Aus: Ausgabe vom 02.08.2018, Seite 12 / Thema

Die abgewürgte Revolution

Im Herbst 1918 endete mit dem Aufstand der Arbeiter und Soldaten die Habsburgerherrschaft. Die österreichischen Sozialdemokraten setzen auf einen evolutionären Weg zum Sozialismus

Von Andreas Pittler
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Am 12. November 1918 wurde die Republik Deutschösterreich ausgerufen. Forderungen nach einer unmittelbaren Einführung der Räteherrschaft lehnten die Sozialdemokraten kategorisch ab (Wien, 12.11.1918)

Dieser Tage erscheint im Kölner Papyrossa-Verlag das Buch »Geschichte Österreichs. 1918 bis heute« des Historikers und Schriftstellers Andreas Pittler. Wir dokumentieren daraus das leicht bearbeitete erste Kapitel. Die Redaktion dankt Autor und Verlag für die freundliche Genehmigung zum Vorabdruck. (jW)

»Alles Erdenreich ist Österreich untertan«. Diese kühne Prophezeiung Kaiser Friedrichs III. (1415–1493) galt zu Beginn des 20. Jahrhunderts schon lange nicht mehr, wenngleich die Österreichisch-Ungarische Monarchie, wie das Habsburgerreich offiziell hieß, immer noch zu den fünf europäischen Weltmächten zählte. Und das allein war eigentlich schon eine veritable Überraschung, denn kein Staatswesen war so oft am Rande des Abgrunds gestanden wie jene Sammlung von Königreichen und Ländern, deren Kronen von einer Familie getragen wurden, die nicht weniger als zwanzig römisch-deutsche Kaiser gestellt hatte.

Von Mexiko bis zu den Philippinen

Für einen kleinen Augenblick in der Geschichte mochte man gemeint haben, Friedrichs Spruch sei Wirklichkeit geworden, als sein Urenkel Karl V. (1500–1558) tatsächlich ein Imperium regierte, das von Mexiko im Westen bis zu den Philippinen im Osten reichte. Doch schon wenig später drangen die Osmanen nach Wien vor, und es dauerte beinahe 200 Jahre, bis diese Gefahr für Habsburg dauerhaft gebannt war. Kaum dieser Bedrohung ledig, schien das Ausbleiben männlicher Erben das Habsburgerreich in den Untergang zu reißen, und die Napoleonischen Kriege brachten Habsburgs Throne nicht minder zum Wanken. Schließlich bedurfte es mancher politischen Finte, um nicht im Gefolge der bürgerlichen Revolution von 1848 in mehrere Einzelstaaten zu zerbrechen.

All das hatte die Monarchie Kaiser Franz Josephs I. (1830–1916) also überstanden. Der Monarch zählte siebzig Lenze und war zu einer Art staatlicher Übervater geworden. Wien, die drittgrößte Stadt Europas und die viertgrößte der Welt, galt als einzigartige Metropole: glanzvolle Redouten, sprichwörtlicher Wiener Charme, Heurigenseligkeit mit Schrammelmusik, gefeierte Burgtheater-Premieren und das berühmte »Alles Walzer« zu den Melodien von Johann Strauß (1825–1899).

Keine Armee der Welt hatte schmuckere Uniformen, und wenn die Herren Rittmeister im Sonntagsstaat an der Sirk-Ecke »paradierten«, wurden nicht nur die »Wiener Wäschermädel« schwach. Das Wiener Bürgertum ging auf »Lepschi« (sich eine schöne Zeit machen), hatte eine »Gaudi« und sagte sich weinselig »Servus«. Daneben setzten die Wiener Sezessionisten neue Maßstäbe in der Kunst, Gustav Klimt und Egon Schiele wiesen der Malerei neue Wege, Otto Wagner, Adolf Loos und Joze Plecnik revolutionierten die Architektur, Rainer Maria Rilke, Arthur Schnitzler und Stefan Zweig gaben der deutschsprachigen Literatur wesentliche Impulse. Die Wiener Medizin genoss dank Karl von Rokitansky, Josef Skoda, Richard Wagner-Jauregg oder Karl Landsteiner Weltgeltung und verschaffte sich noch mehr Anerkennung mit der Entwicklung der Psychoanalyse durch Sigmund Freud und Alfred Adler.

