Aus: Ausgabe vom 28.07.2018, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Zur Macht verkommen

Betrachtungen eines Vorachtundsechzigers, der mit 83 Jahren immer noch kein Nachachtundsechziger werden mag

Von Otto Köhler
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Bemerkenswert: Wandfries aus Hakenkreuzen am Schloss Bellevue

Der Fries wurde in neuerer Zeit als Mittel künstlerischer Gestaltung allzuwenig beachtet. Ein bemerkenswerter Wandfries befindet sich an der Frontfassade über dem Haupteingang zum Schloss Bellevue, seit 1994 erster Amtssitz des deutschen Bundespräsidenten. Dieser Fries, unter dem das jeweilige Staatsoberhaupt hindurchschreitet, um – mit militärischen Ehren empfangen – seinen Dienstort zu übernehmen, besteht aus einer mäandernden Abfolge eindrucksvoller Swastiken, jenen uralten indischen Glückssymbolen, die im Deutschland neuerer Zeit als Hakenkreuze ortsansässig wurden.

Einen konkreten, ja entschlossenen Ausdruck dieser eher eine abstrakte Gesetzmäßigkeit verkörpernden Bellevue-­Zierde fand 1965 Ulrich Baehr, Mitglied der Künstlergruppe »Großgörschen 35«, mit seinem Gemälde »Fries für Liebhaber«. Baehr fasst darin die – dank des Artikels 131 Grundgesetz – auch von Amtsstellen auf jeder Ebene sorgfältig beachtete Kontinuität zwischen dem Dritten Reich und der Bundesrepublik Deutschland ins Bild: Ein »Fries« von mäandernden Wehrmachtsgeneralen umzingelt einen mutmaßlich hilflos ins Parlamentsmikrofon sprechenden Zivilisten – dessen Physio­gnomie erinnert an Theodor Blank, den ersten Bundesminister für, ja, Verteidigung. Er musste schon nach 16 Monaten im Amt einem – vor allem aus Sicht der Protagonisten in Baehrs »Fries« – wesentlich Geeigneteren weichen, der also gleich eine atomare Aufrüstung der Bundesrepublik Deutschland anstrebte.

Dass unter den Generalen des Frieses auch – an prominenter Stelle – ein mutmaßlicher Adolf Hitler auftaucht, muss nicht stören. Hitler war Befehls­haber auf mehreren Ebenen – als Oberbefehlshaber der Wehrmacht und seit 1941 als Oberbefehlshaber des Heeres. Darum gehört er notwendig in den undurchdringlichen Fries der Generale. Der spätere Bundesverteidigungsminister und noch spätere NATO-Generalsekretär Manfred Wörner erinnerte daran mit einem häufig wiederholten Redebaustein seiner Verlautbarungen vor der Bundeswehr: »Die militärischen Erfolge der deutschen Wehrmacht gegen einen zahlenmäßig fast immer überlegenen, qualitativ fast durchgehend gleichwertigen Gegner beruhten vornehmlich auf der überlegenen, auch vom Gegner anerkannten, militärischen Führungskunst auf allen Ebenen.«[1] Auf allen Ebenen – also auch auf den oberen des Führers und seiner militärischen Führungskunst.

Die Herren vom Fries haben mich lebenslänglich begleitet – von Kindesbeinen an. Seit 1940 lag für mich jedes Jahr unter dem Weihnachtsbaum ein Paket Spielzeugsoldaten. Nicht aus Blei – den Rohstoff brauchte die Front –, sondern aus dem gefügigen Kunststoff Bakelit. Ich war, in Vertretung des Führers, der Oberbefehlshaber und schlug, sobald ich lesen konnte, im Wohnzimmer die Schlachten nach, die ich in den bunten Heften der »Kriegsbücherei der deutschen Jugend« beschrieben fand (von vielen späteren Chefs wie Henri Nannen vom Stern oder Joseph Müller-Marein von der Zeit). Mein Vater war kein Nazi, er kaufte mir nur immer wieder diese Gebrauchsanleitungen für das Töten anderer Menschen.

