Aus: Ausgabe vom 26.07.2018, Seite 6 / Ausland

Tel Aviv hilft Islamisten

Nach dem Abschuss eines syrischen Kampfjets wirft Damaskus Israel »Terrorunterstützung« vor

Von Karin Leukefeld
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Explosion in entmilitarisierter Zone: Rauch steigt im syrischen Teil der Golanhöhen auf (23.7.2018)

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat den Abschuss eines syrischen Kampfjets im Südwesten des Nachbarlandes durch die israelische Armee (IDF) als »angemessen« bezeichnet. Die syrischen Streitkräfte bestätigten den Tod eines der zwei Piloten. Damaskus wirft Tel Aviv vor, mit dem Angriff »bewaffnete Terrorgruppen« zu unterstützen. Der Jet war im Einsatz gegen die »Khalid Ibn Al-Walid«-Armee im Jarmukbecken.

Ein IDF-Sprecher gab an, der Kampfjet habe »israelischen Luftraum« verletzt und sei daraufhin mit zwei »Patriot«-Raketen abgeschossen worden. Vorher habe man sich vergewissert, dass es sich nicht um eine russische Maschine handelte. Erst am Wochenende, anlässlich der spektakulär inszenierten »Rettungsaktion« für die sogenannten Weißhelme, hatte ein IDF-Sprecher bekräftigt, man halte sich im Syrien-Krieg an das Gebot der Nichteinmischung.

Zum Abschuss des Kampfjets sagte ein namentlich nicht genannter Sprecher der syrischen Streitkräfte der Nachrichtenagentur SANA, das Flugzug habe über dem Territorium der Arabischen Republik am Rande des Jarmukbeckens operiert. Syrische und jordanische Kampfjets hätten am Dienstag seit den frühen Morgenstunden das Gebiet im Südwesten bombardiert, um die dort verbliebenen Terrorgruppen zu vertreiben. Das Einsatzzone entlang der Grenzen zu Jordanien und den von Israel besetzten Golanhöhen umfasste 50 Quadratkilometer.

Weil auch jordanische Kampfjets an den Angriffen teilnahmen, war die US-geführte »Anti-IS-Allianz«, der Jordanien angehört, über den Einsatz der syrischen Kampfjets informiert. Aufgrund der engen Koordination zwischen Israel, Russland und den USA dürfte der IDF-Führung klargewesen sein, dass der Kampfjet – sollte er tatsächlich den Luftraum über den besetzten Golanhöhen benutzt haben – nicht Israel, sondern die IS-Kampfverbände im Jarmukbecken angreifen wollte.

Tel Aviv sprach von einer Verletzung des Abkommens von 1974. Demnach besteht zwischen dem von Israel besetzt gehaltenen Teil der Golanhöhen und Syrien eine entmilitarisierte Pufferzone, die von UN-Blauhelmen überwacht wird. Israel hatte indes seit Beginn des Syrien-Krieges 2011 gerade in dieser Zone bewaffnete syrische Oppositionelle humanitär, logistisch und militärisch unterstützt – ein klarer Verstoß gegen das Übereinkommen.

Das Jarmukbecken ist nach dem gleichnamigen Fluss benannt, der von Syrien her in den Jordan fließt. Hier befinden sich noch Einheiten der »Khalid Ibn Al-Walid«-Armee, die vor einem Jahr vom UN-Sicherheitsrat auf die Liste der Terrororganisationen gesetzt worden war, weil sie gemeinsam mit dem »Islamischen Staat« und mit Al-Qaida verbündeten Milizen in Syrien kämpft. Die 2015 gegründete Gruppe war mit dem Ziel angetreten, in der syrischen Provinz Deraa einen Scharia-Staat zu errichten, in dem der Koran das oberste Gesetz sein sollte. Die Miliz verfügte 2017 über rund 2.000 Kämpfer.

Israel ist derweil mehr besorgt über die Anwesenheit des mit Damaskus verbündeten Iran in Syrien als über die des IS oder mit Al-Quaida verbündeter Gruppen. Bei einem Treffen zwischen dem russischen Außenminister Sergej Lawrow und dem russischen Generalstabschef Waleri Gerassimow mit Netanjahu am Montag soll der israelische Ministerpräsident erneut den kompletten Abzug des Iran aus Syrien gefordert haben. Im Gegenzug werde Tel Aviv dem Verbleib von Präsident Baschar Al-Assad im Amt vorerst zustimmen.

Die Nachrichtenagentur Reuters hatte zudem berichtet, Moskau habe ein weiträumiges Deeskalationsgebiet entlang der Golanhöhen vorgeschlagen, aus dem sich alle »nichtsyrischen Truppen« zurückziehen sollten. Tel Aviv habe das zurückgewiesen. Lawrow dementierte die Reuters-Darstellung und bezeichnete die russisch-israelischen Gespräche als »konstruktiv«.

Verbliebene IS-Einheiten haben am Mittwoch zwei schwere Anschläge in der südsyrischen Stadt Sweida verübt. Bei den Explosionen in zwei Wohnvierteln der Stadt wurden mindestens 50 Menschen getötet und Dutzende verletzt.

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