Aus: Ausgabe vom 01.08.2018, Seite 16 / Sport

Alles geht vorbei

Von André Dahlmeyer
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Argentiniens Fußballpate Julio Grondona (l.) hatte ein glückliches Händchen mit den Politikern. Eher nicht so mit den Spielern (hier mit Lionel Messi 2014)

Der Misserfolg Argentiniens bei der Weltmeisterschaft in Russland hatte im Land zunächst ein infernales Medienecho zur Folge. Es herrschte eine ungeahnte Einigkeit, die gar nicht dem überwiegend streit- und streiksüchtigen Charakter des gemeinen Silberländers entspricht: Der argentinische Fußball solle sich neu erfinden und wieder bei Null anfangen. Das habe ich bereits vor zwei Dekaden gefordert, und seit zehn Jahren musste das niemand mehr, weil es für die ganze Welt unübersehbar geworden war. Hätten die Burschen auf mich gehört, wären sie heuer längst aus dem gröbsten Schlamassel heraus.

Seit die dubiose Clique der Weltmeister von 1986 Ende 2008 Nationaltrainer Alfio Basile wegmobbte und über Nacht Godfather Diego Maradona, einen Mann ohne jegliche Trainermeriten, ins Amt hievte, ging es auch sportlich kontinuierlich bergab. Eigentlich war es ein etwas hilfloser Putschversuch gegen den Präsidenten des Fußballverbands AFA, Julio Grondona, doch das dessen seit 1979 andauernde Demokratur erst dann enden würde, wenn man ihn mit den Füßen nach vorne aus dem Sitz in der Calle Viamonte schleppen würde, war allgemein bekannt. Auf Grondonas Siegelring stand: »Todo pasa« (Alles geht vorbei).

Dass seine Herrschaft nicht eher endete, lag vor allem daran, dass ihn die Monopolpresse des »Grupo Clarín« deckte, schließlich war man Geschäftspartner (TV-Rechte). Als die Politik drohte, bei der AFA zu intervenieren, zerriss Grondona kurzerhand die Verträge und unterschrieb neue mit der Regierung. Jetzt finanzierte der Staat den Fußball. Jetzt deckte und beschützte ihn das kirchneristische Kabinett und benutzte die Spiele der Primera División für Propagandazwecke. Jetzt hätte die FIFA intervenieren und die AFA international sperren müssen. Blöd, bei einem Weltfußballer Lionel Messi auf seinem Zenit. Blöd, weil der Finanzminister der FIFA Julio Grondona hieß.

Bei der Copa América Centenario 2016 in den USA schien endlich der Tiefpunkt erreicht. Die Kicker zahlten alles selber, Trainer Gerardo Martino arbeitete unfreiwillig gratis. Die »Albiceleste« trainierte mit Collegestudentinnen. Dem nicht genug: Es flog auf, dass die AFA die Auswahl für die Olympischen Spiele in Rio einfach nicht an die Klubs weitergeleitet hatte. Die Spieler wurden also nicht freigestellt. Martino trat zurück. Jetzt wurde es richtig spaßig, denn der einzige Trainer, der noch einen Vertrag bei der AFA hatte, war Julio Olarticoechea, Trainer der Damenauswahl. Der fuhr mit dem Rumpfkader eines Rumpfkaders nach Rio. Auch die erste AFA-Präsidentenwahl nach über 37 Jahren Ende 2016 bleibt Kult: 75 Stimmberechtigte votierten 38:38. Dafür kam sie live im Fernsehen.

Wir könnten jetzt Fragen danach stellen, wo eigentlich die 25 Millionen US-Dollar Preisgeld für die Finalteilnahme bei der Brasilien-WM abgeblieben sind, denn in den Bilanzen der AFA tauchten sie nie auf. Aber wer sind wir? Was geht uns das an!

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