Aus: Ausgabe vom 26.07.2018, Seite 15 / Medien

Stimme des Sports

Der Verlag Neues Leben ehrt mit einem Sammelband DDR-Sportreporter Heinz Florian Oertel

Von Thomas Behlert
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Heinz Florian Oertel interviewt am 19. Februar 1964 den Berliner Radsportler Axel Peschel nach seinem Sieg beim Winterbahnrennen in der Berliner Werner-Seelenbinder-Halle

Da wurde der Sportreporter und Journalist Heinz Florian Oertel im vergangenen Jahr 90 Jahre alt. Der Verlag Neues Leben, in dem mehrere seiner Bücher erschienen sind, wollte ihm dazu mit einem heimlich zusammengestellten Band gratulieren. Die Veröffentlichung wurde dann allerdings verschoben. Jetzt ist er da und Fans dürfen sich über eine Sammlung der besten Oertel-Texte freuen.

Der Geehrte war in der DDR die »Stimme des Sports«. Egal ob Eiskunstlauf, Fußball, Wintersport oder Handball, Heinz Florian Oertel kommentierte. Im Gegensatz zu vielen Reportern heute, punktete der in Cottbus Geborene immer mit wichtigen Informationen und interessanten Hintergrundgeschichten. Über einiges, was live über den Äther kam, konnten die Hörer sich schön aufregen, beispielsweise als er bei einem Schwimmwettkampf sagte: »Und jetzt wickeln die Frauen ihre 100 Meter Brust ab …«. Oder als er eine Pirouette der tollen Eiskunstläuferin Gabriele Seyfert kommentierte: »Jetzt dreht sich ihr Röckchen im eigenen Wind.«

17 Mal ist Oertel in der DDR zum »Fernsehliebling des Jahres« gewählt worden – aber bis dahin war es ein langer Weg: Nach dem 2. Weltkrieg ließ er sich zum Lehrer ausbilden, schrieb für Zeitungen aus der Cottbuser Region und meldete sich schließlich an der Schauspielschule. Er wollte bereits damals zum Rundfunk, ans Mikrofon, den Menschen Wissen, Unterhaltung und Frohsinn vermitteln.

Seine erste Reportage führte ihn zu einem Feldhandballspiel um die Brandenburgischen Landesmeisterschaften. »Es war die Zeit der Lebensmittelkarten, der immer noch dünnen Wassersuppen, schlechten Kleidung, alten Schuhe und abgenutzten Bälle« – die Frauen waren am Ende ihrer Kräfte, es fiel nur ein Tor. Trotz dieses »Langweilers« war er überzeugt, dass nun »sein richtiges Leben« begann.

Nach vielen Einsätzen für das Studio Cottbus begann Oertels rasanter Aufstieg in Berlin. Der Reporter hat in mehreren Büchern diese Zeit beschrieben und kam dabei auch zu der Erkenntnis, dass er insbesondere während der Fußballspiele zuviel gesprochen hatte.

Das Buch versammelt Anekdoten, bewegende Erlebnisse, legendäre Kommentare und Reiseberichte von 17 Olympischen Spielen, acht Fußballweltmeisterschaften und Eiskunstlaufwelt- und -europameisterschaften. Auch die Internationale Friedensfahrt, das riesige Amateurradrennen durch die drei sozialistischen Länder Polen, Tschechoslowakei und DDR, wird erwähnt.

Informativ, kompakt und warmherzig schildert HFO Begegnungen mit seinen Lieblingssportlern, dem Radfahrer Gustav-Adolf »Täve« Schur, Skispringer Helmut Recknagel und besonders dem tschechoslowakischen Athleten Emil Zatopek, dem »Laufwunder« der 1950er Jahre. Zusätzlich hat der Verlag einige von Oertel geschilderte Erlebnisse aus der Radiosendung »He, he, he – Sport an der Spree«, den TV-Sendungen »Schlager einer großen Stadt« und dem »Porträt per Telefon« in den Band aufgenommen.

Nach der sogenannten Wende wurde er in Funk und Fernsehen »abgewickelt«. Er lehrte in der Folge als Dozent für Rhetorik an der FU Berlin und hatte einen Lehrauftrag für Sport und Publizistik an der Uni Göttingen.

Heinz Florian Oertel ist aber mehr als nur ein Sportreporter. Das wird deutlich an den interessanten Einwürfen und Deutungen zur gegenwärtigen politischen und kulturellen Lage auf den letzten Seiten des Buches: »Darf heutzutage jeder, der genügend Dreistigkeit und etwas Protektion besitzt oder erhält, ans Mikrofon?«, und stellt über die politischen Parteien in der BRD fest: »Sie mengen, mischen sich, drängeln in nahezu alles Gesellschaftliche, Wirtschaftliche, Kulturelle … Und das mit dümmlicher Penetranz.«

Heinz Florian Oertel: Wenn man aufsteht, wird die Verbeugung tiefer. Verlag Neues Leben, Berlin 2018, 196 Seiten, 9,99 Euro

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