Aus: Ausgabe vom 27.07.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Ein paar Nullen weniger

Präsident Venezuelas kündigt Maßnahmen gegen die Hyperinflation an und will die Produktion von Verbrauchsgütern im Inland ankurbeln

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Nullen gestrichen: Nicolás Maduro bei der Vorstellung der neuen Banknoten am Mittwoch in Caracas

In Venezuela wird ein US-Dollar inoffiziell inzwischen für 3,5 Millionen Bolívar eingetauscht. Der venezolanische Mindestlohn liegt derzeit bei 5 Millionen Bolívar. Bei dem gegenwärtigen Tempo könne die Entwertung der Landeswährung, so der Internationale Währungsfonds (IWF) am Montag, am Ende des Jahres bei »einer Million Prozent« liegen. Im ­April hatte der Währungsfonds noch eine Inflation von »nur« 13.000 Prozent prognostiziert. Der IWF sprach von einer »Zerstörung des Preissystems« und verglich die Geldentwertung in Venezuela mit der in Deutschland im Jahr 1923. Die Wirtschaftsleistung werde 2018 voraussichtlich um 18 Prozent einbrechen. Ob die Zahlen dieser Institution, in der die Feinde der sozialistischen Regierung Venezuelas die Linie bestimmen, wirklich belastbar sind, lässt sich indes nicht überprüfen: Die venezolanische Zentralbank veröffentlicht seit längerer Zeit keine Daten mehr zur Konjunktur und zur Teuerungsrate.

Außer Frage steht, dass die Regierung die drohende Gefahr einer völlig außer Kontrolle geratenen Hyperinflation erkannt hat. Am Mittwoch abend kündigte Präsident Nicolás Maduro nach einer Kabinettssitzung die Ausgabe neuer Geldscheine an, bei deren Wertaufdruck pauschal »fünf Nullen« gestrichen werden sollen. Diese Streichung werde die Währung stabilisieren, die Finanzgeschäfte erleichtern und den Bolívar schützen. Zudem soll der Bolívar künftig an die neue Kryptowährung Petro gekoppelt sein. Vor wenigen Wochen war zunächst eine Streichung von »drei Nullen« angekündigt worden. Die neuen Scheine sollten ab dem 4. August in Umlauf kommen. Die Zentralbank hatte allerdings um Aufschub gebeten. Am Mittwoch kündigte Maduro außerdem ein Programm der »wirtschaftlichen Erholung« an, das am 20. August starten werde.

Grund für die galoppierende Inflation in Venezuela sei der Wirtschaftskrieg, den die venezolanische Opposition und die USA gegen die sozialistische Regierung führten, sagte Maduro. Das ölreichste Land der Erde steckt schon seit Jahren in einer schweren Wirtschaftskrise. Durch den Verfall des Ölpreises seit 2014 – Öl ist die weitaus wichtigste und mittlerweile fast einzige Exporteinnahmequelle für Venezuela – fehlt dem südamerikanischen Staat das Geld, mit dem zuvor umfangreiche Sozialprogramme für die arme Bevölkerungsmehrheit organisiert worden waren. Inzwischen gibt es gravierende Versorgungsengpässe – nicht nur bei Nahrungsmitteln, sondern zum Beispiel auch bei Strom und Wasser. Medizinische Leistungen sind für viele Menschen nicht mehr finanzierbar. Der Staat verfügt kaum noch über Reserven an fremden Währungen, um Lebensmittel, Medikamente oder Dinge des täglichen Bedarfs zu importieren. Auch deshalb betonte Maduro am Mittwoch, dass das auf die Ölindustrie ausgerichtete Wirtschaftsmodell am Ende sei. Das Land müsse seine Wirtschaft so schnell wie möglich auf eine deutlich breitere Basis stellen und wieder mehr Verbrauchsgüter eigenständig produzieren. (dpa/AFP/jW)


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