Aus: Ausgabe vom 25.07.2018, Seite 10 / Feuilleton

Kind, George, Loebner

Von Jegor Jublimov
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Am Montag wäre der vor zwei Jahren verstorbene Götz George, bekannt als Schimanski, 80 Jahre alt geworden.

Als Schauspieler muss man sich manches bieten lassen – besonders, wenn Pubertierende das Parkett bevölkern. In Halle guckte Kurt Böwe als Faust nicht schlecht, als er plötzlich per Wasserpistole vollgespritzt wurde. Jahre später hat sich Michael Kind, der mit seiner Hauptrolle in dem »Polizeiruf«-Film »Explosion« und fast 300 Folgen der ZDF-»Küstenwache« weithin bekannt wurde, beim nunmehrigen Kollegen dafür entschuldigt, dass er als 13jähriger so ein Kindskopf gewesen ist. Nachdem er in Berlin-Schöneweide Schauspiel studiert hatte und in Schwerin, am Berliner Ensemble und am Deutschen Theater auftrat, ist ihm selbst – soweit bekannt – ähnliches erspart geblieben. Nach vielen TV-Verpflichtungen gastiert der seit Montag 65jährige beispielsweise mit Shakespeare in Meiningen. Da sollte sich doch etwas machen lassen!

Am selben Tag wäre der vor zwei Jahren verstorbene Krimikollege Götz George, bekannt als Schimanski, 80 Jahre alt geworden. Der Sohn des Schauspielerehepaars Berta Drews und Heinrich George verlor schon als Kind seinen Vater in der Lagerhaft. Ihm hat er künstlerisch nachgeeifert und wurde ein ebenso starker Charakterspieler. Obwohl er immer wieder Entschuldigungen für den einstigen Naziliebling fand, ist er seinem Vater politisch nicht nachgefolgt und hat in antifaschistischen Filmen wie »Kirmes« (1960), »Herrenpartie« (1964) und »Aus einem deutschen Leben« (1977) Hauptrollen übernommen.

Wem konnte man die erste Karl-May-Verfilmung in der DDR anvertrauen? Mit Vera Loebner kam eine Frau zum Zuge. Sie machte aus einem Teil von Mays im Erzgebirge spielender Heimat- und Kriminalstory »Der verlorene Sohn« 1986 das spannungsvolle Vergnügen »Das Buschgespenst« – auch dank der Komödianten Rolf Ludwig und Kurt Böwe. In dieser Phase war die Loebner bereits eine anerkannte Filmregisseurin des DFF, die anspruchsvolle Stoffe von Anna Seghers, Erich Kästner, Peter Turrini adäquat umsetzte.

Blutjung verschlug es Vera Loebner, die heute vor 80 Jahren im jetzt polnischen Sorau zur Welt kam, in den sechziger Jahren zum DFF. Sie hatte als Bildregisseurin von Theaterinszenierungen eine gute Schule, und in den siebziger Jahren inszenierte sie viele Stoffe der Reihe »Der Staatsanwalt hat das Wort«, aber auch Fernsehspiele wie »Guten Morgen, du Schöne« nach Maxie Wander oder Tennessee Williams’ »Süßer Vogel Jugend« mit Inge Keller. Das brachte ihr den Kunstpreis der DDR ein. In den achtziger Jahren drehte sie u. a. die Adaption des volksbildungskritischen Romans von Alfred Wellm »Pause für Wanzka« (1989/90), für die sie zehn Jahre lang gekämpft hatte. Zwar musste sie seit den neunziger Jahren ihre Ansprüche herunterschrauben, aber die von ihr gedrehten Episoden der Serien »Liebling Kreuzberg«, »Unser Lehrer Doktor Specht« und »Für alle Fälle Stefanie« zählen im künstlerischen Ausdruck und der psychologischen Charakterisierung zu den besten.

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