Aus: Ausgabe vom 25.07.2018, Seite 5 / Inland

Strafzölle wären verkraftbar

Deutsche Autobauer produzieren in Nordamerika und wären von US-Importabgaben kaum betroffen

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Yeeha! Daimler-Boss Dieter Zetsche (l.) mit dem früheren Gouverneur von Kalifornien, Arnold Schwarzenegger, auf der Auto Show in Detroit (14.1.2018)

Am heutigen Mittwoch empfängt US-Präsident Donald Trump EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker in Washington. Hauptthema der Gespräche wird der Handelskonflikt beider Wirtschaftsmächte sein. Zuletzt hatte Trump Strafzölle auf importierte Autos aus der EU ins Spiel gebracht. »Zölle sind das größte!« frohlockte Trump am Dienstag auf Twitter.

Im Jahr 2017 wurden, laut Ferdinand Dudenhöffer vom CAR-Institut an der Universität Duisburg-Essen, in den USA insgesamt 17,2 Millionen Fahrzeuge verkauft. Ein Drittel davon wurde importiert. Die eingeführten neuen Pkw hatten laut US-Handelsministerium einen Wert von 191 Milliarden Dollar (163 Milliarden Euro). Autos aus den Nachbarländern Mexiko und Kanada machten dabei den größten Teil mit 47 beziehungsweise 43 Milliarden Dollar aus. Danach folgten Japan mit 40 Milliarden und Deutschland mit 20 Milliarden Dollar.

Dem europäischen Branchenverband Acea zufolge geht mehr als ein Viertel aller Kfz-Exporte aus der EU in die USA. Allein Deutschland exportierte 2017 laut Verband der Automobilindustrie (VDA) rund eine halbe Million Fahrzeuge dorthin, bei 5,6 Millionen gebauten Autos insgesamt. Die deutschen Hersteller BMW, Daimler und der Volkswagen-Konzern verkauften vergangenes Jahr in den USA zusammengerechnet mehr als 1,2 Millionen Fahrzeuge.

Dudenhöffer hält zwei Szenarien für denkbar: Im unwahrscheinlicheren würde Trump ausnahmslos alle Importautos mit Strafzoll belegen. Das würde allerdings sechs Millionen Neuwagen und auch US-Hersteller wie Ford, Chrysler und General Motors (GM) empfindlich treffen. Sie bauen Hunderttausende Autos in Mexiko und Kanada. Deshalb hält es Dudenhöffer für wahrscheinlicher, dass Trump die Nachbarländer ausnimmt. Dieses Szenario wäre – je nach Ausgestaltung – auch für die deutschen Konzerne verkraftbar, weil sie in den USA und Mexiko große Fabriken haben. So könnten sie Importe aus der EU reduzieren und dafür mehr in Übersee produzieren.

Allerdings werden in Nordamerika nicht alle Modelle und Marken hergestellt, die dort verkauft werden, und umgekehrt. Deshalb blieben die Folgen solcher Strafzölle nur dann gut überschaubar, wenn Importe und Exporte je Herstellergruppe gegengerechnet werden. Sonst würden etwa fast alle Autos der zu Volkswagen gehörenden Marken Porsche und Audi mit Strafzöllen belegt. Hart treffen würde es in jedem Fall Hersteller ohne Produktion in Nordamerika, wie Jaguar Land Rover oder Volvo.

Selbst in einem Szenario, in dem Trump alle aus Europa importierten Autos abstraft, würde das die deutschen Hersteller laut Dudenhöffer nicht in Schieflage bringen. Sowohl Daimler als auch BMW exportieren weniger als ein Zehntel ihrer weltweit verkauften Autos in die USA. Bei Volkswagen wäre es sogar weniger als ein Zwanzigstel. (AFP/jW)

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