Aus: Ausgabe vom 03.08.2018, Seite 10 / Feuilleton

Bayreuth von oben

Im Linienbus zum Festspielhaus: Die Richard-Wagner-Festspiele machen durstig und betroffen

Von Maximilian Schäffer
Festspiele_Bayreuth_58160829.jpg
In Bayreuth gibt es nach jedem Akt eine gute Stunde Pause. Genug Zeit zum Saufen, Fressen, Geschäftemachen und Angehimmeltwerden

Als Sohn eines Taxifahrers und einer Zahnarzthelferin bin ich es nicht gewohnt, in einer schwarzen Limousine kutschiert zu werden. Der Linienbus zum Festspielhaus hält hinter dem Gebäude, das Einzelticket hat 1,90 Euro gekostet, und die Klimaanlage funktioniert nicht in jedem Fahrzeug der Stadtwerke Bayreuth. Es ist Hochsommer, und die Affenhitze von durchschnittlich 32 Grad eignet sich nicht für dekorative Jäckchen. Trotzdem, und weil ich es nicht besser weiß, habe ich mein silbergraues Sakko aus polnischem Polyester über das schwarze Hemd aus dem Ramschladen angezogen. Man will schließlich nicht allzusehr auffallen bei dieser Veranstaltung, die, so wurde einem in Staatsfernsehen, etablierter Tageszeitung und Bild der Frau vermittelt, von äußerster Wichtigkeit ist.

Frische Früchte

Dienstag, 24. Juli 2018 – Pressekonferenz der (Wagner-)Festspiele: Da drüben stehen Katharina Wagner, Christian Thielemann und Neo Rauch an runden Tischchen und erzählen wie supertoll und wunderschön die Proben waren. Alles so harmonisch, die Organisation ganz klasse, und Yuval Sharon, der US-amerikanische Regisseur, der Allerbeste überhaupt. Wie in einem Zauberland sei es hier, wo man sich nur bedienen müsse und nach überhaupt nichts Materiellem fragen – so glückselig einig tönt der Beteiligtenchor. In ein paar Meter Abstand hat sich die A-Journaille des deutschen Feuilletons versammelt: Jan Brachmann von der FAZ, Reinhard Brembeck von der SZ, Peter Huth von der Welt am Sonntag und ich. Es gibt Bratwurstsemmeln umsonst, dazu noch nette Gläschen mit Räucherlachs auf Apfel-Meerrettich und Entenbrust auf Pfifferlingen. Ich spachtle, stehe herum und höre mir das Gesabbel der Wichtigkeiten an, von dem ich bis auf Thielemanns persönliche Hitliste der am schwierigsten zu dirigierenden Wagner-Opern praktisch nichts wahrnehme (Nummer eins: »Der fliegende Holländer«). Die frischen Früchte in Eierlikörschaum hingegen sind köstlich. Nach einer guten Stunde hat sich das kleine Klassentreffen dann schon wieder aufgelöst. Einige nuckeln noch an ihrer Cola, Frau Wagner vernichtet im Minutentakt Zigaretten aus einer dicken Maxi­packung. Das Haus am Hügel ist von Parkanlagen mit Teichen und Gärten umgeben, kurz träume ich im deutschen Gras und schlage mein Gratisexemplar von »Sündenfall der Künste?« auf – einer Publikation von Prof. Katharina Wagner und Kollegen, die sich anlässlich des letztjährigen Diskursthemas »Richard Wagner, der Nationalsozialismus und die Folgen« möglichst apologetisch mit dem Topos auseinandersetzt, ohne allzu unwissenschaftlich zu wirken. Schön, dass ich neben der Eintrittskarte noch so tolle Souvenirs in Hand und Magen bekomme, die Bund, Land und Stadt mit gut sieben Millionen Euro jährlich bezuschussen. Meine Unterkunft hingegen trägt sich selbst, am Stadtrand, im Ortsteil Oberkonnersreuth für 35 Euro nächtlich, inklusive Frühstück mit hausgemachter Marmelade und regionaler Wurst in einer ehemaligen Metzgerei. Ein wahrer Geheimtip, ohne Webseite und jegliche Gastronomie-Sterne, denn in Bayreuth bekommt man zur Festspielzeit zum zweistelligen Betrag eigentlich nicht mal eine Hundehütte.

Hommage an Mosi

Dann ist es Mittwoch, der lang erwartete Premierentag. Tatsächlich bin ich etwas nervös, ich habe mir extra ein neues, schwarzes Hemd aus dem gleichen Ramschladen für 4,99 Euro gekauft und die Brusttasche einfach abgerissen. Darüber eine Hommage an einen der größten Bayern – ein altes Seidensakko von Rudolph Moshammer aus der Geschäftsauflösung nach der Erdrosselung 2005. Wie kein anderes gestaltete sich das Leben des Modeverkäufers aus München als Allegorie auf die bigotte Dekadenz der Wohlstandsgesellschaft. Der Mosi wollte immer dabeisein, bei den oberen Zehntausend. Dafür toupierte er sich das Haar und kuschelte den Hund, während er sich nachts im Rolls-Royce am Straßenstrich die eigentlichen Sehnsüchte erfüllte. Irgendwann versank er als Clown im Bierzelt, dann in der äußersten Klatschpresse, am Ende interessierte sich niemand mehr für ihn. Nur der skandalöse Tod rettete ihn vorm Vergessen. Wieder hält der Linienbus am Festspielhaus, diesmal mit einer halben Stunde Verspätung, denn die Straßen sind verstopft durch Polizei und Limousinen. Man kriecht triefend den Hügel nach oben und steht auf einmal im Zauberland. Gestern waren sie alle noch lässig, heute wuselt es im Maßanzug. Die Bratwurstsemmel ist nicht mehr kostenlos, sie kostet acht Euro, genau wie das Glas Sekt. Oberfranken ist eine der Regionen mit der weltweit höchsten Brauereidichte, die Einheimischen sind stolz wie Bolle auf ihren Gerstensaft, im Festspielhaus gibt es Radeberger aus Sachsen für sieben Euro. Da drüben steht Merkel, da steht Söder, da steht Beckstein, da steht Lindner, der eine neue Freundin hat. Da drüben steht der Ministerpräsident von Tschechien, da steht Göring-Eckardt, da steht Grütters, da steht Thomas Gottschalk. Weil ich ihn aus dem Fernsehen kenne, weil ich mit meinen Eltern immer »Wetten, dass..?« anschauen durfte, während sie sich mit lieblichem Dornfelder auf der Couch betranken, denke ich mir, dass ein Selfie, alleine fürs Familienbuch, doch etwas Nettes wäre: »Von mir aus, mach schnell!« – als die Kamera angeht, wandelt sich der Missmut des Moderators auf Knopfdruck in heiteres Grinsen.

