Aus: Ausgabe vom 03.08.2018, Seite 4 / Inland

Besetzung beendet

Strom und Wasser abgestellt: Aktivisten im Hildesheimer Bleistifthaus zum Verlassen gedrängt

Von Jan Greve
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Nach der Besetzung ist vor der Besetzung: Kundgebung vor dem Bleistifthaus am Mittwoch

Nach gut zweiwöchiger Besetzung haben Aktivisten das Bleistifthaus in Hildesheim verlassen. Ein Großaufgebot der Polizei oder ein Gerichtsurteil hatte es dazu nicht gebraucht: Die Universität in Hildesheim, die das Gebäude gemietet hatte, stellte den Besetzern Strom und Wasser ab. Insbesondere letzteres habe bei den gegenwärtigen Temperaturen »eine äußerst unkomfortable Situation« erzeugt, heißt es in einer Mitteilung der Gruppe »Freiräume Hildesheim« vom Mittwoch.

»Wir haben selbstbestimmt entschieden, dass wir das Buntstifthaus verlassen«, betonte Cora Lieferd am Donnerstag gegenüber jW. Sie war eine von vielen, die in den vergangenen Tagen das spontan umbenannte Haus in der niedersächsischen Stadt besetzt hatte (siehe jW vom 20.7.). Die Situation sei zwar am Ende durchaus »unangenehm« gewesen, dennoch zeigte sie sich guter Dinge. »Wir haben mit unserer Aktion viel Aufmerksamkeit bekommen und haben ein Bewusstsein für unser Anliegen geschaffen. Das Ganze war ein Riesenerfolg«, sagte Lieferd. Worum es dem Kollektiv geht, zeigt sich bereits im Namen der Gruppe. In einer früheren Mitteilung wird die Forderung nach Freiräumen ausgeführt, es gehe um Grundsätzen wie »Offenheit, Hierarchiearmut, Transparenz sowie gegenseitige Akzeptanz und Rücksichtnahme«. Da es dafür aus Sicht der Aktivisten keinen Platz in Hildesheim gab, besetzten sie kurzerhand das Bleistifthaus. Dieses »radikale Mittel« sei nötig gewesen, heißt es weiter. Öffentliche Räume würden zusehends privatisiert, ihre Gestaltung sei »größtenteils von Verwertungslogik bestimmt«, so die Kritik.

Bereits im Vorfeld war der Mittwoch als »Stichtag« für die Besetzung bezeichnet worden. An diesem 1. August lief der Mietvertrag der Universität mit dem Eigentümer aus. Die Räumlichkeiten gemietet hatte die Hochschule für ein Projektsemester. Bis zum Schluss hatte es Unklarheiten darüber gegeben, was an diesem Tag passieren würde: Räumung oder Einigung? Kompromissbereitschaft bewies die Universitätsleitung indes nicht. Nach eigener Angabe stellte sie Strafanzeige. Gegen wen genau, das sei bislang nicht bekannt, berichtete Lieferd. Die Personalien der Besetzer seien zu keinem Zeitpunkt aufgenommen worden. Überhaupt habe man keinen Kontakt zur Polizei gehabt und keine unmittelbaren Repressionen der Staatsmacht erfahren. Einmal hätten sich Zivilbeamte vor dem Haus als solche zu erkennen gegeben. »Einer von ihnen wünschte uns Glück«, erinnerte sich Lieferd – nur ist dies bekanntermaßen keine Kategorie, in der soziale Kämpfe entschieden werden.

Eigentum interessiert den bürgerlichen Rechtsstaat dagegen, insbesondere den Schutz desselben (solange es sich in privaten Händen befindet). Der Besitzer des Hauses – ein Steuerberater, der mehrere Immobilien sein eigen nennt – hatte erklärt, die Universität nicht aus dem Mietvertrag lassen zu wollen, solange die Besetzung andauere. Inwiefern dies rechtlich durchzusetzen sei, sei unklar, sagte Lieferd. Zumindest erreichte die Drohung ihr Ziel: Die unter Druck gesetzte Hochschule reichte selbigen in Form der Strafanzeige an die Aktivisten weiter.

Noch am Dienstag abend hatte es Besuch von der SPD-Stadtratsfraktion gegeben. Beate König, sozialdemokratische Bürgermeisterin der Stadt, erklärte im Nachhinein: »Es wäre schön, jemanden zu finden, der den Aktivisten ein Haus zur Verfügung stellt, damit die Energie, die hier hineingesteckt wurde, nicht ergebnislos verpufft.« In der Mitteilung von »Freiräume Hildesheim« wird sie weiter zitiert, eine »bestimmte Linie« dürfe dabei aber nicht überschritten werden.

Dass das Ende der Besetzung nicht das Ende weiterer Grenzüberschreitungen bedeute, davon zeigte sich Lieferd überzeugt. Es sei ihnen von Anfang an nicht nur um dieses eine Haus gegangen. Allein die Tatsache, sich mit vielen Gleichgesinnten vernetzt, eine Gruppe gegründet und intensive Diskussionen geführt zu haben, sei von Bedeutung. In der Mitteilung vom Mittwoch heißt es, man habe entschieden, die Kräfte »nachhaltiger einzusetzen«. Neue Aktionen würden folgen.

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