Doch keinen Steinwurf von den mondänen Salons entfernt, außerhalb der Ringstraße, dieses steingewordenen Monuments Habsburgischen Machtanspruchs, begann das Elend der Massen. Wien zählte über zwei Millionen Einwohner, und 90 Prozent davon lebten buchstäblich von der Hand in den Mund. Noch elender war die Lage an der Peripherie der Monarchie. Galizien galt als Armenhaus, doch auch in der Bukowina, in Siebenbürgen und am Balkan lebten die Menschen trostlos und ohne jede Perspektive.

Je größer freilich Not und Elend wurden, desto mehr wuchs auch die Zahl jener, die dieses Schicksal nicht mehr schweigend erdulden wollten. Im Kleinbürgertum reifte eine radikale Strömung heran, die sich nach einer Rückkehr zur vermeintlich »guten alten Zeit« sehnte und die der gnadenlose Populist Karl Lueger mit seiner christlichsozialen Partei ansprach, während sich am anderen Ende des politischen Spektrums die Arbeiterbewegung organisierte, in der die Thesen von Karl Marx rasch über alle anderen Vorstellungen die Oberhand gewannen.

Der Kaiser in Wien sah sich von Gottes Gnaden eingesetzt, und nur schweren Herzens hatte er den Großagrariern und dem Geldadel Anteil an der politischen Herrschaft gewährt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts sahen sich die Habsburger gleich von drei politischen Lagern herausgefordert. Die Konservativen, die Sozialdemokraten und die nationalen Parteien der nichtdeutschsprachigen Reichsgebiete, sie alle verlangten nicht weniger als ihren gerechten Anteil am gesellschaftlichen Reichtum. Habsburgs Ruhm war am Verblassen, Franz Josephs Wahlspruch »Viribus Unitis« (mit vereinten Kräften) angesichts der realen Situation der blanke Hohn.

Die Herrschenden suchten nach einem probaten Ausweg aus der politischen Malaise und fanden ihn in kriegerischem Treiben. Von der Okkupation Bosnien-Herzegowinas 1908 erhoffte sich der Hof neuen Glanz, und doch brachte er nur neue Probleme. Da kam die Ermordung des Thronfolgers im Juni 1914 gerade recht. Wien wollte das Königreich Serbien in einem schnellen lokalen Krieg unterwerfen, um so seinen Einfluss bis an die Tore Konstantinopels auszudehnen. Es stellte Belgrad daher ein unannehmbares Ultimatum und rüstete zum Krieg.

Was die Herren des Generalstabs allerdings nicht bedacht hatten, war das komplizierte Bündnissystem in Europa. Was als regionales »Geplänkel« gedacht war, wuchs sich binnen eines Monats zu jenem Gemetzel aus, das als »Erster Weltkrieg« in die Geschichtsbücher einging.

Die Donaumonarchie sah dabei von Anfang an nicht gut aus. Die Russen, im Norden von den Deutschen vorgeführt, hielten im Süden wacker dagegen und gingen sogar rasch zur Gegenoffensive über. Habsburg verlor die Hauptstadt Galiziens, Lemberg, und konnte sie nur mit deutscher Militärhilfe zurückerobern. Am Balkan steckten die Österreicher von Beginn an fest und vermochten nicht einmal, das kleine Serbien in die Knie zu zwingen. Was mit Singspiel und Jubelpose, mit martialischem Gepränge und chauvinistischen Losungen im Sommer 1914 begonnen hatte, das war zwei Jahre später ein gesamtstaatliches Armageddon.

