Aus: Ausgabe vom 27.07.2018, Seite 11 / Feuilleton

Blaue Pinguine

Das Schicksal ist orange, und Christian Thielemann weiß, dass er leise spielen lassen muss: »Lohengrin« in Bayreuth bei den Wagner-Festspielen

Von Maximilian Schäffer
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Blaue Stunden in Bayreuth für ein stilisiertes Umspannwerk

Die Einheimischen nennen es den »Almauftrieb der Pinguine«, wenn im Bayreuther Festspielhaus am Grünen Hügel die Premieren stattfinden. Über saftige Wiesen grasen die oberen Zehntausend die Gartenstadt nach oben, um bei Schampus und Backkartoffeln mit Kaviar unter sich zu sein.

»Blue, blue, electric blue«, sang einst David Bowie, und dem folgt Bühnenbildner Neo Rauch zusammen mit Gattin Rosa Loy in der Inszenierung des »Lohengrin« für das privilegierte Publikum. In Delfter Blau ist eine märchenhafte Landschaft gehalten, die elegisch in dichtem Schilf versinkt. Ein stilisiertes Umspannwerk gibt die Mitte dieser Tragödie, der Schwan ist so etwas wie ein weißer Heckspoiler oder Tarnkappenbomber, der sich genau einmal erhebt – und zwar dann, wenn der sagenhafte Held zum ersten Mal auftaucht.

Es ist der Pole Piotr Beczala, der als Lohengrin erst vor drei Wochen engagiert wurde – laut Kapellmeister Christian Thielemann mit gutem Zureden. Denn der französische Startenor Roberto Alagna hatte den Text vielleicht nicht ausreichend gelernt, oder besseres zu tun, denn er sagte einfach ab. Die Panik bei Geschäftsführerin Katharina Wagner, die eh’ schon die Maxipackungen amerikanischer Glückstrefferzigaretten weghaut wie Salzstangen, mag man sich gar nicht erst ausmalen. Doch bei der Premiere am Mittwoch ist dann alles in Ordnung, der Ersatzmann singt seine Partie so souverän und glänzend entspannt, wie man es sich nur vorstellen kann.

In dieser elektrischen Welt surrt es von Fliegen. Regisseur Hans Neuenfels imaginierte bei der letzen Interpretation des Stoffes 2010 vor allem den Chor, also das wankelmütige Volk, als Laborratten, der US-amerikanische Regisseur Yuval Sharon hält die Masse eher für einfältige Insektenlarven. Diese getreuen Kumpane scharen sich um die geflügelten Protagonisten, welche ihre inneren und äußeren Kämpfe eher phantastisch bewältigen. Lohengrin und Friedrich von Telramund kämpfen fliegend, und der Verlierer bekommt den Flügel abgerissen – tragisch für den Hautflügler.

Mit politischer Interpretation hält sich diese neue Version des von Wagner konstruierten Sagenstoffes deutlich zurück. Schließlich hat man mit Neo Rauch und Rosa Loy zwei bildende Künstler angeworben, die Farballegorie und Stilistik zwischen romantischer Landschaftsmalerei und postindustrieller Pop-Art dominieren. In der von ihnen bewusst nicht so bunt kolorierten Kulisse geht es choreographisch statisch bis plakativ zu. Als wäre eine universal verständliche Pantomime der kleinste gemeinsame Nenner.

Irgendwie kapiert diesen »Lohengrin« also jeder, irgendwie aber auch niemand, denn der Vorwurf des bloßen Ästhetizismus liegt nahe. Der Kosmos ist blau, das Schicksal orange und Gott ist der Strom, der am Leben hält, aber bei schlechter Laune auch zerstört. Darüber kann man in Bayreuth schon während der Vorstellung sinnieren, denn nach jedem Akt gönnt man sich eine gute Stunde Pause für Sektchen und Lachsröllchen und Tatütata. Alle sind sie natürlich gekommen: Mutti, Söder, Gottschalk und Lindner. Überhaupt scheint in diesem Jahr der kontroversen Festspiele großartige Harmonie zu herrschen. Alle Beteiligten übertreffen sich bei der Pressekonferenz in gegenseitiger Lobhudelei, lieben und ehren sich. Tatsächlich ist am Produkt ja auch nichts Drastisches auszusetzen. Rauchs ganz eigensinniger Disney-Traum funktioniert über weite Strecken ganz gut, und die Musik ist auch tadellos. Dirigent Thielemann, der über die Jahre zum Liebling auf dem Hügel avanciert ist, kennt das Haus wie seine Westentasche, was er auch eigens betont. Den Vorsatz, dieses Mal noch weniger laut zu spielen, macht er wahr. Er weiß, dass er leise anfangen muss, weil sich die Musik schnell überschlägt. Das liegt am verdeckten Orchestergraben und der Kesselform des Hauses. Die akustischen Eigenheiten des Ortes hat er perfekt im Griff.

Er ruft die Bläser flächig und sanft, während die Streicher den harmonischen Teppich weben. Sängerisch ist neben der tadellosen Hauptrolle auch alles im Lot, obwohl dem Zwiegesang von Ortrud und Elsa der Kontrast fehlt. Weil dem eigentlichen Mezzosopran von Waltraud Meier, die nach 18 Jahren wieder in Bayreuth singt, die Mittellage und die Bosheit abgehen, kann Anja Harteros als Elsa nicht schmeicheln.

Durchweg großartig singt sich der Chor unter der Leitung von Eberhard Friedrich in den Vordergrund. Man agiert unglaublich präzise, kraftvoll, nie zu laut, nie zu brachial und trotzdem immer präsent. Im dritten Akt, wo geheiratet wird, darf dieser Chor ganz alleine sein, denn man spart sich auf der Bühne das eheliche Ritual und schaltet direkt ins Schlafzimmer nach der Hochzeitsnacht. Der Held mit dem Schwan wird als herzloses Schwein porträtiert, das die Geliebte aus Rache dem künstlichen Blitzschlag preisgibt. So gnadenlos persönlich und doch nicht in Gemächern fläzend, sieht man Lohengrin selten. Ein bisschen mehr Charakterzeichnung dieser Art hätte dieser bisweilen in ihrer Ausstattung verschwindenden Inszenierung gutgetan, weil der Zuschauer besonders in den Aufzügen zwei und drei doch zu sehr berieselt wird, als dass es dem emotional so wechselhaften Stoff gerecht würde.

Im letzten Akt schlägt man dann den Erwartungshaltungen aber doch noch ein Schnippchen: Während die Opernwelt in den vergangenen Jahren miteinander konkurrierte, wer die grausamste Kinderleiche zu plastizieren vermochte, lässt man den toten Nachkömmling nun als giftgrünen, greisen Leprechaun, den irischen Kobold, auferstehen. Gruslig genug – und den monochromen Festspiel-Pingu­inen im wesentlichen nicht unähnlich.

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