Aus: Ausgabe vom 26.07.2018, Seite 7 / Ausland

Von unten aufbauen

In Venezuela arbeiten Basisgruppen und Kooperativen an einem Ausweg aus der Krise

Von Ainarú Añez, Caracas
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Grundversorgung in der Stadt: Garten über Caracas zum Anbau von Obst und Gemüse (27.6.2016)

In der vergangenen Woche haben sich im Bundesstaat Portuguesa im Westen Venezuelas mehrere Dutzend Bauern aufgemacht, um zu Fuß die zwischen 400 und 500 Kilometer lange Strecke zwischen ihren Dörfern und der Hauptstadt Caracas zurückzulegen. Dort wollen sie dem Landwirtschaftsministerium ihre Forderungen übergeben. Sie verlangen mehr Unterstützung durch die Regierung, zum Beispiel Landwirtschaftsmaschinen, Bewässerungsanlagen und vor allem die Garantie, auf den von ihnen bearbeiteten Ländereien bleiben zu können. In den vergangenen Monaten war es wiederholt zu Vertreibungen und Übergriffen gekommen.

Venezuelas Wirtschaft ist bislang einseitig auf die Förderung und Verarbeitung des Erdöls ausgerichtet. In der gegenwärtigen Krise, die auch durch den Zusammenbruch der Ölpreise in den vergangenen Jahren ausgelöst wurde, ist der Ruf nach einer Befreiung aus dieser traditionellen Abhängigkeit und nach einer Diversifizierung der Wirtschaft lauter geworden. Der Staat hat bereits hohe Summen für Basisgruppen und Kommunale Räte zur Verfügung gestellt, damit diese eigene Projekte entwickeln können, um die Bedürfnisse der Einwohner zu befriedigen. Ziel ist die »Ernährungssouveränität«, man will sich unabhängiger von Lebensmittelimporten machen.

Kollektive Landwirtschaft

Ein Beispiel ist die seit 2009 existierende »Sozialistische Kommune El Maizal« (Maisfeld), zu der sich 22 Kommunale Räte aus den Bundesstaaten Portuguesa und Lara zusammengeschlossen haben. Mehr als 100 von der Regierung finanzierte Projekte konnten seither realisiert werden. So widmen sich die Aktivisten dem Maisanbau, bauen neue Einrichtungen und Verkehrswege und kümmern sich um die Kultivierung anderer Nutzpflanzen für Nahrungsmittel. Von überregionaler Bedeutung ist die Kommune, weil Maismehl ein unverzichtbarer Bestandteil der venezolanischen Küche ist. Die Waren von »El Maizal« finden sich deshalb heute in den Lebensmittelpaketen, die über die »Lokalen Komitees für Versorgung und Produktion« (CLAP) vertrieben werden.

Manchmal findet sich in diesen Paketen, die an die Familien zu staatlich subventionierten Preisen abgegeben werden, auch Seife. Die stammt dann meist aus den »Chemischen Industriebetrieben Mastranto«, einer Kooperative im zu Caracas gehörenden Antímano. Die Stücke sind Handarbeit aus natürlichen Rohstoffen – und werden dringend gebraucht, denn Hygieneprodukte gehören zu den Waren, die in den Supermärkten kaum noch zu bekommen oder unbezahlbar sind.

Revolutionäre Kultur

Auf staatliche Unterstützung verzichtet dagegen der vor allem kulturpolitisch aktive Komplex »Tiuna El Fuerte« in Caracas. Wörtlich übersetzt heißt der Name »Tiuna der Starke«, ein Hinweis auf den im 16. Jahrhundert gegen die spanischen Kolonialherren kämpfenden Kaziken Tiuna. Doch der Name ist auch eine Anspielung darauf, dass das Zentrum direkt am Gelände des Hauptquartiers der venezolanischen Streitkräfte liegt, der »Fuerte Tiuna«, der Tiuna-Festung.

Seit 2005 wird sich auf einem früher brachliegenden Gelände urbaner Kultur gewidmet: Graffiti, Kino, Skaten, Musik, Zirkus. Es gibt ein Restaurant, in dem leckerer Eintopf serviert wird, und Kursangebote, die sich nicht nur um Kunst, sondern auch um Themen wie Umweltschutz drehen. »Tiuna El Fuerte« ist inzwischen ein kleines Ökosystem mit Bäumen und natürlich gewachsenen Dächern und Wänden aus Pflanzen geworden. Prompt haben sich einige einheimische Vögel auf dem Gelände angesiedelt, unter anderem Aras und Kolibris.

Seit Hugo Chávez im Februar 1999 sein Amt als Präsident Venezuelas antrat, hat die von ihm initiierte »Bolivarische Revolution« aktiv die Beteiligung von unten und die Selbstorganisation des Volkes gefördert. Ein Ansatz waren in den ersten Jahren des Prozesses die »Bolivarischen Zirkel«, in denen sich die Anhänger der Regierung organisierten. Sie verschwanden später und wichen anderen Formen. Nachdem Chávez 2005 offiziell das Ziel ausgegeben hatte, den Sozialismus aufbauen zu wollen, wurde eine »neue Geometrie der Macht« entworfen, die den Basisorganisationen größeren Einfluss auf die Entscheidungen des Staates ermöglichen sollte. Es entstanden die Kommunalen Räte als Selbstverwaltungsorgane auf lokaler Ebene und die »Colectivos«. Diese in oppositionellen und internationalen Medien meist als militante oder gar paramilitärische Strukturen verteufelten Gruppen widmen sich unterschiedlichsten Aufgaben. Es gibt feministische, ökologische oder landwirtschaftliche Colectivos, andere kümmern sich um politische und ideologische Arbeit. Diese Gruppen im ganzen Land stehen in direktem Kontakt mit der nationalen Regierung, um so die Bürokratie zu umgehen und effektive Lösungen von Problemen in den Gemeinden erreichen zu können.

Venezuela befindet sich im Umbruch. Die Entwicklung alternativer Strukturen und Ansätze wird durch die schwere Krise erschwert, doch die Basis ist gelegt, damit das Land unabhängiger und souveräner wird.

Übersetzung: André Scheer

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