In der allgemeinen politischen Depression krachten im Oktober 1916 drei Schüsse besonders laut. Friedrich Adler, der Sohn des sozialdemokratischen Parteiführers Victor Adler, erschoss den kaiserlichen Ministerpräsidenten Karl Stürgkh und erklärte unerschrocken, in Zeiten, da getötet werden müsse, dürfe Mord kein Privileg der Herrschenden sein. Als einen Monat später Kaiser Franz Joseph das Zeitliche segnete, da war es allen, als sei die Donaumonarchie mit ihm endgültig ins Grab gesunken.

Umsturz am Horizont

Es begann mit einem Faustschlag. Am 12. Januar 1918 drohte der Chefunterhändler der deutschen Obersten Heeresleitung bei den Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk damit, die Kriegshandlungen wieder aufzunehmen, sollte die neue Regierung in Petrograd nicht auf alle Forderungen der deutschen Seite eingehen, und unterstrich diesen Anspruch damit, dass er mit der Faust auf den Tisch schlug. Damit freilich löste General Max Hoffmann die nächste Etappe der europäischen Revolution aus.

Dreieinhalb Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges gab es kaum noch jemanden, der diesem »Völkerringen« mit Begeisterung gegenüberstand. Menschliche Verluste ungeahnten Ausmaßes, unaussprechliche Not, Elend und Verzweiflung prägten den Alltag in Wien, Berlin und anderswo. Besonders hatte es freilich das Reich des Zaren erwischt. Die Armee von Nikolaus II. war nur deswegen noch nicht sang- und klanglos untergegangen, weil durch die schiere personelle Überzahl die mannigfachen Niederlagen in Grenzen gehalten wurden. Doch Anfang 1917 konnte die Regierung die Versorgung der Bevölkerung nicht länger sichern, und aus einer verhältnismäßig unpolitischen Demonstration für mehr Nahrung war binnen weniger Tage eine veritable Revolution erwachsen, die den Zar und sein Regime buchstäblich über Nacht hinwegfegte.

Während aber bürgerliche Kreise versuchten, den Kurs der Romanows einfach unter republikanischen Zeichen fortzuführen, erkannte der linke Flügel der russischen Arbeiterbewegung seine Chance. Kaum war dessen zentrale Figur, Wladimir I. Lenin, wieder im Lande, arbeiteten die Bolschewiki – wie die Linken im Gegensatz zu den Gemäßigten, den Menschewiki, genannt wurden – zielstrebig auf eine soziale Revolution hin, die mit einem sofortigen Austritt Russlands aus dem Weltkrieg einhergehen sollte.

Der Versuch der neuen Regierung unter Alexander Kerenski, den Krieg fortzusetzen, wurde schließlich der Hauptgrund ihres Scheiterns. Im November 1917 (nach dem alten orthodoxen Kalender im Oktober, daher »Oktoberrevolution«) ergriffen die Sowjets die Macht, Lenin wurde Vorsitzender des Rates der Volkskommissare, und so war es gekommen, dass sein Außenminister Leo Trotzki den Vertretern der deutschen Heeresleitung und der Habsburgerarmee in dem Grenzstädtchen Brest-Litowsk gegenübersaß und einen Frieden ohne Reparationen und Kontributionen, also ein Ende des Krieges ohne wechselseitige Gebietsabtretungen oder Geldleistungen forderte. Das schmeckte dem preußischen General so gar nicht, und so drohte er eben, die Kriegshandlungen bis zur Eroberung Petrograds und Moskaus fortzusetzen.

Und genau das wollte die Bevölkerung nicht. Endlich schien die Chance da, das blutige Ringen zu beenden, da wollten die Habsburger auch noch Könige von Polen werden und die Preußen sich das Baltikum einverleiben. Und dafür sollte das geschundene Volk weiter bluten? Das Donnergrollen künftiger Ereignisse hätte kaum weniger drohend ausfallen können.

Doch die Regierung in Wien blieb taub. Zeitgleich mit Hoffmanns Drohgebärde erließ sie eine Verordnung, wonach die Mehlrationen für die Arbeiterschaft um 50 Prozent reduziert wurden. Hatte diese schon bisher zum Leben zu wenig bekommen, so bedeutete diese neue Reduktion die endgültige Verdammnis zu permanentem Hunger. Am 14. Januar 1918 traten daher die Beschäftigten der Rüstungsbetriebe in Wiener Neustadt in den Streik.

