Aus: Ausgabe vom 01.08.2018, Seite 6 / Ausland

David gegen Goliath

Wer hat die Wahlen in Simbabwe gewonnen?

Von Simon Miller, Harare
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Begeisterte Anhänger: Unterstützer von Nelson Chamisa bei einer Wahlkampfkundgebung in Harare (28.7.2018)

Lange Schlangen geduldig wartender Bürger am Montag vor den Wahllokalen belegten das außerordentlich große Interesse der 5,6 Millionen Simbabwer, die sich für die Präsidenten-, Parlaments- und Kommunalwahlen registrieren ließen. Bereits gegen Mittag hatte die Chefin der Nationalen Wahlkommission, Priscilla Chigumba, mit ziemlichem Stolz darauf verwiesen. Nach Mitternacht gab sie die Wahlbeteiligung mit rund 75 Prozent an. Die Auszählung der Stimmen begann gleich nach dem Schließen der Wahlbüros um 19 Uhr. Doch das amtliche Ergebnis wird erst im Verlaufe der nächsten Tage, spätestens am Freitag, bekanntgegeben.

Mit Spannung erwarten die rund 17 Millionen Einwohner, wer der beiden Hauptrivalen das Rennen gemacht hat. Emmerson Dambudzo Mnangagwa von der seit 37 Jahren regierenden ehemaligen Befreiungsbewegung ZANU-PF oder Nelson Chamisa von der oppositionellen Allianz »Bewegung für demokratischen Wandel«? Der 40jährige Chamisa, von Beruf Rechtsanwalt und Prediger, sprach von einem Kampf David gegen Goliath. Er fürchte sich nicht, jedoch müsse die Wahl frei und fair ablaufen. Das Votum sei eine Entscheidung für Licht oder Dunkelheit. »Wir sind das Licht«, sagte er. Berufspolitiker Mnangagwa, ein ehemaliger Freiheitskämpfer und Weggefährte des im November 2017 abgesetzten ehemaligen Präsidenten Robert Mugabe, äußerte sich nach seiner Stimmabgabe: »Wir sind ein Volk mit einem Traum und einem Schicksal. Wir werden gemeinsam schwimmen oder untergehen.«

Diese Wahlen waren deshalb ein Novum, weil sie erstmals ohne den über drei Jahrzehnte herrschenden, Mugabe stattfanden. Der hatte Simbabwe an den Rand des Untergangs manövriert. Mit der Vertreibung weißer Farmer hatte er die Landwirtschaft ruiniert, in der über 60 Prozent der Bevölkerung beschäftigt waren, damit eine Massenarbeitslosigkeit ausgelöst und obendrein Wirtschaftssanktionen des Westens provoziert. Dies führte zum Niedergang der Industrie, Investoren blieben fern, eine Hyperinflation wurde in Gang gesetzt, die den Verlust der eigenen Währung und die Einführung des US-Dollars als Zahlungsmittel zur Folge hatte.

Die Wahlen in der Mugabe-Ära waren von Gewalt, Polizeipräsenz, Drohungen, Manipulationen und Betrug geprägt. Diesmal sah das Bild anders aus. Es gab keine nennenswerten Aus­einandersetzungen. Alles in allem verlief der Wahltag friedlich. So jedenfalls die vorläufige Meinung der Wahlkommission. Über eventuelle »Unregelmäßigkeiten« werden allerdings die Wahlbeobachter befinden. Bislang haben sie nur von »gewaltigen Unterschieden« im Arbeitstempo verschiedener Wahllokale gesprochen. Es habe einen geregelten Ablauf gegeben, teils aber auch »total desorganisierte Zustände« mit Wartezeiten von einem halben Tag. Chamisa drohte mit Chaos, sollten er und sein Wahlbündnis durch »Betrug« verloren haben. Er hat aber bereits seinen Wahlsieg reklamiert, nachdem angeblich seine Leute 10.000 Wähler befragt hätten. Auf der anderen Seite wollten Regierungsmedien schon am Dienstag morgen wissen, »wie Nelson Chamisa die Wahlen verlor«.

Mit Mugabes Erbe muss nun der nächste Präsident fertig werden, ob er Chamisa oder Mnangagwa heißt. Die Erwartungen sind groß, dass die Wahlen einen Neuanfang, einen »echten Wandel« bringen, vor allem Jobs und ausreichend Bargeld einer eigenen Währung. Das haben beide Kontrahenten versprochen. Sie wussten, was auf dem Spiel steht: Um die internationale Isolation zu beenden und dringend benötigte Investitionen und Wirtschaftshilfe zu erhalten, musste das Votum frei, fair und glaubwürdig ablaufen, nicht nur nach Einschätzung der simbabwischen Wahlkommission, sondern auch nach dem Urteil der 5.500 einheimischen und 600 ausländischen Beobachter, die nach 16 Jahren erstmals wieder zugelassen waren.

Die Bürger hatten unter 22 Kandidaten für das Amt des Präsidenten auszuwählen und gleichzeitig über 290 Parlamentssitze und mehr als 9.000 Stadt- und Gemeinderäte abzustimmen. Jetzt warten sie auf die Ergebnisse ihrer Entscheidungen.

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  • Sebastian Bahlo: Kolonialistische Hetze Nicht in der FAZ, im Spiegel oder in Bild, nein, in der jungen Welt standen diese Sätze, die hier noch einmal in Gänze zitiert seien: (Robert Mugabe) »hatte Simbabwe an den Rand des Untergangs manövr...
  • Georges Hallermayer: Mugabe war dabei Es ist leider nicht richtig, wie der Autor schreibt, dass Robert Mugabe bei dieser Wahl nicht dabei gewesen sei. Er hat sich durchaus in den Wahlkampf eingemischt und öffentlich bekundet, nicht Mnanga...
  • Herbert Werner: Wer hat Simbabwe ruiniert? Was lernen wir aus diesem Artikel? Mugabe »hatte Simbabwe an den Rand des Untergangs manövriert ... mit der Vertreibung weißer Farmer ... die Landwirtschaft ruiniert ... und obendrein Wirtschaftssankt...

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