1945 schien das vorbei zu sein. Ich, noch immer unmündig, brauchte noch zwei, drei Jahre, bis ich vernünftig wurde, meine Soldaten in den Müll warf und die Kriegsheftchen dazu.

Doch da war einer der Generale vom Fries schon wieder im Dienst. Hitlers Abwehrgeneral Ost, Reinhard Gehlen, hatte sich mit seinem gesamten Spionagematerial gleich nach der Kapitulation zur US Army abgesetzt und verkündet, soundso viele frische sowjetische Panzerdivisionen stünden bereit, bis zum Atlantik vorzustoßen. Das nahmen ihm die US-Amerikaner ab, richteten in der ehemaligen SS-Kaserne Pullach die »Organisation Gehlen« ein. Dort, im Untergrund, arbeitete seit 1948 der einstige Chef der Operationsabteilung der Wehrmacht Adolf Heusinger – er hatte 1941 in Hitlers Auftrag die Pläne für den Überfall auf die Sowjetunion ausgearbeitet – an der damals noch bei Todesstrafe verbotenen Wiederaufrüstung Westdeutschlands. Gründlich. Warum er immer auf dem hässlichen Begriff »Remilitarisierung« bestehe, fragte Gehlens CIA-Aufpasser James Critchfield eines Tages den fleißigen General – »Wiederbewaffnung« klinge doch viel besser. General Heusingers trotzige Antwort: Ihr habt »Deutschland und der deutschen Sprache den Begriff Demilitarisierung aufgezwungen«. Die »Umkehr dieses Vorgangs« aber sei »logischerweise die Remilitarisierung«.[2]

Hitlers treuer General wurde der erste Generalinspekteur der so entstandenen Bundeswehr. 1956 wurde mit dem Wehrpflichtgesetz der Zwang zum Kriegsdienst eingeführt. 1957 gab es die ersten Einberufungen. Ich genoss die Gnade des »Weißen Jahrgangs« – für die Naziwehrmacht zu jung, für die Nachfolger schon zu alt. Und so blieb ich vorerst in der Bundesrepublik, ich studierte in Würzburg. Wer den Kriegsdienst ablehnte, floh nach Westberlin. Dort, an der Freien Universität, bildete sich, insbesondere seit dem Vietnamkrieg, langsam die kritische Masse heraus, die man später die »Achtundsechziger« nannte.

Ich war schon aus Altersgründen, schließlich bin ich mein eigener Nazivater, ein Vorachtundsechziger, vielleicht ein »Achtundfünfziger«. Damals war die NS-Vergangenheit von Universitätsprofessoren noch ein streng beachtetes Tabu, doch ich hörte munkeln, dass unser neuer Staatsminister für Unterricht und Kultus in München, der Verwaltungsrechtler Theodor Maunz, vor 1945 grauenhaften Nazikram geschrieben habe. Doch Maunz’ Bücher aus jener Zeit waren aus der Universitätsbibliothek und dem Juristischen Seminar verschwunden. Nur die im Gelehrten-Kürschner von 1941/42 nachgewiesenen Aufsätze in Sammelwerken hätte man schlecht herausschneiden können. Was ich da entdeckte, gleich 1934 Geschriebenes über den »inhaltlichen Wandel des Begriffes eines ›unbescholtenen Lebenswandels‹ einer deutschen Frau, die einen Juden geheiratet hat«[3], das und anderes, fand ich so ekelhaft, dass ich – als Würzburger SDS-Vorsitzender – in der Studentenvollversammlung einen Misstrauensantrag gegen unseren Kultusminister stellte. Beinahe wäre der Antrag angenommen worden, doch nach langem Filibustern der Burschenschaften kam gerade noch rechtzeitig ein Volkswagen aus München. Darin der Maunz-Assistent und spätere Bundespräsident Roman Herzog mit Entlastungsmaterial: Der Professor habe doch auch Juden geholfen, und der Kronjurist der SPD, Adolf Arndt, habe Maunz zu seiner Amtsübernahme gratuliert. Antrag abgelehnt. Arndt schrieb mir danach, Maunz habe sich als Demokrat bewährt, und ich solle doch die Sache auf sich beruhen lassen. Erst sechs Jahre später fand die SPD es angebracht, Maunz zum Rücktritt aufzufordern – erfolgreich.