Nur für wenige Stunden durften der Kaiser und seine Minister glauben, dies sei ein lokales Ereignis ohne weitere Bedeutung. Binnen Tagesfrist schlossen sich dem Streik die Arbeiter der Eisenwerke in Ternitz an. Und die in Wimpassing. Dann die Werktätigen in Neunkirchen, in St. Pölten und in der steirischen Industriezone. Am Morgen des übernächsten Tages begann in Wien der Generalstreik, und am 17. Januar gab es praktisch keine Betriebsstätte in ganz Österreich mehr, die nicht bestreikt wurde. Wieder einen Tag später folgten die Arbeiter der ungarischen Hütten, und am Abend des 18. Januar war die ganze Donaumonarchie in offenem Aufruhr.

Gerne hätten die Minister in Wien einfach die Armee zu Hilfe gerufen, um den Aufstand blutig zu unterdrücken. Doch konnte man sich auf die Armee noch verlassen? Die Antwort gaben die Matrosen von Cattaro. Als sich dort, im heute montenegrinischen Kotor, die Arsenalarbeiter dem Streik anschlossen, setzten die Besatzungen der kaiserlich-königlichen Kriegsmarine kurzerhand ihre Offiziere ab, hissten die Rote Fahne und forderten ein sofortiges Ende des Krieges. Anstatt also weiterhin gegen die Italiener zu kämpfen, mussten die Schiffe des Armeeoberkommandos in Pula gen Süden auslaufen, um die dortige Meuterei niederzuschlagen. Nur die allernaivsten Hurrapatrioten konnten zu diesem Zeitpunkt noch glauben, Habsburg könne den Krieg noch gewinnen.

Nationale Fliehkräfte

Zum sozialen Sprengpotential war nämlich von Anfang an das nationale Problem getreten. Tschechen, Polen, Slowaken, Südslawen, sie alle sahen nicht ein, warum sie sich an der Front für einen Staat verheizen lassen sollten, der sie als Bürger zweiter Klasse behandelte. Denn obwohl in dem 676.000 Quadratkilometer großen Staat mit seinen 51 Millionen Einwohnern die 12 Millionen »Deutschen« nur 23 Prozent ausmachten – während die slawischen Völker knapp 45 Prozent der Bewohner stellten –, verfügte die deutschsprachige Gruppe praktisch über sämtliche Macht im Staate, und daran hatte auch ein jahrzehntelanges Ringen bürgerlicher slawischer Parteien um Emanzipation nichts geändert. Im Trommelfeuer des Weltkriegs schwand die Bereitschaft zu Kompromissen rasch. Polen, Tschechen und Slowaken sowie die südslawischen Völker, sie alle arbeiteten auf die Gründung eigener Nationalstaaten hin. Und diese Arbeit war im Frühling 1918 bereits sehr weit fortgeschritten.

Dazu kam, dass der Staat nicht einmal mehr die Versorgung seiner eigenen Armee gewährleisten konnte. Berichte von der Front zeugten davon, dass die Soldaten keine Mäntel, ja nicht einmal mehr Schuhe bekamen. Fleisch gab es schon lange nicht mehr, und selbst die Krautsuppe, mit der die Männer im kaiserlichen Rock verköstigt wurden, trug den ersten Teil dieses Wortes zu Unrecht. Kaum noch ein Trupp existierte in Sollstärke, eine Untersuchung der Heeresleitung kam zu dem Schluss, dass das Durchschnittsgewicht der Soldaten auf 50 Kilogramm abgesunken war.

Umso erstaunlicher, dass die Armee des Kaisers noch einen Sommer lang standhielt. Das Ausscheiden Sowjetrusslands aus dem Krieg hatte den Mittelmächten eine allerletzte Atempause beschert. Doch das Scheitern der deutschen Offensive im Westen und jener der Österreicher am Isonzo gegen Italien ließ jeden Willen zum Durchhalten erlahmen.

