Aus: Ausgabe vom 31.07.2018, Seite 8 / Inland

»Mit Lippenbekenntnissen könnten wir Wände tapezieren«

Auch in Köln wird linkes Zentrum bedroht. OB Reker sendet widersprüchliche Signale. Ein Gespräch mit Kim Wolnosc

Interview: Jan Greve
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Protest mit Geschichte: Barrikaden vor dem damaligen AZ in Köln-Kalk im Jahr 2011

Bereits seit längerem wird über die Zukunft des Autonomen Zentrums Köln gestritten. Worum geht es?

Die Debatte begann 2010. Damals wurde eine ehemalige Kantine in Köln-Kalk besetzt und als Autonomes Zentrum genutzt. Am Ende konnten wir uns mit der Stadt einigen, die uns ein Ersatzgebäude anbot. 2012 sind wir dann in die Luxemburger Straße gezogen. Wir liegen hier in direkter Uninähe und am Ende einer Grünanlage, die das gesamte Kölner Zentrum umgibt. Das Ergebnis einer damaligen Untersuchung im Auftrag der Stadt war, dass es zu diesem Standort keine Alternative gibt, es also an anderen passenden Gebäuden mit vergleichbaren Voraussetzungen im kommunalen Besitz fehlt. Dass die Grünfläche irgendwann bis zum Rhein erweitert werden soll, war da schon bekannt.

Die Stadt hat uns jetzt mitgeteilt, dass unser Zentrum im Weg steht. Allerdings wurden für ein Tierheim sowie für das Parkhaus eines Justizgebäudes Ausnahmeregelungen getroffen. Ebenso wie für das historische Stadtarchiv, das ja bekanntermaßen vor einigen Jahren wegen des Baus einer U-Bahn eingestürzt war. All diese Gebäude sollen in die Grünfläche integriert werden. Unser AZ soll aber weg, so ist die Position bis heute. Die Verwaltung kündigte interessanterweise erneut an, einen alternativen Standort zu finden – nur kennt niemand einen solchen.

Henriette Reker, parteilose Oberbürgermeisterin von Köln, hat das AZ Mitte Juli besucht. Wie kam es dazu?

Wir haben immer klar gesagt, dass wir nicht umziehen werden. Seit zwei Jahre läuft unsere Kampagne »AZ bleibt«, die von vielen Gruppen durch unterschiedliche Aktionsformen unterstützt wird. Bei Stadtgesprächen, bei denen Reker in verschiedene Bezirke geht und dort mit Leuten vor Ort redet, wurde immer wieder unser Zentrum thematisiert. Da hat sie erklärt, sie wolle sich selbst ein Bild von der Lage dort machen. Und wir haben entschieden, dass sie auch vorbeikommen kann.

Reker bekundete, den Erhalt des Zentrums zu unterstützen. Dennoch fordert sie einen Alternativstandort, will das AZ also dort nicht mehr haben.

Wir müssen weiterhin befürchten, vertrieben zu werden, ohne dass es eine Alternative gibt. Die Aussage von Reker reiht sich ein in andere Aussagen von Politikern der Grünen, der CDU oder der SPD. Es heißt stets: Wir finden für euch eine Lösung, aber nicht hier. Im Raum stehen aber nur substanzlose Vorschläge. Die Kölner Verwaltung hat uns etwa angeboten, wir könnten in irgendwelche Container oder an den Stadtrand umziehen.

Reker sendet mehrere Botschaften aus. Einerseits empfinden wir es als Wertschätzung, dass eine Amtsträgerin wie sie anfragt, ob sie ein Autonomes Zentrum besichtigen darf. Das ist bundesweit, soweit ich weiß, ein Novum. Außerdem ist sie bekanntermaßen Opfer eines rechtsterroristischen Anschlags geworden. Die Signalwirkung ihres Besuchs und ihrer Aussage, dass das AZ für die Stadt notwendig ist, geht weit über Köln hinaus. Spätestens seit dem G-20-­Gipfel in Hamburg sind linke Zentren immer wieder Beobachtungen und Repressionen ausgesetzt, da ist der Besuch schon ein positives Symbol. Nur müssen jetzt auch Taten folgen. Mit den bisherigen Lippenbekenntnissen könnten wir uns schon lange die Wände tapezieren. Wir werden weiter Druck von der Straße machen und uns nicht verdrängen lassen.

Gibt es in Köln auch Stimmen, die eine Schließung des AZ fordern?

Die gibt es durchaus. Die AfD versucht etwa, das Thema für sich zu nutzen. Sie hat im NRW-Landtag zum AZ Köln eine Anfrage gestellt, in der es um vermeintlich verfassungsfeindliche Organisationen geht, die hier tätig sein sollen. Bei den anderen Parteien zeigt sich aber durchaus Interesse daran, unser Zentrum kennenzulernen. Dazu laden wir auch ein.

az-koeln.org

Kim Wolnosc ist Teil der Verhandlungsgruppe für den Erhalt des AZ Köln

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