Mit dem späteren Bundespräsidenten Roman Herzog schrieb Maunz den herrschenden Kommentar zum Grundgesetz, aus dem Letzterer den Artikel 139 über die Weitergeltung der Rechtsvorschriften zur »Befreiung des deutschen Volkes von Nationalsozialismus und Militarismus« als »obsolet« entfernte.[4] Nach dem Tod von Maunz kam heraus, dass er bis zuletzt anonym für die rechtsradikale Deutsche Nationalzeitung geschrieben und deren Verleger Gerhard Frey bei juristischen Aus­einandersetzungen der von Frey 1971 gegründeten rechtsextremen Deutschen Volksunion beraten hatte.

Das alles, die Nazivergangenheit ihrer eigenen Professoren, spielte damals bei den Studenten keine wichtige Rolle, selbst 1967 noch nicht, als sich in Hamburg am 9. November zwei Studentenvertreter, in der Hand ein schwarzes Banner mit der Aufschrift »Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren«, an die Spitze der feierlich im vollen Ornat ins Audimax einziehenden Magnifizenzen und Spectabiles setzten. »1000 Jahre«, das war wirklich so gemeint, wie 2017 beim 50jährigen Jubiläum des Spektakels herauskam. Die Studenten wollten Hochschulreformen, zu Recht. An Naziprofessoren war da gar nicht gedacht. Die mussten sich erst lautstark in Erinnerung bringen wie der ehemalige Gestapo-Mitarbeiter und Islam­wissenschaftler Professor Dr. Bertold Spuler, der den Studenten im Audimax zurief: »Sie gehören alle ins Konzentrationslager!«

Ulrich Baehr hat nicht nur den Fries der hohen Generale gemalt, 1975 schuf er die Porträtskizze des einfachen, schlichten Totmachers, die Gouache »Herr K. 11 Uhr vormittags«. Ein ähnliches Bild, allerdings eine Fotografie, war in den 1990er Jahren in der Wehrmachtsausstellung zu sehen: Sie zeigt im Vordergrund links erschossene Geiseln vor einer Mauer, rechts ein Erschießungskommando der Wehrmacht – ein Soldat mit Stahlhelm richtet mit weit ausgestrecktem Arm die Pistole leicht nach unten auf eine noch lebende Geisel. Das Foto wurde kurz vor Ostern 1941 in der serbischen Stadt Pancevo aufgenommen.[5] Beide Bilder unterscheiden sich. Baehrs Gouache ist mit einer präzisen Uhrzeit versehen, verrät aber weder Tag noch Jahr. Es ist der 2. Juni 1967 – 26 Jahre später. Es könnte also noch derselbe Schütze sein. Unterschied: Der Soldat muss schräg nach unten zielen, um sein Opfer zu treffen. Herr K., er heißt Karl-Heinz Kurras, aber zielt mit ebenfalls ausgestrecktem Arm strikt geradeaus – das zeigt die Gouache nicht direkt – auf den Kopf des Studenten Benno Ohnsorg. Als dessen Leiche im Krankenhaus eingeliefert wird, ist das Schussloch nicht mehr zu sehen, es ist aus dem Schädel herausgebrochen. Deutsche Polizisten, ob in Dessau oder Berlin, vermeiden gern Beweismittel.

In Westberlin herrschte längst Krieg, Bürgerkrieg gegen die Studenten, die Wehrdienstverweigerer und die Deserteure aus Westdeutschland. Die Polizei sollte »nach dem Willen des Senats inmitten des kommunistischen Machtbereichs jederzeit einsatzbereit und schlagkräftig«[6] sein. Das bedeutete, in den drei Westsektoren gab es – gemessen an der Bevölkerungszahl – mehr Polizisten als in irgendeinem anderen Land oder Stadtstaat der Bundesrepublik: 10.000 Schupos, 3.000 Bereitschaftspolizisten, 1.400 Kriminalbeamte und 5.000 freiwillige Polizei-Reservisten. In den Arsenalen dieser Truppe lagerten modernste Waffen – die Studenten, die vor der Wehrpflicht, vor der Remilitarisierung der Bundesrepu­blik Deutschland nach Westberlin geflohen waren, trafen auf eine kampfbereite Truppe. Viele dieser Polizisten hatten sich schon in der Wehrmacht und in den beim »Säubern« des Hinterlandes hocherfahrenen Polizei­bataillonen bewährt.