Im Herbst 1918 ging dann alles recht schnell. Bulgarien kapitulierte, das Osmanische Reich gab auf, und Österreich wies bald mehr Deserteure als aktive Soldaten auf. In Prag formierte sich ein neuer tschechoslowakischer Staat unter dem ehemaligen Reichsratsabgeordneten Thomas G. Masaryk, in Polen bildete der ehemalige Klubobmann der Sozialdemokraten im Wiener Reichsrat Ignaz Daszynski die erste polnische Regierung seit der dritten polnischen Teilung Ende des 18. Jahrhunderts, und in Ljubljana und Zagreb konstituierte sich ein Nationalausschuss mit dem Ziel der Bildung eines einheitlichen Jugoslawien. Noch tagte in Wien das Parlament, aber abgesehen von den deutschsprachigen Abgeordneten wurde es von niemandem mehr besucht. Kein Wunder also, dass diese sich anschickten, ebenfalls einen eigenen Staat zu konstituieren.

Da ein solches Unterfangen naheliegender Weise nicht im Parlamentsgebäude umgesetzt werden konnte, wich man auf das Niederösterreichische Landhaus aus, wo am 21. Oktober 1918 eine republikanische Regierung gekürt wurde, die unter der Dominanz der Sozialdemokraten stand.

Das war wenig verwunderlich, denn überall im Lande gärte es, die Zeichen standen wie in Deutschland auf Revolution. Das Beispiel Sowjetrusslands machte nicht zuletzt deshalb Schule, weil die Räteregierung zahlreiche Kriegsgefangene freigelassen hatte, die nun mit den Ideen für eine gerechtere Welt im Gepäck nach Österreich zurückkehrten. Allerorten bildeten sich Arbeiter- und Soldatenräte, wer noch die Insignien des Kaiserreiches trug, der lief Gefahr, tätlich angegriffen zu werden. Zwar weigerte sich Franz Josephs Nachfolger beharrlich, der Macht zu entsagen, doch die Geschichte schritt unerbittlich über ihn hinweg. Ehe er noch wusste, wie ihm geschah, galt er als abgesetzt und durfte in einem Jagdschloss an der niederösterreichischen Peripherie seiner endgültigen Ausweisung entgegensehen. 640 Jahre der Habsburger Herrschaft waren vorüber.

Rot statt rot-weiß-rot

Die neue Staatsregierung unter dem Sozialdemokraten Karl Renner hoffte, das Programm des US-Präsidenten Woodrow Wilson würde auch für ihre Republik gelten. Dementsprechend sollte das neue Österreich nicht nur die ehemaligen Kernlande, sondern auch die deutschsprachigen Teile Böhmens und Mährens sowie das südliche Tirol umfassen. Die Siegermächte ließen diesen Traum nur allzu rasch platzen. Auf dem Boden der Donaumonarchie entstanden die Staaten Polen, Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien, Jugoslawien, weitere Teile des Habsburger Reiches gingen an Italien, und »Österreich war das, was übrig blieb«, oder, wie es der spätere Bundeskanzler Bruno Kreisky einmal launig formulieren sollte: »Österreich war Wien, ein paar Dörfer und sehr viele Berge.«

Dem Proletariat freilich waren geographische Fragen reichlich gleichgültig. Nach vier Jahren voller Entbehrungen waren die Arbeiterinnen und Arbeiter nicht mehr bereit, sich mit formellen Veränderungen abspeisen zu lassen. Angespornt von den russischen Erfahrungen wollten sie die ganze Macht. Das zeigte sich schon bei der tumultuösen Ausrufung der Republik Deutsch Österreich am 12. November 1918. Während auf der Rampe des Parlamentsgebäudes die Vertreter der Sozialdemokraten gemeinsam mit den Repräsentanten der bürgerlichen Parteien salbungsvolle Reden hielten, rissen Arbeiter den weißen Streifen aus der österreichischen Fahne, so dass eine rein rote Flagge aufgezogen wurde. Ein Menetekel für die kommenden Ereignisse.

