Aus: Ausgabe vom 02.08.2018, Seite 8 / Ausland

»Für die Menschen in Accra ist das eine Katastrophe«

Illegaler Export von Elektronikschrott: Dokumentarfilm porträtiert Leben auf Mülldeponie in Ghana. Gespräch mit Reinhard Dalchow

Interview: Jan Greve
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Arbeit zwischen giftigen Stoffen: Männer auf der Müllhalde aus Elektronikschrott am Stadtrand von Accra (April 2015)

Von wachsenden Müllbergen und verschmutzten Weltmeeren ist immer häufiger zu hören. Am heutigen Donnerstag kommt mit »Wel­come to Sodom – Dein Smartphone ist schon hier« eine Dokumentation in die Kinos, in der der illegale Export von Elektronikschrott thematisiert wird. Wie ist die momentane Situation?

In Europa und in der Bundesrepublik ist der Umgang mit elektronischen Geräten prinzipiell geregelt. Es gibt Gesetze über das Inverkehrbringen, die Rücknahme und die Entsorgung von Elektronik. Gesundheit und Umwelt sollen so vor schädlichen Substanzen geschützt werden. Dennoch landen immer wieder große Mengen davon in afrikanischen Ländern oder in anderen Teilen der Welt. Problematisch ist, dass diese oftmals nicht als Schrott, sondern als gebrauchte Artikel deklariert sind. So lassen sie sich exportieren. Das betrifft auch Kleidungsstücke.

Schrott wird also illegal exportiert, weil die Lieferungen falsch deklariert werden?

Ja, genau. Wer 100 abgeschriebene Computer kauft und als gebrauchte Ware nach Afrika verschifft, macht zum einen ein gutes Geschäft und kann zum anderen sicher sein, dass ihm niemand auf die Finger schaut. Illegales Handeln gibt es bekanntlich in jedem wirtschaftlichen Bereich.

Im Film geht es um die Mülldeponie in Agbogbloshie in der ghanaischen Hauptstadt Accra, auf der viele alte Mobiltelefone landen. Das ist aber nur ein Beispiel von vielen?

Was man im Film sieht, kommt einem zunächst richtig gespenstisch vor. Die gesundheitlichen Folgeerscheinungen sind ein wichtiges Thema, etwa wenn Müll angezündet wird und dadurch freigesetzte Chemikalien in Luft und Grundwasser gelangen. Das ist für die Menschen dort eine Katastrophe. Dass die Region bei Accra einst ein schönes Lagunengebiet war, bevor der Müll ins Meer gespült wurde, ist heute kaum mehr vorstellbar. Im Film ist davon die Rede, dass dort etwa 6.000 Menschen von dem Schrott leben, indem sie etwa Kupferreste oder Aluminiumbestände weiterverkaufen. Die Stoffe sind auf dem Weltmarkt gefragt. Das Problem ist, dass wir in Europa es in Jahrzehnten nicht geschafft haben, die Strukturen dort mit Entwicklungshilfe aufzubauen.

Entwicklungszusammenarbeit hat doch nicht wirklich das Ziel gehabt, nachhaltig etwas für die Menschen vor Ort zu verbessern. Vielmehr profitieren Konzerne und andere Akteure des globalen Nordens von den Zuständen im Süden.

Das ist die eine Seite. Auf der anderen lässt sich viel mit Gesetzen eindämmen, wenn es denn gewollt ist. Den Menschen müsste nach der Idee der Hilfe zur Selbsthilfe unter die Arme gegriffen werden. Dafür braucht es vernünftige Projekte, damit die Menschen nicht auf illegale, menschenunwürdige und gesundheitsschädliche Arbeiten angewiesen sind. Das wäre alles möglich. Es existieren ja auch viele gut laufende Projekte in afrikanischen Ländern. Nur gibt es davon zu wenig. Anstatt die Gelder der Entwicklungshilfe zu erhöhen, wird auf karitative Werke gesetzt, die auf der Basis von Spendenmitteln arbeiten.

Ihre Organisation, die »Grüne Liga«, ruft Menschen dazu auf, ihren Konsum zu überdenken und auf Recycling zu achten. Setzen Sie da nicht am falschen Hebel an? Es schreien ja nicht alle Verbraucher nach neuen Handys, vielmehr hat die Industrie ein ureigenes Interesse, diese zu verkaufen – von der ausbeuterischen und umweltschädlichen Produktion etwa von Smartphones ganz zu schweigen ...

Das spielt bei uns schon eine Rolle. Schon die Herstellung müsste so organisiert sein, dass Produkte am Ende wiederverwertet werden können. Die Frage der Herkunft von Rohstoffen ist noch mal ein anderes Problem. Es lässt sich nicht alles auf einmal vermitteln. Deswegen beschränken wir uns zunächst auf unser Thema. Alles auf einmal kann man nicht machen.

welcome-to-sodom.de

Reinhard Dalchow ist stellvertretender Bundesvorsitzender der »Grünen Liga«

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