Der Spiegel berichtete zwei Wochen nach der erfolgreichen Exekution von Benno Ohnesorg: »Die Feuerkraft der Berliner Polizei ist größer als die einer deutschen Infanterie-Division im Zweiten Weltkrieg.«[7] So war sie auch, einschließlich Kurras. Die zumeist noch aus dem mörderischen Krieg gegen die Sowjetunion hocherfahrenen Männer hatten Routine. Kurras selbst, der sich 1944 nach einem Notabitur freiwillig zur Wehrmacht meldete, fiel dort nicht weiter auf. Sein Chef, Hans-Ulrich Werner, der Leiter der Westberliner Schutzpolizei, war NSDAP-Mitglied gewesen und hatte seinem deutschen Vaterland bei der Partisanenbekämpfung gedient. Der Polizeipräsident, Erich Duensing, seit 1962 in diesem Amt, hatte schon 1925 der Preußischen Land­polizei angehört, die so strukturiert war, dass sie 1936 problemlos in Hitlers Wehrmacht überführt werden konnte. Der Tagesspiegel schrieb fünfzig Jahre nach dem Mord an Benno Ohnesorg über Duensing: »Der ehemalige Truppenführer und Generalstabsoffizier im Zweiten Weltkrieg hatte die Polizei in der Frontstadt Westberlin als eingeschworene Gemeinschaft geformt, in der jedes Fehlverhalten von Beamten unter den Tisch gekehrt wurde.«[8]

Die Gewerkschaft der Polizei, die 60.000 D-Mark für die Verteidiger von Kurras spendierte, zeigte Sebastian Haffner an, weil der in seiner Stern-Kolumne schrieb: »Was sich in der Berliner Blutnacht des 2. Juni ereignet hat, war nicht die Auflösung einer Demonstration mit vielleicht etwas zu rauhen Mitteln. Es war ein systematischer, kaltblütig geplanter Pogrom, begangen von der Berliner Polizei an Berliner Studenten. Die Polizei hat die Demonstranten nicht, wie es üblich ist, verjagt und zerstreut, sie hat das Gegenteil getan: Sie hat sie abgeschnitten, eingekesselt, zusammengedrängt und dann auf die Wehrlosen, übereinander Stolpernden, Stürzenden mit hemmungsloser Bestialität eingeknüppelt und eingetrampelt.«[9]

Im Bonner Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland hängt es – Öl auf Leinwand – Johannes Grützkes Gemälde »Benno Ohnesorg greift zum Gewehr 1968«. Nichts stimmt. Das ist nicht Benno Ohnsorg – er ist seit über fünfzig Jahren tot – der hier ein Gewehr aus dem tarnfarbenen Kofferraum eines Autos holt. Ohnesorg war Pazifist, er rief dem mit der Pistole anrückenden Polizisten entgegen: »Bitte, nicht schießen!« Es waren Ohnesorgs letzte Worte. Kurras schoss. Das Gesicht des zum Gewehr greifenden jungen Mannes, mit weit aufgerissenem, sichtbar schreiendem Mund, ist das Gesicht des Malers selbst. Es ist der 2017 verstorbene Grützke, der bekannte: »Ihr habt es bemerkt, ich male, ich bin Euer Ausdruck.«[10] Es ist der Ausdruck der Studenten, die in ihrer Verzweiflung angesichts des Polizei-Mordes während des Schah-Besuchs am 2. Juni zum Gewehr hätten greifen können. Nur wenige griffen tatsächlich dazu – sie haben sich als RAF in Arbeitsgemeinschaft mit einem übermächtigen Staat selbst erledigt.

