Aus: Ausgabe vom 31.07.2018, Seite 6 / Ausland

Umkämpfte Meerenge

Nach wie vor keine Öltransporte durch Bab Al-Mandab zwischen Golf von Aden und Rotem Meer

Von Karin Leukefeld
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Über den Hafen der jemenitischen Stadt Hodeida kommen die meisten Hilfsgüter in das Kriegsland (1.4.2018)

Nach einem Angriff der in weiten Teilen des Jemen regierenden schiitischen Ansarollah-Miliz auf zwei Öltanker im Golf von Aden am vergangenen Mittwoch hat Saudi-Arabien die wichtige Schiffahrtsroute geschlossen (siehe jW vom 27.7.). Der Vorfall ereignete sich an der strategisch wichtigen Meerenge von Bab Al-Mandab. Die staatliche saudische Ölgesellschaft Aramco teilte mit, dass einer der zwei Tanker, die Rohöl transportierten, leicht beschädigt worden sei. Umweltschäden habe es nicht gegeben.

Nun werden die Stimmen laut, die davor warnen, dass der Vorfall eine Ausweitung der westlichen Intervention im Jemen-Krieg nach sich ziehen könnte, um die Ölrouten zu sichern. Im For bes Magazine schrieb Ellen Wald vom US-Thinktank »Atlantic Council«, sollte es im Roten Meer zu Unterbrechungen der Schiffahrt kommen, hätten »europäische Mächte, Ägypten und die Vereinigten Staaten allen Grund, gegen die Huthis zu intervenieren«. Huthis ist eine in westlichen Medien verbreitete Bezeichnung für die Ansarollah. Möglicherweise, so die Autorin weiter, sei es genau das, was Riad erreichen wolle.

Nach Angaben der US-Behörde für Energieinformationen (EIA) werden täglich etwa 4,8 Millionen Barrel Erdöl und raffinierte Produkte durch das Rote Meer Richtung Europa transportiert. Der kuwaitische Ölexperte Kamal Al-Harami geht davon aus, dass sich die Lieferungen um zwei Wochen verzögern werden, da die Tanker um Südafrika herum ins Mittelmeer umgeleitet würden. Außerdem ist davon auszugehen, dass die Spannungen wachsen, sollte die internationale Marinepräsenz im Golf von Aden zunehmen.

Bab Al-Mandab (deutsch: Tor der Tränen) ist sowohl für das Militär wie für die Erdölindustrie eine strategisch wichtige Meerenge. Sie befindet sich südlich der Küste des Jemen und verbindet das Arabische Meer und den Golf von Aden mit dem Roten Meer, dem Suezkanal und dem Mittelmeer. Die Bundeswehr ist dort im Rahmen des Marineeinsatzes »Atalanta« präsent.

Im März 2015 hatte Riad im Jemen militärisch interveniert, um in einen internen Machtkampf zugunsten des im saudiarabischen Exil lebenden Präsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi einzugreifen. Sein Gegenspieler, der frühere Präsident Ali Abdullah Saleh, stand auf der Seite der Ansarollah-Bewegung, die vom Iran unterstützt wird. Die Ansarollah gehören der religiösen Richtung der Saiditen an, einer schiitische Strömung des Islams. Saleh wurde im Dezember 2017 ermordet.

Nach Angaben der Vereinten Nationen sind in dem Krieg mindestens 10.000 Menschen getötet worden, darunter mindestens 2.200 Kinder. Mehr als 20 Millionen Jemeniten sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, die medizinische Versorgung im Land ist weitgehend zusammengebrochen. Seuchen wie Cholera gehören wieder zum Alltag. Zivile Infrastruktur und große Teile der einzigartigen jemenitischen Architektur, die zum Weltkulturerbe gehört, wurden bei Luftangriffen zerstört.

Anfang des Jahres riegelte Saudi- Arabien die jemenitische Hafenstadt Hodeida von der Seeseite her ab und stoppte internationale Hilfslieferungen. Hodeida ist der einzige Weg für die UNO und internationale Hilfsorganisationen, Nahrungsmittel und Medikamente für die Bevölkerung im Norden und Zentrum des Jemen zu liefern.

Im Juni startete die von Saudi-Arabien geführte Koalition eine Militäroffensive auf Hodeida, weil die Huthis durch den Hafen angeblich Waffen schmuggelten und von dort die internationale Schiffahrt angreifen würden. Die Attacke auf die Stadt wurde maßgeblich von Truppen der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) geführt. Die Pariser Tageszeitung Le Figaro berichtete damals, dass auch französische Spezialeinheiten die Milizen Saudi-Arabiens und der VAE unterstützten.

Unter internationalem Druck und Vermittlungsbemühungen der Vereinten Nationen wurden Mitte Juli die Angriffe der VAE auf Hodeida vorerst eingestellt. Abdel Malek Al-Huthi, Führer der Ansarollah-Bewegung, erklärte sich in einem Gespräch mit Le Figaro bereit, der UNO die Kontrolle über den Hafen zu überlassen. Voraussetzung sei allerdings, dass Riad und Abu Dhabi ihre Offensive vollständig stoppen müssten.

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