1968), »Zur Kritik der revolutionären Ungeduld« (1971) und »Kommunismus ohne Wachstum?« (1975) Seit 2013 gibt Andreas Heyer im Tectum-Verlag Harichs »Schriften aus dem Nachlass« heraus. (jW)

Der Text erschien zuerst in: Sonntag vom 10. Juli 1955, S. 13 und 14.

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