Ein anderer war es, der zum Gewehr griff, zum Gewehr greifen ließ, ja ein Achtundsechziger, ein zur Macht verkommener Achtundsechziger.

2012 eröffnete der ehemalige Bundesminister des Auswärtigen, Joseph Fischer, im Berliner Grunewald dem US-Historiker Fritz Stern, wie seine atemberaubende deutsche Karriere 1967 begann: »Dann kam der 2. Juni und einen oder zwei Tage später war in Stuttgart eine Demo vom SDS. Da lief ich zufällig rein. Und das war dann der Anfang.«[11]

Der zufällig Reingelaufene wurde eine der bekanntesten Führungsfiguren der Achtundsechziger. Er leitete zunächst eine Putztruppe an, die Frankfurts Straßen für die Polizei unsicher machte, kämpfte sich in der neu gegründeten Partei Die Grünen schnell an die Spitze, wurde 1987 in extra zu diesem Zweck gekauften strahlend weißen Turnschuhen – sie stehen heute im Museum – als hessischer Umweltminister vereidigt. Seinem Wirken ist es zu verdanken, dass alles, was die Grünen je wollten, museumsreif wurde. Als Bundesaußenminister einer rot-grünen Koalition führte seine zunächst widerwillige, weil ursprünglich pazifistische Partei, in den ersten deutschen Krieg seit Hitlers Ende.

Fischers zur Jahrtausendwende neu entdeckter Kampfruf »Nie wieder Auschwitz!« wurde zur bestimmenden Lebenserfahrung all der Achtundsechziger, die es – aus rein humanitären Gründen – in den Krieg gegen Jugoslawien, gegen den uralten Feind, die Serben, drängte. Außenminister Fischer wusste, warum er den Ruf immer wieder in Erinnerung brachte. Und er weiß, warum er 1999 seine US-Kollegin Madeleine Albright über eine »gemeinsame Lebenserfahrung« aufklärte: »Wir beide sind den aus dem Kosovo vertriebenen Albanern besonders verpflichtet, weil wir beide ja selbst Opfer ›ethnischer Bereinigungen‹ sind.«[12] Beide, selbst – das ist korrekt.

Seit seiner Geburt 1948 wuchs Joseph Fischer in der Idylle des hohenloheschen Langenburg auf, neben dem Stammsitz des Fürsten, musste aber schon bald nach seiner Einschulung mit den Eltern in den industrienahen Großraum Stuttgart nach Öffingen umsiedeln. Das war für ihn, wie seine einfühlsame Biographin Sibylle Krause-Burger analysiert, »die Vertreibung aus dem Garten Eden, aus der Kindheit, aus einer wunderbaren Freiheit«.[13] Madeleine Albright wurde 1937 in Prag geboren, konnte gleich nach dem Einmarsch der Wehrmacht mit ihrem jüdischen Vater nach London fliehen, viele ihrer Verwandten wurden in deutschen Konzentrationslagern umgebracht.14]

Fischers Ruf »Nie wieder Auschwitz!« wurde zusammen mit dem Krieg gegen Jugoslawien zum Gründungsmythos der Berliner Republik. Mit Madeleine Albright teilt Fischer nicht nur sein Vertriebenenschicksal, es gab auch in jenen Kriegstagen ein Erlebnis, das den deutschen Außenminister zutiefst erschütterte.

Bei den täglichen Telefonkonferenzen der fünf am Krieg beteiligten Mächte ertönt am 26. Mai 1999 aus Deutschland plötzlich ein schreckliches Aufstöhnen. Madeleine Albright ruft besorgt über den Atlantik durchs Telefon: »Joschka, what’s happening? Are you all right?« (»Joschka, was ist los? Geht es dir gut?«) Es ist ein schlimmer Schlag, den Joseph Fischer gerade hat einstecken müssen. Doch der Außenminister der Bundesrepublik Deutschland lässt sich gegenüber seiner US-Kollegin nichts anmerken, sagt, alles sei »all right«, und kann sich, wie er in seinen Memoiren auch bekennt, »fortan wieder voll und ganz auf die Telefonkonferenz konzentrieren«.[15]