Haltlos schön

In Bayreuth ist es so, dass es nach jedem Akt eine gute Stunde Pause gibt. Genug Zeit zum Saufen, Fressen, Geschäftemachen und Angehimmeltwerden. Bedauernswerte Kreaturen ohne Eintrittskarten haben sich seit Stunden in der Bruthitze versammelt, um den wichtigsten Menschen in den schönsten Kleidern deswegen zuzujubeln, weil sie von irgend etwas träumen, das sie niemals glücklich machen wird. Bei solch offensichtlichen gesellschaftlichen Hierarchien bleibt es nicht, selbst unter den Reichen gibt es noch Abstufungen. Der Durchschnittsgast bedient sich an den Ständen direkt am Haus, eine Kategorie höher diniert man an und in der Wall­halla-Lounge des allseits beliebten Fernsehkochs Alexander Herrmann. Rein kommt man nur mit Reservierung, auf der Terrasse gibt es statt Sekt Schampus und eine kleine Backkartoffel mit Kaviar zu 16 Euro. Nächsthöher darf man sich in der Ring-Loge bedienen lassen und braucht sich um nichts mehr zu kümmern. Endgültig geschafft hat man es, wenn man im Erdgeschoss der Restauration Steigenberger zum großen Empfang zugelassen ist. Hier dinieren die oben genannten VIPs exklusiv. Nach der Vorstellung, die in diesem Modus fünfeinhalb Stunden dauert, dürfen die wichtigsten der Kritiker dem Bayerischen Rundfunk noch sagen, wie es war. Jan Brachmann, der im Affekt nicht so richtig weiß, was er nuscheln soll, jubelt zwei Tage später in seiner Zeitung, wie »haltlos schön« und erfrischend unpolitisch die Inszenierung doch gewesen sei – »ein so hohes Niveau, wie es nach Bayreuth unbedingt gehört.«

Mit Wolfgang im Taxi

Ein pensionierter Orchestermusiker fährt mich mit seinem alten Benz in die Innenstadt. Die Akkreditierung zum anschließenden Staatsempfang habe ich vergessen und werde aus Sicherheitsgründen nicht eingelassen. Deswegen gibt es Döner auf dem Marktplatz, bei dem ich aufpassen muss, dass nichts aufs Seidensakko tropft. Auf der Suche nach Bier finde ich eine kleine Kneipe in der Stadtmitte. Am Tresen erzählt mir ein Wirt, wie zur Festspielsaison überall die Preise in der Stadt angehoben werden, wie aber niemand etwas davon hat, außer ein paar Hoteliers und die Taxi­fahrer. Als Kind sei er ein paarmal Statist gewesen, seitdem war er nicht mehr in der Oper. Dass man oben am Grünen Hügel Radeberger trinkt, empört die ganze Runde. Unsympathisch finden sie den Bonzenfasching, lästern lauthals, trinken Schnaps. Im nächsten Satz auf einmal Stolz: »Ich hab den Wolfgang ja noch mit dem Taxi kutschiert! Die Katharina war mal bei mir essen!« Sie sagen mir, dass ich nicht die Lügenpresse bin, sondern ein feiner Mensch, und ich bekomme auch einen Schnaps. Ich fahre zur Pension, lege mich ins Bett und denke noch an die Worte, die mir ein Journalistenkollege zuflüsterte, nachdem ich ihm beteuern konnte, dass ich wirklich nicht der Albert von Thurn und Taxis bin: »Schade, dass sie die Bude im Krieg nicht weggebombt haben!« Zumindest weiß ich jetzt, dass ich kein Fürst sein will. Armer Mosi.

Das junge Welt-Sommerabo

Lesen Sie drei Monate die gedruckte Ausgabe der Tageszeitung junge Welt! Das Abo kostet 62 Euro statt 115,20 Euro und endet automatisch, muss also nicht abbestellt werden. Dazu erhalten Sie das Buch »Marx to go« aus dem Verlag Neues Leben. Dieses Angebot ist nur bestellbar bis 24. September 2018.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Fred Buttkewitz: Äußerlichkeiten Sehr geehrter Herr Schäffer, Sie kritisieren mit Recht Äußerlichkeiten, die bei den Festspielen ins Auge fallen. Dabei haben Sie vielleicht nicht bemerkt, dass Sie selbst sich in dem gesamten Artikel ...

Regio:

Mehr aus: Feuilleton