Aus: Ausgabe vom 01.08.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Kampf ums Land

Trinidad: Exzuckerarbeitern wurden vor 15 Jahren Grundstücke versprochen. Darauf warten viele noch heute

Von Gerrit Hoekman
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Fordern seit Jahren Land: die ehemaligen Zuckerarbeiter Trinidads (hier am 1.5.2014 in Fyzabad)

Was hatte die Zuckerraffinerie Caroni Limited der Belegschaft nicht alles versprochen, als sie vor 15 Jahren ihre Fabrik auf der Karibikinsel Trinidad schloss. Die Arbeiter sollten als Kompensation für ihre Entlassung ein Stück Land und ein Häuschen bekommen. Doch darauf warten 4.000 Menschen bis heute. Ein Viertel der Anspruchsberechtigten ist in der Zwischenzeit bereits gestorben.

Am 21. Juli marschierten einige ehemalige Beschäftigte von Caroni Limited friedlich zum Landwirtschaftsministerium in der Stadt Chaguanas, um Minister Clarence Rambharat ein Protestschreiben zu übergeben. Doch das Eisentor blieb verschlossen. Die Demonstranten rüttelten in der heißen Mittagssonne vergeblich an den Gittern, wie die Zeitung Newsday aus Trinidad und Tobago am selben Tag online berichtete. Viele Frauen in den Siebzigern waren ganz vorne mit dabei.

Die Arbeiter forderten den Minister lautstark auf, ans Tor zu kommen, aber der ließ sich nicht blicken. Letztendlich durfte Nirvan Maharaj, der Generalsekretär der All Trinidad General Workers’ Trade Union (ATGWTU), der größten Gewerkschaft des Landes, gemeinsam mit Chano Mahabir, einer ehemaligen Arbeiterin der Zuckerraffinerie, das Gelände betreten und einem Staatssekretär ihren Brief übergeben.

Die Insolvenz von Caroni Limited im Jahr 2003 war eine soziale Katastrophe für Trinidad und Tobago. Der Konzern, an dem der Staat 51 Prozent der Anteile hielt, zählte damals die größte Belegschaft des Landes. 9.000 Mitarbeiter wurden auf einen Schlag erwerbslos. Zählt man die Zulieferbetriebe und privaten Zuckerrohrbauern hinzu, waren mindestens 20.000 Menschen von der Pleite betroffen. Gewerkschaft und Betrieb handelten in der Folge ein »Freiwilligen Trennungspaket« aus, in dem der Belegschaft Land zur eigenen Bewirtschaftung zugesagt wurde.

Minister Rambharat versteht nun die ganze Aufregung nicht: »Bis Ende Juni 2018 sind über 7.000 Pachtverträge abgeschlossen worden«, behauptete er nach dem »Zuckermarsch« vom vorletzten Wochenende in einer E-Mail an die Gewerkschaft, wie Newsday berichtete. Wegen der ständigen Korruptionsklagen habe sich das Verfahren allerdings erheblich verzögert. Der Minister war früher selbst Mitarbeiter von Caroni Limited und wird deshalb ebenfalls ein Stück Land bekommen. Allerdings als letzter, wie er betont.

»Was die Pachtverträge für die Häuser angeht, sind wir mit 50 Prozent durch, was das Land angeht, sind wir bei über 7.000«, hatte Rambharat bereits im Januar dieses Jahres verkündet, wie der Trinidad Guardian damals berichtete. Es blieben jetzt nur noch ein »paar hundert« Personen übrig, die ihre Abfindung bis zum Jahresende erhalten sollen.

Die ehemaligen Firmengrundstücke von Caroni, die flächenmäßig so groß sind wie der Stadtstaat Bremen, sind nicht nur bei Immobilienspekulanten heiß begehrt, sondern auch bei privaten Agrarkonzernen. Haben die sich vielleicht schon kräftig bedient? Die Gewerkschaft ist jedenfalls davon überzeugt, dass viele Arbeiter noch nie einen Pachtvertrag zu Gesicht bekommen haben, geschweige denn heute auf ihrer eigenen Scholle sitzen.

Das Land dürfe nur für die Agrarwirtschaft genutzt werden, sein Ministerium werde das genau überwachen, so Rambharat. Im Januar hatte er allerdings eingeräumt, dass Parzellen bereits direkt an Dritte weitergegeben wurden, angeblich von den Neubauern selbst. In einigen Fällen wohl auch an Behörden der öffentlichen Hand, die das Land nicht mehr länger als Agrarfläche ausgewiesen habe. »Es stellte sich heraus, dass die Projekte bereits zu weit fortgeschritten waren, um sie abzubrechen«, hatte der Trinidad Guardian den Minister zitiert. »Aber bei dem Großteil werden wir sicherstellen, dass das verbliebene Land als Agrarzone erhalten bleibt.«

Bei den verteilten Äckern handelt es sich offenbar nicht immer um Sahnestücke. »Das Gebiet ist nicht entwickelt, es gibt keine Straße, keinen Wasseranschluss oder Strom«, ärgerte sich der ehemalige Caroni-Arbeiter Kartic am 1. März bei Newsday. Sein Grundstück ist etwas größer als ein Fußballfeld. Als Ausgleich für das jahrelange Warten findet der ehemalige Zuckerarbeiter die ihm im Februar zugeteilte Brache etwas mickrig. So könne er jedenfalls nicht anfangen zu pflanzen. Kartic ist nicht der einzige, der sich über den Tisch gezogen fühlt. Viele Betroffene beklagten gegenüber Newsday die schlechte Qualität des Bodens.

Der ATGWTU-Vorsitzende Maharaj sieht hier eine Seilschaft aus Politikern und Lobbyisten am Werk, die das Land der Zuckerfabrik lieber für sich oder ihre Günstlinge haben wollen. Das Thema habe jedenfalls das Potential, den sozialen Frieden nachhaltig zu stören, so der Gewerkschafter. Maharaj fordert Gespräche mit dem Agrarministerium innerhalb eines Monats: »Sonst tragen wir den Protest zum Sitz des Premierministers.«

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