Was Joseph Fischer inmitten der Bilanzkonferenz mit den anderen Außenministern trifft wie ein brutaler Schlag, was ihn derart aufstöhnen lässt, dass Madeleine Albrights Mitgefühl alarmiert wird, das geschieht, als die anderen vier gerade »einen möglichen Einsatz von Bodentruppen« erörtern. Dabei will sich der deutsche Außenminister jedoch nicht aus dem wirklich wichtigen Weltgeschehen ausklinken. Und so passiert die Katastrophe auf dem Bildschirm des Fernsehers, den der deutsche Außenminister während der Verhandlungen mit seinen Kollegen stumm weiterlaufen lässt. Joseph Fischer: »Im Spiel in Barcelona war man inzwischen in der Nachspielzeit angekommen, und die Bayern sahen bereits wie stolze Champions-League-Sieger aus, als es in der 91. Minute im Tor der Münchner ganz fürchterlich einschlug. Innerhalb einer weiteren Minute fing sich FC Bayern ein zweites Tor ein, und es war vorbei. 2:1 für Manchester United, Abpfiff, Ju bel und bodenlose Enttäuschung. So ist eben Fußball. Als das Ausgleichstor fiel, konnte ich einen kurzen Aufschrei nicht unterdrücken. Darauf herrschte für einige Sekunden völlige Stille. Dann ertönte die sorgenvolle Stimme von Madeleine Albright.«[16]

Nie wieder Auschwitz! Nie wieder Barcelona! Bodenlose Enttäuschung!

Trotz alledem! Die Telefonkonferenz erwies sich doch noch als großer Erfolg: Vier Tage nach der Niederlage der Münchner gelingt Joseph Fischer zusammen mit seinen Kollegen doch noch ein stolzer Sieg: Die Bomben der Humanitas vernichten die Brücke von Varvarin und mit ihr zehn Feinde – darunter ein 14jähriges Mädchen –, die als Zivilisten getarnt waren. Fischers Verlag hat recht: »Die bemerkenswert lebendig erzählten Memoiren Joschka Fischers bieten dem Leser nicht nur einen seltenen Blick hinter die Kulissen deutscher und internationaler Politik – sie sind auch ein unersetzliches zeitgeschichtliches Dokument.«[17]

Ich komme zu einem mich beschämenden Schluss. 1958, im Herbst, verließ ich Würzburg und ging an die Freie Universität nach Berlin. Zuvor aber waren alle deutschen Studentinnen und Studenten aufgerufen, an ihren Universitäten anlässlich irgendeiner Außenministerkonferenz für Deutschlands Einheit zu demonstrieren. Ich ging zum AStA, ließ mir den Text des SDS-Transparents genehmigen. Als wir zum Sammelort auf dem Residenzplatz kamen, waren schon Hunderte von bunt uniformierten Korporierten mit Band und Mütze da. Und sie schrien auf: »Da laufen wir nicht mit.« Die Polizei wurde geholt. Vergebens – der Text war eingereicht und genehmigt. Der Platz leerte sich. Die Demonstration war geplatzt. Was stand auf dem Transparent? Dies: »Ein Deutschland ist wichtiger als zwei deutsche Armeen.«

Nein, das ist es nicht. Mein Text von damals, vor sechzig Jahren, hat sich als Fehler erwiesen, den ich heute bereue. Solange es zwei deutsche Armeen gab, führte keine von ihnen Krieg.

Das geeinte Deutschland, mit der einen deutschen Armee, muss längst wieder Krieg führen in aller Welt. Dieses Deutschland muss Verantwortung tragen, es ist erwachsen und erwachsen sein heißt töten können. Deutschland darf es – die Welt nimmt es hin. Bernd Ulrich, auch ein Achtundsechziger von der Graswurzelrevolution und nunmehriger Politik-Chef der Zeit, er hat dazu 2011 für seine Redakteure und seine Leser eine Kampffibel geschrieben, Titel: »Wofür Deutschland Krieg führen darf. Und muss.«

Wir Uralt-Achtundsechziger haben den Kampf gegen Militär und Krieg verloren – so scheint es. Aber warum aufgeben? »Holger, der Kampf geht weiter!« rief Rudi Dutschke am Grab von Holger Meins und ballte die Faust.