Das Bürgertum, zutiefst verängstigt, stimmte den sozialdemokratischen Forderungen jener Tage ohne Vorbehalt zu, und so konnten die Spitzenfunktionäre der SDAP, der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, alsbald konkrete Erfolge vorweisen: Der generelle Acht-Stunden-Arbeitstag wurde eingeführt, Sozial-, Pensions- und Krankenversicherung durchgesetzt und ein Mindesturlaub garantiert. Mit der Verabschiedung des Betriebsrätegesetzes gelang sogar eine erste Form betrieblicher Mitbestimmung für die Arbeiterschaft. Der evolutionäre Weg, den der führende Theoretiker der Sozialdemokraten, Otto Bauer, propagierte, schien erfolgreich zu sein. Zum Leidwesen der noch im November 1918 gegründeten Kommunistischen Partei, die sich vergeblich darum bemüht hatte, den zwischenzeitlich begnadigten Friedrich Adler auf ihre Seite zu bekommen. Adler hielt auch weiterhin zu den Sozialdemokraten und wies wie Bauer darauf hin, dass eine Diktatur des Proletariats nach sowjetischem Vorbild vielleicht in den Industriegebieten Ober- und Niederösterreichs sowie der Steiermark eine dauerhafte Chance hätte, selbige aber zwangsläufig den Verlust der ländlichen Regionen Österreichs wie Vorarlberg, Salzburg oder Tirol zur Folge hätte. Die Entwicklungen in Berlin im Januar 1919 schienen ihnen recht zu geben.

Rätemacht vereitelt

Doch während die Machtfrage im Norden Deutschlands entschieden schien, errichteten die Arbeiterinnen und Arbeiter in München und wenig später auch in Ungarn eigene Räterepubliken. Genau die von Bauer und Adler umrissene Region, in der eine österreichische Rätemacht etablierbar schien, wäre das Verbindungsstück zwischen diesen beiden Volksherrschaften gewesen. Die Sozialdemokraten warfen all ihren Einfluss in die Waagschale, um diesen »Lückenschluss« zu verhindern. Und sie gingen dabei sogar so weit, einen Versuch der Kommunisten, die Macht im Staate zu ergreifen, im Juni 1919 mit Waffengewalt niederschlagen zu lassen. Spätestens mit der Niederschlagung der Ungarischen Räterepublik im Sommer 1919 schien die revolutionäre Phase vorbei, die Sozialdemokraten wähnten sich als Sieger in der innerproletarischen Auseinandersetzung. Dies umso mehr, als die Wahlgänge des Jahres 1919 ihnen sowohl im Bund als auch in der Hauptstadt Wien veritable Mehrheiten beschafft hatten. In Wien ging ein sozialdemokratischer Stadtsenat daran, jenes Reformprojekt ins Werk zu setzen, das unter dem Namen »Rotes Wien« internationale Bekanntheit erlangte, und im Bund diktierten die Sozialdemokraten ihrem bürgerlichen Koalitionspartner eine verhältnismäßig fortschrittliche Verfassung in die Feder.

Was die Sozialdemokraten freilich übersehen hatten, war die Tatsache, dass das Bürgertum nur deshalb so lange stillgehalten hatte, weil es sich eben vor einer echten Revolution fürchtete. Nun, da diese Gefahr gebannt war, brauchte die Bourgeoisie den sozialdemokratischen Partner nicht mehr. Nach den ersten Wahlen auf Basis der neuen Verfassung bildeten die Christlich-Sozialen mit den Deutschnationalen eine Regierung, und die Sozialdemokratie sah sich auf die Oppositionsbänke verwiesen. Für die eineinhalb Jahrzehnte, die die Erste Republik in Österreich währte, sollte die Linke von der aktiven politischen Mitgestaltung ausgeschlossen bleiben.

Andreas Pittler: Geschichte Österreichs. 1918 bis heute. Papyrossa-Verlag, Köln 2018 (Basiswissen Politik/Geschichte/Ökonomie), 127 Seiten, 9,90 Euro

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