Aus: Ausgabe vom 28.07.2018, Seite 10 / Feuilleton

Von echten Glühwürmchen

Landolf Scherzer berichtet in seinem neuesten Buch über Kuba, ein Land im Umbruch

Von Katja Klüßendorf
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Der Schriftsteller Landolf Scherzer bewundert, wie unkonventionell die Kubaner den Alltag meistern und wie ungebrochen der Stolz auf die Revolution ist. Das Foto »Adelante!« von Roberto Fumagalli entstand in Havanna

»Buenos días, Havanna!« An seinem ersten Morgen in Kuba blickt der 75jährige Landolf Scherzer glücklich in den blauen Novemberhimmel. Vor ihm liegen sechs Wochen als »ehrenamtlicher Postbote« auf der sozialistischen Karibikinsel. Der Journalist aus Dresden, bekannt für seine Langzeitreportagen wie »Der Erste« (1988), bekam nach einem Leserbrief in der regionalen Presse, in dem er seine Reise ankündigte, etliche Aufträge: Briefe, Kabelbinder und Gitarrensaiten sollte er überbringen, fleischlose Wurst und vegetarische Rezepte, ein Sitzkissen und sogar einen 30.000 Euro-Scheck gegen Hurrikanschäden. Auf seiner Mission wird Scherzer, der nur wenige Worte Spanisch spricht, von der in Havanna studierenden Heidelbergerin Julie als Dolmetscherin begleitet. So muss er sich keinen Tag als fremder Tourist fühlen. Er kann sofort das Land und dessen Menschen kennenlernen, denen er mit großer Offenheit, Neugier und Herzlichkeit begegnet. Darin liegt die Stärke seines Reiseberichts.

Da ist zum Beispiel die 69jährige Acacia Adelfa Pedroso Paz. »Ich hatte die Ehre und das Privileg, als kubanische Ärztin im Ausland arbeiten zu dürfen. Die Revolution erfüllte meine heimlichen Wünsche.« Ihre Eltern arbeiteten in einer Konservenfabrik in der Provinz Pinar del Rio. Nach dem Hurrikan in Venezuela, als sogar Flüsse ihren Lauf änderten, Arme und Beine von Menschen zwischen Ästen und Stämmen schwammen, wurde sie zur Kämpferin. Brasilien aber, ein weiterer Einsatzort, war eine Enttäuschung. Sie und ihre Kollegen behandelten die Patienten in den staatlichen Kliniken kostenlos, doch die brasilianischen Besitzer der privaten Krankenhäuser bekämpften die kubanischen Ärzte mit allen Mitteln. 2003 ließ Fidel Castro sie zurückholen. Adelfa ließ Ausreisegedanken – einige kubanische Ärzte blieben etwa nur ein paar Tage in Venezuela, bevor sie mit von den USA bezahlten Tickets in die Staaten flogen – nie zu. Wohl, »weil ich das Vertrauen, das mir Kuba geschenkt hatte, nie gegen Geld eintauschen wollte. Als Ärztin habe ich gelernt, dass aus wenig Geld mehr werden kann, wenn man Liebe dazugibt …«

»Aber wer die Geschichte nicht erlebt hat …« Raúl Becerra, ehemaliger Botschafter in Deutschland, erinnert daran, dass die Geschichte zur Gegenwart gehöre. Die kubanische Jugend sei inzwischen zu ungeduldig. »Sie will alles. Auf einmal und sofort.« Scherzer erzählt ihm vom Freund seiner Dolmetscherin, Jorge Luís, der im Ausland arbeiten möchte, um seiner Mutter in Kuba zu helfen. »Wenn dieser Jorge Luis, ein junger, in Kuba ausgebildeter Mann, weggeht, hilft er vielleicht eine kurze Zeit der Mutter, aber nicht dem Land.« Nur wenn es Kuba in Zukunft gutgehe, werde das Land nicht wieder zum zweiten Las Vegas der US-Amerikaner. Scherzers Fragen irritieren sein Gegenüber manches Mal. »Du willst über Kuba schreiben, aber denkst nur wie ein Europäer«, lacht ihn Harlyn aus, der kleine Bruder von Jorge Luis, Sprinter und Nationalkader von Kuba. Dabei wollte Scherzer nie urteilen. Doch die Widersprüche eines Landes mit zwei Währungen, welche die Menschen teilt in die, die am Tourismus verdienen, und jene, die davon ausgeschlossen bleiben, erschweren es ihm mitunter.

Vergleiche zur DDR und zur Wendezeit drängen sich in verschiedenen Gesprächen immer wieder auf. »Als ich in die DDR kam, sah ich, dass die Leute dort alles schon besaßen. Aber sie klagten. Und wollten mehr. So ist es heute auch in Kuba«, erinnert sich die 74jährige Hilda, die als Dolmetscherin des kubanischen Handelsrats in Ostberlin arbeitete. Sie glaubt, dass ihre Landsleute, die heute »Wir wollen mehr Menschenrechte!« schreien, wenn sie ehrlich wären, »Wir wollen mehr Fleisch, mehr Käse, mehr Wein, mehr Internet und mehr Autos!« schreien müssten. »Aber für diese Schreie würden sie nirgendwo in der Welt politisch unterstützt. Für die Menschenrechtsschreie überall.« Es sind Aussagen wie diese, deretwegen Scherzers neues Buch den hiesigen Medien nicht richtig gefallen will. Er bewege sich in einem roten Mikrokosmos, den es wahrscheinlich auch nicht störe, dass Amnesty International erst kürzlich wieder Kuba als »geistiges Gefängnis« brandmarkte (Westfälische Nachrichten), man spüre sein Wohlwollen gegenüber dem Kuba-Sozialismus (Berliner Zeitung) etc.

Aber für viele steht Kuba nach wie vor für eine Hoffnung. Denn die Kubaner sind keine nachgemachten, sondern echte Revolutionäre, wie es der 91jährige Erfurter Karl Heinz Voigt dem Autor am Beispiel der Glühwürmchen erklärt: »Die echten Glühwürmchen leuchten in der Nacht, weil sie selbst, sozusagen aus ihrem Inneren heraus, strahlen. Aber dann gibt es noch Falter, Motten und andere Insekten, die nur leuchten, wenn sie im Lichtkegel einer Gartenlampe umherschwirren. Sobald die ausgeschaltet sind, strahlen sie auch nicht mehr. In Kuba dagegen …«

Landolf Scherzer: Buenos días, Kuba. Reise durch ein Land im Umbruch. Aufbau-Verlag, Berlin 2018, 367 Seiten, 22 Euro

Roberto Fumagallis Foto »Adelante!« stammt aus der jW-Kalenderreihe »Viva La Habana«. Den neuen Havanna-Fotokalender 2019 gibt es im jW-Shop unter jungewelt-shop.de

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