Die Faust – sie zittert noch.

Fußnoten

  1. ^ Zitiert nach Otto Köhler: Hitler ging – sie blieben, Hamburg 1996, S. 71
  2. ^ Zitiert nach James H. Critchfield: Auftrag Pullach. Die Organisation Gehlen 1948–1956, Hamburg 2005, S. 125
  3. ^ Theodor Maunz: Das Verwaltungsrecht des Nationalsozialistischen Staates, in: Hans Frank (Hrsg.): Deutsches Verwaltungsrecht, Berlin 1937, S. 27– 48, hier S. 40
  4. ^ Herzog in: Maunz/Dürig/Herzog/Scholz: Grundgesetz, Rdnr. 4 zu Art. 139
  5. ^ Siehe Tilman Fichter: Unge malte Deutschlandbilder, in: Eckhart Gillen (Hrsg.): Deutschland­bilder. Kunst aus einem geteilten Land, Ausst.-Kat., Martin-Gropius-Bau, Berlin, Köln 1997, S. 44
  6. ^ Der Spiegel, Nr. 30 (1967), S. 36
  7. ^ Ebd.
  8. ^ Gerd Nowakowski: Korpsgeist – Ein gefährlicher Zu­sammenhalt, in: Der Tagesspiegel vom 30. Januar 2012
  9. ^ Sebastian Haffner: Nacht der langen Knüppel, in: Stern, Nr. 26 (1967)
  10. ^ Johannes Grützke: Die Manuskripte von Belo Horizonte 1987, Zürich 1987, S. 139. Zitiert nach Eckhart Gillen: Feindliche Brüder, Bonn 2009, S. 395
  11. ^ Joschka Fischer/Fritz Stern: Gegen den Strom. Ein Gespräch über Geschichte und Politik, München 2013, S. 99
  12. ^ Zitiert nach Michael Schwelien: Joschka Fischer, Hamburg 2000, S. 95
  13. ^ Sibylle Krause-Burger: Joschka Fischer. Stuttgart 1997, S. 36
  14. ^ Siehe Schwelien (wie Anm. 12), S. 95
  15. ^ Joschka Fischer: Die rot-grünen Jahre. Deutsche Außenpolitik vom Kosovo bis zum 11. September, Köln 2007, S. 167 f.
  16. ^ Ebd.
  17. ^ So der Klappentext zu Fischers Erinnerungen Die rot-grünen Jahre (siehe Anm. 15), 2007 bei Kiepenheuer & Witsch in Köln erschienen.

Otto Köhler, geboren am 10. Januar 1935 in Schweinfurt, ist Journalist und Publizist und regelmäßiger Autor in junge Welt. Er war Medienkolumnist des Spiegels und schrieb u. a. für die Zeit, Pardon und Konkret. 2007 erhielt er zusammen mit Lothar Kusche den Kurt-Tucholsky-Preis. Er ist Mitherausgeber und regelmäßiger Autor der Zweiwochenschrift Ossietzky sowie Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland.

Zuletzt schrieb Otto Köhler an dieser Stelle am 10. Dezember 2016 über den Publizisten und Geopolitiker Klaus Mehnert.

Der vorliegende Aufsatz ist ist die leicht gekürzte Fassung eines Beitrages für den Sammelband zur Ausstellung:

Andreas Beitin/Eckhart Gillen (Hg.): Flashes of the Future. Die Kunst der 68er oder Die Macht der Ohnmächtigen. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2018, 592 Seiten, 7 Euro

Den vollständigen Text lesen Sie online unter jungewelt.de

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Peter Richartz: Verfassungsfeinde Verfassungsrichter orientieren sich an Kommentaren zum Grundgesetz, in der Regel am »Maunz-Dürig«. Bürger wie ich, die sich immer wieder über verschwurbelte Urteilsbegründungen aus Karlsruhe wundern, ...

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