Aus: Ausgabe vom 26.07.2018, Seite 10 / Feuilleton

Der Wille zur Zukunft

Von Thomas Wagner
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Neue Organe? Einfach einpflanzen!

Vor ein paar Jahren rührte der Verleger Armen Avanessian lautstark die Werbetrommel für eine neue Bewegung linker Intellektueller, die den Kapitalismus durch eine Beschleunigung seiner Entwicklungsdynamik über sich hinaustreiben wollten. Kennzeichnend für die sogenannten Akzelerationisten sei »ein Wille zur Zukunft«, verriet Avanessian in seiner Einleitung zu dem 2013 erschienenen Merve-Band »#Akzeleration«. Die einzige radikale politische Antwort auf den Kapitalismus bestehe darin, die im digitalen Zeitalter in rasender Geschwindigkeit vorangetriebenen Entfremdungs- und Entwurzelungstendenzen noch zu verstärken.

Den Akzelerationisten erscheint es sinnlos, gegen die kapitalistischen Verwerfungen zu protestieren oder zu versuchen, sie zu unterbrechen. Ihre führenden Vertreter Nick Srnicek und Alex Williams interpretieren Karl Marx als einen Denker der Moderne und machten auch einige brauchbare politische Vorschläge, die den von ihnen produzierten theoretischen Überbau allerdings gar nicht gebraucht hätten. Sie pflegten das in Kunsthochschulen, im Galerie- und Museumsbetrieb so beliebte Begriffskauderwelsch, das nur schwer zu popularisieren sein dürfte und deshalb für linke Politik kaum zu gebrauchen ist.

Positiv ist ihre Vision, den herrschenden Kapitalismus digitaler Plattformen durch sozialistische Plattformen zu ersetzen, ohne dabei hinter den erreichten Stand der Produktivkräfte zurückzufallen. Bedenklich ist jedoch ihre besonders in frühen Texten immer wieder durchscheinende Tendenz, die Beschleunigung als solche abzufeiern. Das erinnert an die italienischen Futuristen. Diese künstlerische Avantgardebewegung stimmte bereits vor dem Ersten Weltkrieg ein Loblied auf die revolutionäre Kraft des technischen Fortschritts an, den es in ihren Augen nach Kräften zu befördern galt. Der Futurismus-Begründer Filippo Tommaso Marinetti wollte – wie die heutigen Transhumanisten im Silicon Valley – den Menschen bereits 1911 durch einen mechanischen Typ ersetzen, »der für eine allgegenwärtige Geschwindigkeit konstruiert ist«.

Der Dichter war von den neuen technischen Möglichkeiten in der Medizin und im Transportwesen fasziniert und vermochte es, einen ähnlich gesinnten Freundeskreis um sich zu scharen, Automobile, Flugzeuge und die damals aufscheinenden neuen Perspektiven der Organverpflanzung wurden gepriesen. 1902 hatte der französische Arzt Alexis Carrel eine Gefäßnahtmethode erfunden, die es ermöglichte, Organe von Tieren zu verpflanzen. Das nährte die Zuversicht der Futuristen, dass man auch den Menschen in absehbarer Zeit mit künstlichen Ersatzteilen ausstatten könne. So schrieb der futuristische Maler Umberto Boccioni 1914 in »Pittura scultura futuriste«: »Der Mensch wird mechanische Lebewesen schaffen! Die wissenschaftlichen Experimente von Überpflanzungs- und Zeugungsversuchen bei Tieren sind in der Physiologie schon ein weiterer rudimentärer, aber herrlicher Sieg des Menschen über die Natur. Ehre sei Carrel!«

Mindestens ebenso begeistert waren er und seine Gesinnungsgenossen von den Möglichkeiten der Kriegstechnologie. Sie hingen einem nach außen äußerst aggressiven Nationalismus an, der Marinetti und viele seiner Mitstreiter zu Bundesgenossen der faschistischen Bewegung werden ließ. Von Mussolini wurden die einstigen Rebellen in den autoritären Staat integriert und in den faschistischen Kunstkanon aufgenommen.

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